
Die Kärntner Straße in der Wiener Innenstadt ist in architektonischer Hinsicht immer schon eine recht auffällige Gegend gewesen. Wenn man vom Standort des umstrittenen, kürzlich von David Chipperfield errichteten Geschäftshauses der Bekleidungsfirma Peek & Cloppenburg Richtung Stephansdom schlendert, so gelangt man alsbald (auf Höhe der im Kärntner Durchgang befindlichen Loos-Bar) zu jenem Bereich, wo Kaiser Maximilian I. im Jahr 1509 eine skurrile Fassadengestaltung ins Werk setzen ließ.
Impulsgebend für die kaiserliche Anordnung war der Selbstmord des niederösterreichischen Kanzlers Hanns Waldner gewesen, der in seinem Wohnhaus, dem sogenannten Waldnerhaus, Selbstmord verübt hatte, nachdem er des Hochverrats bezichtigt worden war. Der Kaiser ordnete daraufhin an, das Gebäude mit Jägern, Hasen und Hunden im Sinne einer "verkehrten Welt" zu bemalen, "damit des Waldners Name durch solch seltsames Gemälde vergessen und es fortan das Haspelhaus (=Jagdamt) genannt werde".
Der Kosmos der Hasen . . .
In einer Abfolge von mehr als 30 Einzelszenen wurden die vertauschten Rollen von Hasen und Jägern gezeigt. Nachdem die Hasen zum fröhlichen Halali geblasen haben, stoßen sie im Wald auf die Jäger und ihre Hunde. Im Nu sind diese überwältigt. Die Jäger werden nun von den Hasen in einem Delinquentenkarren abtransportiert.
Sodann hält der Hasenkönig Gericht über die Jäger. Auf Knien winseln diese vor ihrem Gerichtsherrn um Gnade, was ihnen freilich nichts nützt. Sogleich werden die Jäger arretiert und hernach auf den Richtplatz überstellt, wo Hasenhenker unbarmherzig ihres Amtes walten. Auf den folgenden Bildern werden die Jäger gefoltert, gerädert, geköpft und gehängt.
. . . und der Planet der Affen

Am Schluss machen die Hasen auch noch Jagd auf Tiere. Vor allem die Greifvögel, mit denen üblicherweise Hasenjagden veranstaltet wurden, aber auch Bären und Wildschweine sind vor den Hasen nicht sicher.
Das dargestellte Sujet war weit verbreitet. Auch in der frühneuzeitlichen Stadt Salzburg gab es ein Hasenhaus. Der Meistersänger Hans Sachs hatte schon um 1550 einen entsprechenden Schwank verfasst. In abgewandelter Form klingt das Motiv übrigens auch in dem Film "Planet der Affen" (1968) sowie in seinen Nachfolgefilmen an.
Print-Artikel erschienen am 16. Februar 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7