
Sie heißen "üg" oder "ni", "da" oder "iv", die Stücke von dem Franzosen Mark Andre. Der 1964 geborene Pariser ist Composer in Residence der Salzburger Mozartwoche. Seine Werke standen in der Tanzproduktion "gefaltet" von Sasha Waltz in spannendem Dialog zur Musik Mozarts. Im weiteren Verlauf gab es ein Gesprächskonzert (am Dienstag), und nach dem konzertanten "Hauptabendprogramm" der Mozartwoche sind jeweils "Nach(t)stücke" angesetzt: jeweils einem Kammermusik- oder Kammerorchesterwerk, bei freiem Eintritt. Erstaunlich:
Gar nicht so wenige Mozartwöchner bleiben auch zu später
Stunde.
Die Doppelbuchstaben sind immer Abkürzungen, "üg" zum Beispiel steht für "Übergang". Ein knapper Titel für ein beinah opulentes Werk, dessen großer Reiz in größter Zurückhaltung liegt. Gerade Istanbul sei für ihn eine Stadt des Übergangs, zwischen den Religionen, zwischen den Kontinenten, zwischen Zeiten und Kulturen, erzählte der Komponist.
Der Klang von Istanbul
Aufnahmen in Moscheen und anderen Sakralbauten, in Krankenhäusern und auf Plätzen der Stadt zwischen den Kontinenten liegen der Komposition zugrunde. Tatsächlich schienen diese Einspielungen von fremdsprachigen geflüsterten Wortfragmenten oder auch einem Wellenrauschen aus einer anderen Welt herüber zu klingen. Realisiert wurde die Live-Elektronik von den Meistern des Experimentalstudios des SWR. Es spielte das Österreichische Ensemble für Neue Musik unter der Leitung von Peter Rundel.
Man hört Luftgeräusche der Blasinstrumente oder (seltener) Klappengeräusche, dafür häufig jene dumpfmarkanten Klänge, die entstehen, wenn man mit der Handfläche auf das Mundstück eines möglichst tiefen Blechblasinstrumentes klopft; bei den Streichern sind es tonlos gestrichene Saiten beziehungsweise Striche auf dem Steg oder seitlich am Steg (dieses vor allem beim Kontrabass), Striche mit unterschiedlich starkem Druck auf den Saiten, bis hin zum gepressten Knarren an der Grenze zum Geräusch - all diese Ingredienzen kennt man spätestens seit Lachenmann, dessen Schüler Mark Andre war.
Mit kleinsten musikalischen Gesten, Geräuschen, Tönen werden da Klangräume geöffnet. Es ist der Übergang vom Geräusch zum Ton, der den Komponisten interessiert. Und es gelingt ihm, seine Zuhörer ebenfalls dafür zu interessieren - bis kurz vor dem endgültigen Verschwinden des Klanges sich reine Quinten und Obertonwirkungen zu schillernden Klangspektren auffächern. Dazwischen: Räume der Stille. Spannend.
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