Der Zug Zürich-Lausanne gleitet durch saftiges Hügelland, vorbei an trägen Milchschoko-Kühen. Noch einmal verschwindet er in einem Tunnel, dann taucht vor dem Auge des Reisenden der Genfersee auf, glitzernd im Mittagslicht, gesäumt von blauen Bergen. Unterhalb der Bahntrasse erstrecken sich mustergültige Weinterrassen, hineingestuft ins steile Ufer und garniert mit Winzerdörfern, die aussehen wie für ein Kinderbuch gemacht. Den "Röstigraben" haben wir längst passiert, also jenen unsichtbaren Limes, der zwischen der deutschsprachigen und frankophonen Schweiz verläuft. Wir befinden uns im Kanton Waadt. Der heißt hier Vaud, der Genfersee Lac Léman und die beliebteste Lokalzeitung "Le Matin". Diese veröffentlicht gerade eine Umfrage, wonach 85 Prozent der Schweizer die Einführung eines Mindestlohns befürworten. Die Befragten setzen den Betrag bei exakt 4487 Franken an. Monatlich, versteht sich. Einkommensverteilung auf Schweizerisch.
Für den Euro-Bürger ist Helvetien derzeit keine Spardestination. Aber selbst der Durchschnittsschweizer hat seine liebe Not mit dem Franken: Grundlegende Güter wie Wohnimmobilien entrücken allmählich in astronomische Ferne. Dies gilt für Zürich und andere Hotspots, im besonderen Maße aber für den Genfersee. Der "Léman" lockt die Schönen und Reichen, seit Jean-Jacques Rousseau mit seinem hier verorteten Liebesroman "Julie oder die Neue Héloïse" einen ersten Hype lostrat. Das war Mitte des 18. Jahrhunderts. Rund fünfzig Jahre später geriet Lord Byron in den Bann dieser Landschaft. Ein Ausflug zur imposanten Wasserburg Chillon bei Montreux inspirierte den Poeten zu Versen auf den Genfer Freiheitskämpfer Bonivard, der sechs Jahre im feuchten Burgverlies moderte.

Nach Byron kamen noch viele Dichter, auch Maler und Komponisten. Die Winzer- und Fischerdörfer wuchsen zusammen. Montreux erblühte im 19. Jahrhundert zum mondänen Ferienort. Nun strömten indische Maharadschas, europäische Adelige und New Yorker Bankiers herbei; schließlich Arabiens Öl-Scheichs, und heute der Geldadel aus Indien oder Russland. Zählt man eins und eins zusammen, also: Traumlandschaft plus Prominenz, kommt man auf die Formel "Schweizer Riviera" (auch "Montreux Riviera"). Der klingende Name bezeichnet den Seeabschnitt zwischen Lutry (östlich von Lausanne) und Villeneuve (südöstlich von Montreux). Das Mikroklima ist mild, die Vegetation mediterran, die Dichte an Villen und "Palacehotels" enorm. Das leider abgebrannte "Byron" im einstigen Mautstädtchen Villeneuve zählte zu den feinsten Adressen und Mahatma Gandhi zu seinen Gästen. Das zwischenzeitig zum Apartmenthaus umgebaute Palasthotel von Territet (Vorort von Montreux) beherbergte Kaiserin Sisi samt Gemahl. Das "Trois Couronnes" in Vevey bewahrte Glanz und Funktion: Hier schrieb Henry James den Roman "Daisy Miller", hier heiratete Aga Khan. Und das "Fairmont Le Montreux Palace" verzeichnet - neben zahlreichen Stars des jährlichen Jazz-Festival - u.a. Vladimir Nabokov in seinem Gästebuch.

Zu "Montreux-Riviera" gehört das 830 Hektar große Weinbaugebiet Lavaux. Seit 2007 trägt es das Prädikat "Unesco-Weltkulturerbe". Sein Beiname "Region der 3 Sonnen" verweist auf die hier waltende Trias von Himmelssonne, Seesonne (Spiegelwirkung) und Mauersonne (Wärmespeicher). Die unterschiedliche Bodenbeschaffenheit spiegelt sich in acht "AOC"-Weinen (kontrollierte Herkunftsbezeichnung) wider: Lutry, Villette, Epesses, Saint-Saphorin, Dézaley und Calamin (jeweils Grand Cru), Chardonne und Vevey. Sie alle firmieren seit 2009 unter "AOC Lavaux".

"Sieht man Frankreich gut, wird es bald regnen; sieht man Frankreich nicht, regnet es", kommentiert Winzer Bovy die Wetterlage. Von der Gültigkeit der meteorologischen Weisheit können wir uns gleich überzeugen: Wir sind mit dem Weinland-Zug von Vevey nach Chexbres gereist. Als wir im Dörfchen eintreffen, scheinen die Berge des gegenüberliegenden französischen Uferstücks immer näher zu rücken. Der Himmel zieht allmählich zu, doch der Weinberg speichert die sommerliche Hitze. Und so folgen wir dem kauzig-sympathischen Winzer gern in den kühlen Keller. Gemeinsam mit seinem Bruder führt er den alteingesessenen Familienbetrieb, verbindet "integrierten" (ökologischen) Weinbau mit dynamischem Marketing. Monsieur Bovy spricht seine Weintouristen in vielen Sprachen an, sogar in passablem Winzer-Japanisch!
Die Domaine Bovy misst 11 Hektar und produziert hauptsächlich Weißweine. Neben Chasselas, der Königsrebe vom Genfersee, sind Grauburgunder oder Viognier im Sortiment. Die Rotweinproduktion umfasst Pinot Noir, Gamay und Kreuzungen wie den Diolinoir (Pinot noir und Robin rouge, eine alte Walliser Rebsorte). Wir verkosten noch einen elegant-mineralischen Chasselas (Vieilles Vignes, 2010), ehe wir Chexbres verlassen und durch die Weinberge seewärts wandern. Am Ufer, im malerischen Saint-Saphorin, markiert ein hübsches Zunftzeichen die Auberge de lOnde. Dort erwartet den Gast Haute Cuisine mit regionalem Akzent - und mit einem Michelin-Stern. Unser zarter Genfersee-Zander "vermählt" sich bestens mit den Weinen des Lavaux. Nach dem lukullischen Abstecher steuern wir die Bahnstation am Seeufer an und stellen fest: Frankreich ist nicht zu sehen. Mit anderen Worten: Es regnet.
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