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  • Artikel vom 22.02.2012, 17:05 Uhr

Kunst

Update: 22.02.2012, 17:34 Uhr
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Secession: Rudolf Stingel in Hauptraum, Recent Works von Michael Snow in der Galerie

Und er ist doch ein Märtyrer


Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Rudolf Stingel unternimmt eine Selbstinszenierung mit religiösen Querbezügen: Die beabsichtigte Ironie kommt gegen die mystische Überhöhung des Künstlers jedoch nicht an.

Rudolf Stingel unternimmt eine Selbstinszenierung mit religiösen Querbezügen: Die beabsichtigte Ironie kommt gegen die mystische Überhöhung des Künstlers jedoch nicht an.© 2012©joritaust.com Rudolf Stingel unternimmt eine Selbstinszenierung mit religiösen Querbezügen: Die beabsichtigte Ironie kommt gegen die mystische Überhöhung des Künstlers jedoch nicht an.© 2012©joritaust.com

Der kanadische Künstler Michael Snow ist ein lang gehegter Wunschkandidat in der demokratischen Auswahl des Künstlervorstands der Secession. Der 1928 in Kanada geborene Musiker und Filmer, der in den Sechzigerjahren den fließenden Übergang seiner Sparten zu Malerei, Skulptur und Fotografie für einen Wechsel nützte, liegt mit seinen sieben Positionen in der Galerie und im Grafischen Kabinett voll im Trend eines anhaltenden seriösen Grenzgangs zwischen den Medien. Seine Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung, mit mathematischen Achsen als Potenzen im Ausstellungsraum, aber auch der Interaktion zwischen Betrachter und Präsentation von Filmen wie Gemälden im Museum, beinhaltet viele Entdeckungen und Zwischentöne voll sanfter Ironie. Als experimenteller Filmemacher ist er seit Jahren ein Fixpunkt im Programm des Wiener Filmmuseums, weshalb nun dort im Rahmen einer Kooperation weitere vier Arbeiten für den Kinoraum gezeigt werden.

Information

Ausstellung
Rudolf Stingel und Michael Snow
Secession
Bis 15. April

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Männlicher Weiheraum
Rudolf Stingel macht aus dem Hauptraum der Secession, passend zum Aschermittwoch, einen Weiheraum der männlichen Melancholie. Links und rechts hängen in den Seitenschiffen des basilikalen Raums zwei große Reliefs aus schwarzem Gips, die ein barockes Tapetenmotiv plastisch erweitern. Blüten, Blätter und abstrakte Rocaillen in Rokokomanier lösen eine Kette an Assoziationen in Richtung neureicher Wohnräume aus, aber auch an die Mahnungen eines Adolf Loos angesichts des Dekors am Secessionsgebäude und seiner Kritik am Jugendstil an sich.

Bis hier ist die schwarze Ironie im Konzept des Künstlers noch erkennbar und verbindet sich durchaus mit seinen Teppicharbeiten und Anleitungen, die abstrakte Malerei in neuen Mustern zu sehen. Doch an der Stirnwand hängt, als Erfüllung der Kreuzform in erweiterter Raumachse wie ein Altarbild mit zwei Flügeln, ein Selbstporträt, das nach einer Fotografie von Sam Samore 2006 mit sichtbarer Pinselstruktur gemalt wurde. Ein nicht mehr junger Mann im Nadelstreifanzug hat seinen Kopf auf ein weißes Kissen gebettet. Im einen Auge blitzt ein Glanzlicht auf, das an die barocken Halbfiguren von Märtyrern mit schon auf das Jenseits gerichteten Blick erinnert. Im Katalog erklärt die kunsthistorische Ableitung die Bezüge des monumentalen Formats, verdeutlicht durch perspektivische Unteransicht des Liegenden, zu Andrea Mantegnas "Beweinung Christi" (1480) mit extrem verkürztem Körper auf dem Salbstein. Angeblich soll diese Inszenierung das Heroische des Künstlers und sein Selbstverständnis untergraben, indem sie es als solches wiederholt und die kirchliche Aura des Hauptraums der Secession zum Mausoleum erklärt.

Das funktioniert jedoch nicht. Der Blick kann noch so sehr das Nichts beschwören, das schon die romantische Malerei in geistvollen Nebelschwaden auf die Leinwand zauberte: Es bleibt ein vordergründiges Zitat voll Stimmung und Kunst-als-Religion-Flüstern.

Vergebliche Distanzierung
Da kommt auch der Bezug zum einen Stock tiefer installierten "Beethoven-Fries" Gustav Klimts nicht als Kontrakonzept zu Hilfe. Obwohl Stingel die Distanzierung zur Stilisierung des Künstlers zum Genie oder Märtyrer versucht, gibt er sich ihr dennoch hin. Stingel lehnt sich zudem mit seiner unbunten Grisaillenmalerei an das Schwarzweiß analoger Fotografie an, doch der Funke an Ironie gegenüber dem Grundton des männlichen Melancholiekonzepts mag damit nicht überspringen. Historisches Zitat und fotorealistisches Bildkonzept nach Filmen und Fotos erinnern zwar an Ideen Walter Obholzers, der das Genie tatsächlich untergrub.

Auch andere Kollegen haben zugunsten der Erweckung eines aktuellen Künstlertyps im symmetrischen und weißen Weiheraum gearbeitet. Die "ehrfürchtige Distanz" ist zwar formal gebrochen, aber das inhaltliche Muster in Bezug auf das männliche Selbst bleibt ohne Bruch. Eine
Anleitung zur schwarzen Ironie gegenüber dem Künstlerselbst durch einen Nachtkönig wie Jürgen Klauke könnte der ganzen Secession nicht schaden, da das Programm in letzter Zeit nicht mehr an früher ausgelöste Diskurse herankommt. Derzeit weht der Wind nicht Richtung mildem Frühling an diesem wichtigen Ausstellungsort.




Schlagwörter

Kunstkritik, Secession, Stingel, Snow

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-22 16:11:07
Letzte Änderung am 2012-02-22 17:34:41



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Siehe auch: http://bit.ly/JrMvnU

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