
Sie sind überall. Sie erstrecken sich in Regalen vom Boden bis zur Altbauzimmerdecke, säumen die Wände von Vorraum, Wohnzimmer und Gang, scheinen auf ihren Brettern über den Türen zu Bad und Kinderzimmer zu schweben. Zwischen 25.000 und 30.000 Bücher hat Wolfgang Telesklav, 45, bereits gesammelt. Nicht alle haben in seiner Wohnung im zweiten Wiener Gemeindebezirk Platz. Deswegen hat er eine leerstehende ehemalige Schlosserei im Souterrain zusätzlich angemietet. Dort stehen noch rund 40 Kisten mit Büchern, die darauf warten, dass der Keller instand gesetzt wird, um eine ordentliche Bibliothek abzugeben.
Bücher sind ein besonderes Sammlergut. Es kann der Inhalt wichtig oder das Buch als Medium von Interesse sein. Man kann sie nach Autoren sammeln oder Themenbereichen oder bestimmten Epochen. Es kann zuerst wichtig sein, alle Bücher eines Schriftstellers zu haben. Später wird dieser als Mensch und werden Bücher über ihn interessant. Bei Telesklav hat die Leidenschaft als Kind mit Karl May angefangen. Schon damals wollte er alle Bücher lesen, die der Autor verfasst hat, sie vollständig zu Hause haben. "Jetzt, als Erwachsener, interessieren mich seine Bücher nicht mehr. Aber als Person, als historische Figur ist Karl May nach wie vor interessant", erklärt er.
Als Sammler geht es ihm noch immer in erster Linie um den Text, um den Inhalt. Jetzt ist der studierte Ethnologe vor allem auf der Suche nach Literatur aus diesem Fachbereich, das Interessensgebiet erstreckt sich aber auch auf Wissenschaftsgeschichte, Soziologie, Philosophie und Geschichte. Innerhalb dieser Themenbereiche geht es ihm verstärkt um einzelne Autoren, wie Leo Frobenius, den wichtigsten deutschen Ethnologen seiner Zeit. Und da wird das Buch als Medium wichtig, geht es ihm doch um bestimmte Ausgaben.
SAMMELN - ODER LESEN
Für den gebürtigen Kärntner sind Bücher ein unendliches Universum. Sie sind für ihn nach wie vor Informationsmedium Nummer eins, durch das man in verschiedenste Welten eintauchen kann, die einem üblicherweise versperrt sind. Das Buch ist aber nicht nur Lesestoff oder Informationsquelle. Durch das Umblättern der Seiten, den teilweise muffigen Geruch alter Bücher, das Wissen darum, wie viele Jahre so ein Werk bereits überdauert hat, wird das Lesen zu einem Erlebnis für alle Sinne.

Telesklav ist ein leidenschaftlicher Leser. Doch seine Bücher hat er natürlich nicht alle gelesen: "Das ist die blödeste Frage, die man einem bibliophilen Menschen stellen kann." Man sammelt schneller, als man lesen kann, und wenn er alles lesen würde, könnte er nichts anderes machen. "Aber das macht nichts, die Bücher sind ja da." Und das ist ihm auch wichtig. "Ich mag nicht wo hingehen müssen, ich habe es gerne, wenn ich mich einfach umdrehen und das Buch aus dem Regal nehmen kann."
Manchmal tritt beim Bücher Sammeln das Lesen in den Hintergrund. Manchmal geht es einfach nur darum, etwas zu vervollständigen. Wie zum Beispiel bei der ersten Gesamtausgabe von Oscar Wilde, die in deutscher Sprache erschienen ist, 1904 im Wiener Verlag. Da fehlt dem Sammler genau der Band mit "Dorian Gray", den er schon seit einiger Zeit sucht. "Ich werde ihn früher oder später auch finden", ist er überzeugt. Und dann wird er sich besonders freuen, weil er wieder etwas abgeschlossen hat.
Manchmal ist der Inhalt komplett nebensächlich. Da gibt es den Lieblingsautor, Emile Michel Cioran, der auf Französisch geschrieben hat. Auch wenn Telesklav diese Sprache nicht beherrscht, würde er zusätzlich zur bestehenden Sammlung auf Deutsch eine französische Erstausgabe auf Französisch dennoch haben wollen, "je nach Preis." Das Wissen, dieses Buch zu besitzen, seine Sammlung noch vollständiger gemacht zu haben, wäre in diesem Fall wichtiger.
Auch wenn einzelne Bereiche vielleicht abgeschlossen werden (können), ein Ende des Bücher-Sammelns gibt es für Telesklav nicht. "Je mehr man sich in eine Materie vertieft, desto weiter öffnet sich das Feld." Dennoch sind dem Anhäufen dieses speziellen Guts natürliche Grenzen gesetzt. Da wäre einmal das Finanzielle, der Besuch in Antiquariaten kann ganz schön teuer werden.
Doch auch die Stellfläche ist begrenzt. Rund 30.000 Bücher in verschiedenster Größe, Dicke und von unterschiedlichem Format müssen erst einmal untergebracht werden. Und dann sollte man sie auch wiederfinden können.
Deswegen hat Telesklav sich eine gefinkelte Ordnung für seine Bücherschätze überlegt. "Wenn ich das bibliothekarisch systematisiert aufstellen würde, bräuchte ich den 50-fachen Platz." Jetzt stehen die kleinen neben den kleinen und die großen neben den großen Büchern. Die Regalbretter schließen direkt an die oberen Buchkanten an, jeder Millimeter wird genützt. Dennoch stehen die Bücher auch in einem inhaltlichen Zusammenhang, sind die Bücher eines Autors nicht weit voneinander entfernt, auch wenn vielleicht zwei Fächer zwischen dem großformatigen und dem kleinformatigen Frobenius liegen.