Es beginnt schon in der Sandkiste, vielleicht sogar noch früher: Manche Kinder finden zueinander, andere gehen sich aus dem Weg oder sind permanent auf Konfrontationskurs. Wenn Kinder auf Kinder treffen, sind die Reaktionen spontan und eindeutig. Aber ab wann kann man dazu eigentlich Freundschaften sagen?
Zwar interessieren sich schon Babys für andere Kinder, finden sie interessanter als Erwachsene, suchen den Kontakt. Eine längerfristige Beziehung aufzubauen, das scheint aber erst um das dritte Lebensjahr möglich zu sein. Dann suchen die Kleinen gezielt nach Spielkameraden, können sich mit diesen auch sprachlich auseinandersetzen, unterscheiden zwischen sympathischeren und weniger angenehmen Gefährten.
Psychologen attestieren menschlichen Freundschaften eine gewisse Art von Entwicklungsschema. Dabei wird das Verständnis von Freundschaft an die persönliche Entwicklung des Menschen angepasst und reicht von momentaner Nähe und damit möglichem gemeinsamem Spiel (3-7 Jahre) über einseitige Bedürfnisbefriedigung (4-9 Jahre) und "Schönwetter-Kooperationen" (6-12 Jahre) bis zu intimem gegenseitigen Austausch (9-15 Jahre) und schließlich zu wechselseitiger Abhängigkeit in Bezug auf Intimität und Vertrauen sowie Unterstützung im Erwachsenenalter.
Freunde stärken das Selbstbewusstsein. So können schwierige Situationen besser überwunden werden, Ängste verringern sich. Man teilt Freud und Leid, probiert Streit und Kompromisse in sicherer Umgebung aus. Aber Kinderfreundschaften halten meist nicht ewig. Wohl gibt es jene legendären Sandkistenfreunde, die bis ins Alter hinein erhalten bleiben. Das ist aber eine Ausnahme-erscheinung, verändern sich Kinder doch noch sehr stark und wechseln ihre Vorlieben ebenso wie ihre Freunde.
Freundschaft lernen
Wenn eine Kinderfreundschaft zerbricht, verdient dies, ernst genommen zu werden. Ebenso wie die Großen leiden auch die Kleinen unter Eifersucht und Zurückweisung, suchen Zuneigung und sind enttäuscht, wenn ihr Vertrauen missbraucht wird.

Freunde zu halten, für sie etwas zu opfern und für sie da zu sein - das will gelernt werden. Die Regeln zwischenmenschlicher Kontakte werden bereits in frühester Kindheit vermittelt. Sie zu erlernen, ist ein langwieriger, nicht immer angenehmer Prozess, bei dem Kinder auch die Unterstützung von Erwachsenen brauchen. Wie die Großen in ihrer Umgebung Zuneigung zeigen, mit Zurückweisungen, Streit und Enttäuschung umgehen, das schauen sich die Kinder ganz genau ab. Aber wirklich lernen können sie das nur in der Auseinandersetzung mit anderen Kindern. Streit ist unter befreundeten Kindern an der Tagesordnung, lautstark und mit physischem Einsatz wird da gekämpft, um sich und seine Interessen durchzusetzen. Und dann ist es auch schon wieder vorbei.
Kinderfreundschaften sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass ein Mensch in seinem späteren Leben bindungsfähig ist. Sie sind eine wahre Spielwiese für das menschliche Zusammenleben. Wer von Kind an lernt, Freundschaften zu schließen und sie auch zu bewahren, findet leichter seinen Platz in der menschlichen Gemeinschaft.
Richtige und falsche Freunde
So unschuldig und spontan es noch bei den Kleinkindern zugeht, so richtungsweisend können sich Freundschaften in der Pubertät auswirken. Unterschiedlichste Studien haben bereits die positive Wirkung von Freundschaften auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nachgewiesen. Psychosomatische Beschwerden, depressive Tendenzen und Suizidverhalten werden so nachweislich ausgebremst. Freundschaften unterstützen die Ausbildung zwischenmenschlicher Kompetenzen, die Entwicklung von Identität und die soziale Anpassung. In Bezug auf Schulleistungen wurde nachgewiesen, dass Freundschaften unter Klassenkameraden Motivation und Leistung erhöhen können.
Aber wo es Licht gibt, gibt es immer auch Schatten. Die "falschen" Freunde können Jugendliche auch in eine negative Entwicklung hineinführen. Alkohol- und Drogenabhängigkeit, Risikoverhalten und andere problematische Tendenzen verstärken sich mit entsprechender Unterstützung Gleichaltriger.
Wenn nun aber leidgeprüfte Eltern die Schuld dafür nur bei den Freunden ihrer Kinder suchen, sollten sie wissen, dass das nicht legitim ist. Verschiedene Studienergebnisse sprechen nämlich dafür, dass nicht die Freunde allein das Risikoverhalten auslösen, sondern mangelnde Unterstützung der Eltern diesen Exzessen erst Tür und Tor öffnet. Besonders gefährdet sind Jugendliche, die bereits im sozialen Abseits stehen, denn sie suchen sich Freunde mit ähnlichen Problemen. Gleich und gleich gesellt sich eben gern, was ein erhöhtes Risiko für "Problemkinder" birgt. Risikoverhalten wird hier zur identitätsstiftenden Maßnahme, von Alkohol bis Drogenmissbrauch öffnet sich so ein Bündel an Verhaltensweisen, die Menschen auch langfristig negativ prägen.
Gelegenheit macht Freunde
Um Freundschaften zu schließen, braucht es entsprechend Raum und Zeit. Kinder - ebenso wie Erwachsene - benötigen Orte, an denen sie auf Gleichgesinnte treffen und dort Zeit mit ihnen verbringen können. Ob Spielplatz oder Fußballplatz, Kindergarten, Schule und Hort, Arbeitsplatz oder Fitnesscenter - Gelegenheit macht Freunde. Je mehr Gelegenheiten Menschen jeden Alters für solche Treffen haben, umso eher schließen sie Freundschaften. So einfach sind die prinzipiellen Voraussetzungen.