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  • Artikel vom 18.02.2012, 07:00 Uhr

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Mit Sinnsprüchen durch das Jahr


Von Mathias Ziegler
  • Der sogenannte Bauernkalender ist wohl so alt wie die Landwirtschaft, die er betrifft. Und noch heute, im Zeitalter von Wettersatelliten und leistungsstarken Computern, lebt eine Vielzahl gereimter und ungereimter Sprüche fort, die mit dem Wetter und der Ernte zu tun haben. Zwei Wissenschafter erklären, was dran ist an diesen Weisheiten.

 - © JDC/LWA/Corbis

© JDC/LWA/Corbis

Die sogenannten Bauernregeln - Weisheiten in gereimter und ungereimter Form, die Sprachwissenschafter zu den Sprichwörtern zählen - sind zum Teil schon in der Antike entstanden. "Eine der ältesten überlieferten Bauernregeln findet sich im Matthäus-Evangelium: Abendrot -gut Wetterbrot; Morgenrot - Schlechtwetter droht", sagt Horst Malberg. Der emeritierte Professor der Freien Universität Berlin hat sich am dortigen Institut für Meteorologie lange Jahre mit dem Wetter befasst - und auch mit den Bauernregeln. Eine weitere uralte Wetterregel für die Landwirtschaft fand sich auf einer Keilschrifttafel in der Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal (668 bis 626 v. Chr.):

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"Wenn eine Wolke am Himmel dunkel wird, wird der Wind blasen", hieß es da.

Und: "Wenn ein Halo (Sonnenring) die Sonne umgibt, wird Regen fallen." Bauernregeln waren und sind laut Malberg in allen Kulturkreisen vertreten, "bei den Indianern in Amerika genauso wie bei uns in Mitteleuropa". Das älteste meteorologische Druckwerk in deutscher Sprache, das Bauernregeln enthält, ist das "Wetterbüchlein" von Leonhard Reynmann aus dem Jahr 1505.

"Was die Entstehung der Bauernregeln angeht, darf man sich keine Rezeptur vorstellen, derer sich unsere Altvorderen bedient haben", erklärt der Meteorologe Jurik Müller, der sich seit mehr als 30 Jahren mit Bauernregeln beschäftigt und hauptberuflich beim Deutschen Wetterdienst Leipzig arbeitet, "Bauernregeln sind in der Mehrzahl das Ergebnis von Erfahrungen und Beobachtungen der ländlichen Bevölkerung über viele Jahrhunderte hinweg."

Entstanden sind sie vermutlich, indem "an kalten Winterabenden bei Kienspanlicht unsere Vorfahren ihr Wissen über die Zusammenhänge zwischen Wetter und Witterung auf der einen Seite und den Erscheinungen in der Natur auf der anderen Seite von Alt zu Jung in der Familie oder an die Nachbarn im Dorf weitergegeben haben", wie es Müller formuliert.

Zu der Zeit, in der viele mittelalterliche Wetter- und Klimasprüche entstanden, war das Land der Bauern vorgegeben - der Erfolg ihrer Arbeit hing nur vom Wetter ab, sagt Malberg. "Es spielte also eine ganz entscheidende Rolle in ihrem Existenzkampf." Bei Missernten gingen die Preise hoch: Die Reichen wurden arm, die Armen starben.

"Besonders während der jährlichen Wiedergeburt der Natur ließ früher der Bauer sorgenvoll seinen Blick zum Himmel schweifen, bewegt von der Frage, wie es wohl in den folgenden Monaten um sein Heu und Korn, schlechthin um seine Ernte, bestellt sein würde", ergänzt Müller. Und wenn nach Einbringung der Feldfrüchte sowie des Obstes und Gemüses aus dem Bauerngarten der Winter bevorstand, lautete die bange Frage, ob das beim Dreschen des Getreides gewonnene Korn (früher wurde im Winter "die Spreu vom Weizen getrennt") zur Gewinnung des Mehls für das tägliche Brot oder das eingelagerte Futter zur Ernährung des Viehs bis zum nächsten Frühjahr ausreichen würde. Und darauf gaben dem Bauern, der ohnehin sensibilisiert war für Erscheinungen in der Natur, mitunter bestimmte Anzeichen oder Besonderheiten in der Pflanzen- und Tierwelt eine Antwort.

Verschiedene Arten

Malberg unterscheidet mehrere Arten von Bauernregeln: "Es gibt erstens die ganz allgemeinen Regeln zur Abschätzung der Ernte." Eine davon lautet: "Jänner warm, dass Gott erbarm!" Und: "Friert’s im Februar nicht ein, wird’s ein schlechtes Kornjahr sein." Ihre Bedeutung: Wenn es zu früh blüht und dann noch einmal Frost kommt, gibt es Schäden. Zum Thema Niederschlag heißt es: "Regen im Jänner - doppelte Keime, aber nur halbe Frucht in der Scheune." Oder: "April trocken macht die Saat stocken." Zu wenig Regen schadet also dem Pflanzenwachstum. Andererseits gilt: "Je goldener die Juli-Sonne strahlt, desto goldener sich das Getreide mahlt." In der Erntezeit braucht man also trockenes Wetter. Und für den Herbst heißt es: "September-Regen dem Bauern Segen, dem Winzer Gift, wenn es ihn trifft." Bauernregeln äußern oft auch Wünsche bezüglich des Wetters, der Witterung und des Pflanzenwuchses. Da heißt es dann zum Beispiel: "Im Februar müssen die Stürme fackeln, dass dem Ochsen die Hörner wackeln." Weitere Spruchweisheiten geben Empfehlungen für die Tätigkeit in Feld und Garten: "Siehst du im März gelbe Blumen im Freien, kannst du getrost deine Samen streuen." Und: "Wenn die Birke Kätzchen (=Blütentroddeln) hat, ist es Zeit zur Gerstensaat."

Zweitens nennt Malberg kurzfristige Wetterregeln, die sich auf den nächsten Tag beziehen. "Das sind Prognosen anhand des Himmelsanblicks, ob es zum Beispiel bewölkt oder windig ist." Zu diesen gehört die eingangs erwähnte Abend-/Morgenrot-Regel. Ihre Bedeutung: "Intensives Morgenrot zeigt, dass viel Wasserdampf in der Luft ist, bei Sonnenschein steigt er nach oben, es entstehen Wolken und vermutlich Regenschauer. Beim Abendrot wiederum ist zwar auch Wasserdampf in der Luft, aber es ist wahrscheinlich, dass er in der Nachtkühle abtransportiert wird und der nächste Tag sonnig ist", erläutert Malberg. Eine weitere Regel aus diesem Bereich lautet: "Wenn Schäfchenwolken am Himmel stehen, kann man ohne Schirm spazieren gehen." Sprich: Es herrscht Hochdruckeinfluss - und Schäfchenwolken sind nicht mächtig genug, um Regen zu erzeugen. Manchmal werden auch Pflanzen oder Tiere gewissermaßen zu Wetter- oder Witterungspropheten: "Wenn der Frauenmantel schwitzt, bald Regen uns im Nacken sitzt." Oder: "Wenn die Mücke stechen tut, tut bald Gewitterfrische gut."



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-15 12:38:10
Letzte Änderung am 2012-02-17 16:08:40


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