
Die erste Bekanntschaft mit der antiken Mythologie machte ich im Vorschulalter in der Form eines mit Franzbranntwein gefüllten Fläschchens, das meine Großmutter zum Zwecke des Knieeinreibens in ihrem Schlafzimmer aufbewahrte. Das Etikett, welches bis heute in unveränderter Form ein durchblutungsförderndes mentholhältiges Produkt bewirbt, zeigt eine kraftvolle junge Frau, die mit gespanntem Bogen ihr Ziel anvisiert. Erst sehr viel später sollte ich erfahren, was es mit der faszinierenden Bogenschützin auf sich hat.
Im Wiener Gartenpalais Liechtenstein, das seit kurzem bedauerlicherweise nicht mehr als reguläres Museum firmiert, ist das Diana-Sujet unter anderem in Form eines barocken Trinkspiels präsent. In den Fürstlichen Sammlungen kommt die schöne Jägerin, die sich in den überlieferten Geschichten den erotischen Begierden der Männer beharrlich zu entziehen vermochte, in verschiedenen erzählerischen Zusammenhängen vor.
Zum Gaudium der Tafelrunde
Das hier abgebildete Meisterwerk der Goldschmiedekunst diente einst als Trinkspiel der Repräsentation von hohen Herrschaften. Diana, die Göttin der Jagd, sitzt als silberne Figur auf einem goldenen Hirsch; der darunter befindliche Sockel verbirgt ein Laufwerk, welches das mit Rädern ausgestattete Objekt in vorgegebenen Bewegungsabläufen über eine Fläche zu befördern vermag. Zum Einsatz kamen derartige Automaten an den festlichen Tafeln von Adeligen oder Patriziern.
Sobald das Federwerk aufgezogen war, setzte sich der Automat nach Betätigung eines Entriegelungshebels in Bewegung. Nach einer Strecke von rund 60 Zentimetern veränderte er, von einem schwenkbaren Steuerrad gelenkt, die Laufrichtung um 90 Grad. Nach viermaliger Richtungsänderung kam er schließlich zum Stillstand. Der Gast, vor dem er sich nun befand, musste den Hirsch mit der auf ihm befindlichen Diana vom Sockel nehmen, den Kopf mit dem Geweih abziehen und den mit Wein gefüllten Korpus des Tieres zur Gänze austrinken.
Waren die ersten Schlucke noch problemlos zu bewältigen, so bestand – infolge der ungewöhnlichen Form des Trinkgefäßes – im weiteren Verlauf der Prozedur die Gefahr, dass der Wein über die Kleidung und das Gesicht verschüttet wurde. Freilich zielte die ganze Übung gerade auf ein solches Gaudium ab. Der abgenommene Kopf des Tieres diente übrigens als Becher für die benachbarte Dame an der Tafel.
Stereotype Verhaltensmuster
Die Einstellung des regulären Museumsbetriebs im Dezember 2011 erfolgte infolge zu niedriger Besucherzahlen. Über die Ursachen für das Besuchermanko können nun verschiedenste Spekulationen angestellt werden.
Viele der im Gartenpalais zur Schau gestellten Objekte berühren – wie im Falle des hier vorgestellten Objekts – die antike Mythologie. Einer der Gründe für die niedrige Besucherfrequenz mag wohl in dem Unvermögen vieler Zeitgenossen, die mythologischen Motive zu entschlüsseln, liegen. Schade, denn die alten Mythen liefern mancherlei Erklärungen für die Kräfte der Natur und erläutern bildhaft stereotype menschliche Verhaltensmuster. . .
Print-Artikel erschienen am 9. Februar 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7