Campari, Klassiker und Rettungsanker in einem: Keine Bar der Welt, und sei sie noch so schmuddelig, kommt an dem leuchtend roten Getränk vorbei, dessen Rezeptur nach wie vor ein wohlgehütetes Geheimnis ist. Im Jahr 1904 wurde die erste Campari-Produktionsstätte in Sesto San Giovanni eröffnet. Unter der Leitung des Sohnes Davide Campari begann das Unternehmen, das Getränk zu exportieren; zuerst nur nach Nizza, bald aber auch bis nach Übersee. 1915 eröffnete Davide Campari die Bar Camparino in der Mailänder Galerie Vittorio Emanuele II, die sich schnell zum beliebten Künstler- und Szenetreff entwickelte, sicher nicht zuletzt dank ihrer eleganten Ausstattung im Art-Nouveau-Stil. Ein weiteres Erfolgsgeheimnis des Camparino war seine innovative Soda-Wasser-Leitung vom Keller direkt an die Bar, die mit stets gekühltem Wasser für einen ideal temperierten, erfrischenden Campari Soda sorgte. Kein Reiseführer, der nicht vermerkte, dass der Aperitif Campari von hier seinen Siegeszug um die Welt antrat. Wenn man dann die Pilgerreise antrat, wurde man allerdings ein wenig enttäuscht. Davide Campari hatte sich schon 1919 von seiner gut gehenden Bar getrennt und das einstige Camparino firmierte lange Zeit als "Zucca in Galleria". Doch jetzt erweckte der Weltkonzern Campari das Camparino wieder zum Leben und eröffnete vor einigen Tagen die berühmte Bar in der Viktor-Emanuel-Galerie wieder unter dem ursprünglichen Namen. Geführt wird das Camparino von Orlando Chiari und Teresa Miani, die zuvor bereits das Zucca leiteten. Die beiden freuen sich: "Dass wir von Campari ausgewählt wurden, ist, als würde ein Traum wahr werden. Wir wollen den alten Prunk der Bar beibehalten und gleichzeitig zukunftsorientierte Impulse setzen."
Für den zufällig vorbeiflanierenden Gast wird sich also nicht viel ändern. Außer dem neuen Schild an der Tür, das vom italienischen Künstler Ugo Nespolo entworfen wurde, gibt’s drinnen wie gehabt Art-Nouveau in Schwarz-Weiß gehalten und leuchtend roten Campari, der in Italien vorzugsweise mit Kartoffel-Chips serviert wird. Für die intensiv rote Farbe wurde übrigens lange der aus Cochenilleschildläusen gewonnene natürliche Lebensmittelfarbstoff Karmin verwendet. 2006 entschied das Unternehmen, auf künstliche Farbstoffe umzustellen, sodass nach Unternehmensangaben heute nur noch die Farbstoffe Tartrazin, Azorubin und Brillantblau eingesetzt werden.
Artikel erschienen am 10. Februar 2012
in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 32-33