
Eine provokante These: Nicht die Liebe hat sich in die Literatur gedrängt, sondern umgekehrt: Die Literatur hat die Liebe erfunden, dieses "große Gefühl", das zwischen Todessehnsucht und Glückseligkeit oszilliert. Der brillante Denker des 17. Jahrhunderts François de La Rochefoucauld formulierte das so: "Es gibt Leute, die sich nie verliebt hätten, wenn sie nicht von der Liebe hätten sprechen hören." Er hätte auch schreiben können: "wenn sie nicht von der Liebe gelesen hätten."
Die Franzosen scheinen auf das Thema Liebe spezialisiert zu sein. Auch den französischen Philosophen Roland Barthes interessierte es. In seinem Werk "Fragmente einer Sprache der Liebe" führt er das Phänomen "Liebe" auf gesellschaftlich und sprachlich normiertes Grundverhalten zurück. So genannte Probleme der Liebe lassen sich - so seine These - daher auch rein "gehirnlich" lösen, indem man diesen Code erkennt und auflöst.
Nun, ganz so einfach ist das nicht. Der amerikanische Erfolgsautor Jeffrey Eugenides widmet sich in seinem jüngsten Roman "Die Liebeshandlung" dieser Frage. Auf 621 (!) Seiten schildert er, wie die Protagonistin Madeleine sich in den schwierigsten aller Collegestudenten, den manisch-depressiven Leonard, verliebt. Sie verliebt sich im Zuge eines Literaturseminars über den "marriage plot". All ihr Denken ist zu dieser Zeit auf dieses Thema konzentriert. Und so passiert es. Sie vertieft sich in Barthes "Sprache der Liebe" und schon sitzt sie in der Liebesfalle. Aus der sie, aus Protest gegen ihr großbürgerliches Elternhaus, nicht mehr entkommen will. Wenn auch Eugenides Roman eher eine geschwätzige Geschichte über spätpubertierende Studenten ist, so ist der "plot", um dieses Modewort noch einmal zu verwenden, insofern neu, als er auf den Einfluss der Literatur auf das Denken und Handeln in der Liebe eingeht. Weil eine Heirat unbedingt zum "marriage plot" gehört, geht Madeleine diese Ehe ein. Obwohl sie weiß, dass sie zum Scheitern verurteilt ist. Aber Liebe endet eben in der moralischen Vorstellung der amerikanischen Gesellschaft damals wie heute in der Ehe. Auch weil es die Romane so "vorschreiben".
Liebe aus dem Götterhimmel
Wer hat eigentlich diese romantische, Himmel und Sterne erstürmende Liebe erfunden? Ganz sicher nicht die Griechen und schon gar nicht die Römer. Letztere waren viel zu pragmatisch. Bei den Griechen gab es den "Eros", einen bedauernswerten Halbgott, der eher die Liebe suchte als sie stiftete oder gar empfing. Hesiod erzählt, dass Eros aus dem Chaos gezeugt wurde. Daher also das Chaos, das er überall stiftet. Von der Liebesgöttin Aphrodite erzählt man sich auch nichts Gutes. Sie war es ja, die den Trojanischen Krieg verursachte. Weil sie dem Paris die schöne Helena versprach. Dass sich Menelaos nicht so mir nix dir nix seine Frau wegnehmen ließ, war klar. Aber dass ihretwegen gleich zehn Jahre Krieg geführt wurde, das hat alles Aphrodite zu verantworten.
Bei den Römern war die Sache mit der Liebe schon einfacher. Da gab es den niedlichen Gott Amor, der ein bisserl
mit seinen Pfeilen umherschoss, im Grunde aber nichts Böses anrichtete. Ovids "Liebeskunst" enthält ein paar nette Geschichten über Amors Wirken. Bei Catull geht es schon etwas temperamentvoller her, wenn er von seiner Geliebten verlangt, sie möge ihm "basia mille, dein centum, dein mille altera, dein secunda centum" - tausend Küsse, dann noch hundert und weitere tausend und noch einmal hundert geben.
Doch ernst darf man diese poetische Ekstase nicht nehmen, auch nicht, wenn er klagt: "Odi et amo" - ich hasse und liebe zugleich. Von subjektiver Liebeslyrik kann gar keine Rede sein. Im Gegenteil. Catull betont immer wieder sein keusches Leben. Seine Gedichte seien ja nichts anderes als Vorlagen, an denen sich impotente Greise aufgeilen können, sagt er.
Auf die romantische, auf eigene Erfahrungen zurückgreifende Liebe in der Literatur muss man noch lange warten. Denn jetzt kommt das Christentum ins Spiel, wo nur Platz für die himmlische Liebe sein darf. Das geht so bis weit übers Mittelalter hinaus. Einen schüchternen Versuch, zu ihrer irdischen Liebe zu stehen, wagen Abälard und Heloise. Doch das Ende ist schrecklich: Er wird kastriert, und beide müssen ins Kloster. Aber getrennt! Nicht viel anders endet die Liebe zwischen Tristan und Isolde: beide tot.
Auch dem berühmtesten Liebespaar in der Literatur, Romeo und Julia, ist bekanntlich kein Happyend beschert. Es scheint, als ob auf der romantischen Liebe ein Fluch haftet. Verbunden mit der Warnung: Hände weg von romantischen Gefühlen!
Eheglück contra romantische Flausen
Das Glück liegt also in der soliden Ehe, gestiftet von der Vernunft, wird gepredigt. Von den Kanzeln und auch in der Literatur. Aber da gibt es die geheimen "Hefte", man könnte sie auch wie in der Musik die "U-Literatur" im Gegensatz zur "E-Literatur" nennen. Sie wurden vor allem für Frauen geschrieben, die sich nach der großen Liebe sehnen. Männer tun das ja bekanntlich nur sehr bedingt. In ihnen ist von glühenden Küssen, großen Gefühlen, von zärtlichen Liebhabern die Rede, die alle Wünsche erfüllen, reich, schön und jung sind. Was Wunder, wenn die arme Emma Bovary, vollgesogen von solchen Ideen, sich in ihrer Ehe mit dem braven Landarzt Charles Bovary langweilt und auf der Suche nach der großen Liebe auf den Scharlatan Rodolphe und den armseligen Kanzlist Léon hineinfällt. Es endet - wie könnte es anders sein - schrecklich: Emma schluckt Arsen, ihr Mann stirbt aus Kummer. Dass Flaubert trotz dieses warnenden Endes wegen "Verherrlichung des Ehebruchs" angeklagt wurde, ist eines der vielen Paradoxa um die Liebe und die Literatur darüber. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Ehe noch immer das tragende Fundament der Gesellschaft und die außereheliche Liebe nur eine Flause in den Köpfen irregeleiteter Frauen.
