Wenn es etwas gibt, das einen das Leben lehrt, dann ist es Warten. Wir warten auf die Straßenbahn, auf den Arzt, auf einen Anruf, darauf dass der Arbeitstag vergeht, dass Träume in Erfüllung gehen, auf rosigere Zeiten. Doch die Sehnsucht formuliert im Augenblick ihrer Erfüllung schon das nächste Ziel. Unfreiwilliges Warten macht nervös und kribblig vor allem, wenn es als passive Einheit zwischen zwei aktiven Sequenzen verstanden wird. Dabei ist Nichtstun wichtig, um neue intellektuelle Ressourcen zu bilden, wie die Hirnforschung inzwischen herausgefunden hat.
Es gibt keinen schöneren Ort auf der Welt für das Nichtstun als das Kaffeehaus. Wer sich einmal in Gefilden befunden hat, in denen es nicht selbstverständlich ist, eine Lokalität aufzusuchen des bloßen Zeitvertreibs willen, der weiß, wovon hier die Rede ist. Sinnvoller kann man eine passive Einheit nicht verbringen. Wer hätte nicht schon einmal festgestellt, dass sich Wartezeiten mit einer Zeitung und einem Kaffee aufs Vortrefflichste gestalten lassen. Kaffeehausatmosphäre lässt sich in diesem Sinne auch in einem schmucklosen Wartezimmer manifestieren.
Doch nein, das echte, unverfälschte Kaffeehaus mit den charakteristischen Marmortischen und den gepolsterten Bänken in verschwiegenen Nischen, das kann kein "als ob" ersetzen. Es ist ein Kulturgut, da gibt es gar keine Diskussion darüber. Das hat nun zu guter Letzt auch die Unesco erkannt und dem Antrag des Klubs der Wiener Kaffeehausbesitzer stattgegeben. Bei einem Festakt Mitte November wurde die Wiener Kaffeehauskultur in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. "Die Wiener Kaffeehauskultur ist schon seit sehr langer Zeit eine fixe Größe in der österreichischen Kultur", meinte der überglückliche Klubobmann Maximilian Platzer anlässlich der Urkundenverleihung.
Nun ist also mit Brief und Siegel bestätigt, was Generationen von Kaffeehausbesuchern schon lange wissen und ihr bevorzugtes Refugium als Ort begreifen, "in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht". "Das Kaffeehaus erspart uns sozusagen die Wohnung", sagte Egon Erwin Kisch, der wie Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Peter Altenberg und Hugo von Hofmannsthal zu den legendären Kaffeehausliteraten der Jahrhundertwende gehörte. "Im Kaffeehaus sitzen Leute, die alleine sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen!", analysierte der Schriftsteller Alfred Polgar, ebenfalls begeisteter Kaffeehausbesucher.
Ganz dieser Tradition verhaftet, verbrachten wir die Studienzeit in diversen Innenstadtkaffeehäusern. Wollte man Freund X treffen, musste man in die Stallburg, ein Kaffeehaus in der Bräunerstraße, das es leider nicht mehr gibt, Freundin Y war hauptsächlich im Maximilian in der Nähe des neuen Institutsgebäudes anzutreffen. Dabei konnte es schon einmal vorkommen, dass das Warten im Kaffeehaus, die passive Einheit zwischen zwei aktiven, zum Selbstzweck wurde und Termine von der Hauptsache zu Nebensächlichkeiten mutierten. Ob man bei diversen angeregten Diskussionen über Gott und die Welt nicht ohnehin mehr fürs Leben lernte als in öden Vorlesungen? Rückblickend kann die Frage mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden. Dem väterlichen Oberkellner des Bräunerhofs, der wohl wissend um die schmalen Geldbörsen der Studenten nimmermüde und mit stets freundschaftlichem Lächeln Wasser servierte, sei hier ein Denkmal gesetzt.
Wir sollten die "Kulturtechniken der Muße" wiederentdecken, meinte der Soziologe Hartmut Rosa vor einiger Zeit in einem Interview in dem deutschen Wochenmagazin "Die Zeit". Muße definiert die österreichische Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny als "die Intensität des Augenblicks, der sich zeitlich zu Stunden oder Tagen ausdehnen kann, um sich auf ein Einziges zu konzentrieren: Eigenzeit."
Eigenzeit bei mehreren kleinen Braunen in angenehmer bis herausfordernder Gesellschaft verbracht zu haben, gehört zu den schönsten Erinnerungen an die Studienzeit.
Ein bisschen Geschichte
Viele der Wiener Traditionsbetriebe bestehen seit mehr als 100 Jahren und legten stets großen Wert auf die Erhaltung des Flairs früherer Zeiten. Dies mache das Wiener Kaffeehaus zu einem Treffpunkt mit Seele und Herz für Jung und Alt, schwärmt Platzer. Obwohl Wien nicht die erste Stadt mit einem Kaffeehaus gewesen ist, wurden hier die Kaffee- und Kaffeehauskultur maßgeblich verfeinert. Schon im 12. Jahrhundert gab es in Mekka etliche Kaffeehäuser. 1647 eröffnete in Venedig das erste europäische Kaffeehaus. Erste englische Kaffeehäuser wurden 1650 und 1652 gegründet. Im Jahre 1683 zog Wien nach. Sinn und Zweck der Kaffeehäuser war und ist die Kommunikation auf neutralem Boden.
Die Geschichte des Wiener Kaffeehauses ist eng mit der Türkenbelagerung verbunden. Das erste seiner Art wurde von dem armenischen Spion Deodato gegründet, der vom Wiener Hof mit der Zubereitung von Kaffee betraut war. Wessen Idee es war, das schwarze, bittere Getränk mit Milch und Zucker zu verfeinern, ist nicht belegt, aber es machte den Kaffee in Wien erst richtig beliebt und verhalf den Kaffeehäusern zum großen Durchbruch. Begriffe wie Großer Brauner, Melange, Verlängerter gab es damals nicht. Stattdessen reichte einem der Kellner eine Farbpalette, die von Schwarz bis Milchig-Weiß reichte. Man bestellte seinen Kaffee nicht nach Namen, sondern nach Farbe. Je schwärzer desto stärker, je heller desto milder.
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