• 23. Februar 2012

  • RSS abonnieren
  • Wiener Zeitung auf Facebook
  • Auf Twitter verfolgen

Sie sind hier:


  • Artikel vom 21.10.2011, 00:00 Uhr

Reisen

Update: 21.10.2011, 12:13 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



In die Stille horchen


Von Silvia Matras
  • Das Almtal im oberösterreichischen Salzkammergut ist vom Massentourismus verschont geblieben. Romantiker finden da alles, was ihre Seele braucht: stille Seen, eine beeindruckende Bergkulisse und interessante Menschen.


© Silvia Matras © Silvia Matras

Um den Almsee, der am Ende des Tales liegt, eingebettet von den imposanten Gipfeln des Toten Gebirges, spaziert man am besten am späten Nachmittag, wenn das Licht schon sanfter wird. Da "zeigt" der See, was er an Farben hat. Ein helles Grün oszilliert in Silberschattierungen, wo frische Gebirgsbäche in den See münden. Weiter drinnen im See leuchtet ein Gelb, das sich schnell, je nach Lichteinfall, in dunkles Graugrün verwandelt. Weil das Wasser klar ist, sieht man bis auf den Grund, wo herabgefallene, schon vermoderte Äste und Steine eine "città morta", eine eigene Welt bilden. Manchmal durchkreuzt ein Schwan dieses Bild.

Information

WICHTIGE ADRESSEN:

Helmuth Wittmann: Termine, wann und wo Wittman seine Märchen erzählt: www.maerchenerzaehler.at

Kräutersusanne Loibl-Prohaska: Scharnstein 4644, www.verdana.at

Gertrude Drack, vulgo Rabengerti: Viechtwang, Hauptplatz, gegenüber der Kirche. Einfach anläuten und fragen, ob man Kraxi und Arthur besuchen darf. Gertrude Drack schrieb auch sehr humorvolle Bücher über Kraxi und andere Raben: Kraxi im Rabental und Die fidelen Raben, beide im Verlag Denmayr

Konrad Lorenz Forschungsstelle: Fischerau 11, www.klf.ac.at; Besuche: Di 15h oder nach Voranmeldung: office@klf.ac.at, T: 07616/8510

Werbung

Märchen sehen, hören und lesen

Wer die Stille liebt - hier wird sie "hörbar". Hörbar, weil die ganz leisen Töne der Natur, das Zirpen eines Vogels im Schilf, das Reiben der Blätter und Stängel im Schilf, das Gluckern des Wassers, der helle, kurze Ton, wenn ein Fisch aufspringt, erst den Raum, das Bewusstsein für die Stille schaffen.

Vor Sonnenuntergang kommen gern die "Echobläser" an den See und üben ihre Weisen. Leise bringt das Echo die Melodien von den gegenüberliegenden Wänden zurück. Die Menschen bleiben stehen, horchen und staunen: Noch einmal prunkt der See mit Farben und fängt das Bild und Licht der Bergspitzen auf: Da leuchten und spiegeln sich der Rosskopf und der Zwölferkogel tiefrot im See. Ein wenig später verblasst alles in einem zarten Lila. Bis dann die Dämmerung den See verdunkelt.

Beeindruckend: Echobläser musizieren mit den Berghängen.

Beeindruckend: Echobläser musizieren mit den Berghängen.© Silvia Matras Beeindruckend: Echobläser musizieren mit den Berghängen.© Silvia Matras

Helmuth Wittmann ist einer, der sich aus dieser unzerstörten Natur Ideen für seine Erzählungen holt. Sein Haus, in dem er mit seiner Frau und vier Kindern wohnt, scheint aus irgendeinem Märchen herauskopiert zu sein: Ein Bach rauscht vorbei, Blumen wuchern im Garten und ein rot-weißer Kater schläft auf der Fensterbank. Da sitzt der Märchenerzähler gerne auf der Bank in der Sonne und wartet, dass die Geschichten zu ihm kommen. Die trägt er dann hinaus in den Wald, an den See oder auch in ferne Schlösser.


© Silvia Matras © Silvia Matras

Manchmal streift er gemeinsam mit der Kräutersusanne durch die Wälder rund um die beiden kleine Ödseen. Hin und wieder nehmen Kinder und Erwachsene an diesen Wanderungen teil. Susanne erklärt, wie man mit Pflanzen umgehen soll: Sie liebevoll anreden, sich behutsam nähern und mit Bedacht pflücken. Nie rupfen! Nur so gibt die Pflanze gern und unverletzt ihre Energie an den Menschen ab, sagt sie. Helmuth Wittmann zupft auf seiner Harfe ein paar Töne und beginnt mit dem ersten Märchen: "Es war einmal vor langer, langer Zeit, i woas net, war’s gestern oder war’s heit ..." Er erzählt die Geschichte vom Bauern, der seine Kühe hütet und von einem lästigen Touristen in seiner Ruhe gestört wird. Eine einfache Geschichte, ein wenig absurd, wie das Leben oft ist. Danach ziehen alle tief in den Wald hinein und sammeln fleißig Kräuter. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sammeln sie noch heute...

Manchmal soll es auch regnen im Almtal... Wer beim "Jagersimmerl" wohnt, dem mag das sogar gefallen. Dann kann er sich in mehr als tausend Bücher vertiefen, sich in eine irreale Märchenwelt begeben, in der edlen Bibliothek beim Kaminfeuer sitzen, heißen Tee trinken, in die regennasse Natur hinausschauen und Märchen aus Wittmans oder Grimms Welt oder den neuen Krimi von Donna Leon oder Thomas Bernhards düstere Dramen lesen.

Beim "Jagersimmerl" gibt’s das alles. Und Bücher, die es nicht gibt, werden umgehend geliefert.

Gans und Rabe

Im Almtal war es auch, wo Konrad Lorenz seine Liebe zu den Graugänsen entdeckte und mit ihnen lebte. Sein Haus steht noch und wird weiterhin als Forschungsstätte genützt. Josef Hemetsberger ist Koordinator der Forschung und Betreuer der Studenten, die ihm bei der Erstellung der "life-history-Daten" der Graugänse helfen. Penibel wird die Lebensgeschichte jeder der 147 Tiere von der Geburt bis zu ihrem Tod dokumentiert. Wer meint, Konrad Lorenz habe schon alles über Graugänse gewusst, der irrt. "Lorenz betrieb seine Forschung idealistisch. So meinte er zum Beispiel, Graugänse seien alle monogam. Wir haben jedoch viele Beweise des Gegenteils. Seitensprünge sind durchaus an der Tagesordnung, auch Scheidungen oder vorübergehende Trennungen", erzählt Hemetsberger. Die Gänsegemeinschaft gehorche einer sozialen Hierarchie ähnlich wie bei den Menschen. "Die oberste Stellung nehmen Paare mit Jungen ein, gefolgt von den kinderlosen Paaren. Eine Überraschung war die Entdeckung, dass es auch homosexuelle Paare gibt, die an dritter Stelle in der Hierachie stehen. Dreierbeziehungen und "Halbstarke" sowie Einzelgänger müssen um ihre Stellung in der Gänsegemeinschaft kämpfen", sagt Hemetsberger. Während er so erzählt, schnattern um ihn die Gänse und scharen sich um ihn, als wollten sie genau wissen, was da gerade über sie geredet wird.

Von Konrad Lorenz beeinflusst, begann Gertrude Drack im Alter von fünfzig Jahren Zoologie zu studieren. Ihre Studienobjekte waren jedoch nicht die Graugänse, sondern die Kolkraben, die zahlreich in und rund um das Almtal leben. Ihre Aufgabe war es, die Bestände zu ermitteln. Was keine leichte Aufgabe war. Da hieß es, auf Bäume klettern, sich in Felsspalten zwängen und in luftigen Höhen herumzuturnen. Dabei lernte sie auch, die Rufe der Raben zu imitieren. "Das kommt bei Raben sehr gut an, weil sie viel für Humor übrig haben", erzählt Gertrude Drack, vulgo "Rabengerti". Diesen Ruf erwarb sie sich, als sie einen Raben per Hand aufzog. Dieser wurde unter dem Namen Kraxi berühmt und berüchtigt. Tagsüber flog er, wohin es ihn immer passte. Einmal zu den wilden Raben, dann trieb er wieder im Dorf sein Unwesen, flog in fremde Wohnungen, stahl dort, was immer er erwischte, und versteckte seine Beute auf Nimmerwiedersehen. Abends kehrte er regelmäßig zu seiner Rabenmutter Gerti zurück. Als sich die Querelen über Kraxi häuften, baute sie ihm eine riesige Volière. Damit er nicht all zu sehr unter dem Verlust der Freiheit litt, gab sie ihm als Gefährten den gutmütigen Arthur. Und siehe da, der Kraxi entpuppte sich als eine Sie, die den Arthur sogleich als Ehegefährten akzeptierte. Bis heute leben die beiden als zufriedenes Paar und haben schon viele Junge großgezogen. Sie darf hin und wieder ihre Freiflüge starten, er bleibt lieber zu Hause und verjagt die Ratten. Emanzipation im Tierreich scheint selbstverständlich zu sein. Im Almtal auf jeden Fall!



Seite 1 / 2  seite 1  seite 2

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2011-10-19 14:31:00
Letzte Änderung am 2011-10-21 12:13:16


Beliebte Inhalte



Paul Ivic in seinem Reich.
  • In der Wiener Innenstadt will das vegetarische Restaurant "Tian" Lebensart und Genuss zelebrieren und die Vielfalt der fleischlosen Küche ausloten.
  • weiter

myBier.at-Gründer Markus Wurzer und Daniel Schalhas. - © Alois Spandl
  • Revolutionen sind in den meisten Ländern politischer Natur. Im berühmt gemütlichen Österreich finden Revolutionen vorerst einmal am Biermarkt statt...
  • weiter

Im heutigen Heurigengebäude von Mayer am Pfarrplatz befand sich eine der zahlreichen Wiener Wohnungen Ludwig van Beethovens. - © Johann Werfring
  • Wie überliefert ist, hatte der weltberühmte Komponist Ludwig van Beethoven über den edlen Rebensaft gesprochen, ehe er seine Augenlider für immer...
  • weiter

 -  © JDC/LWA/Corbis
  • Der sogenannte Bauernkalender ist wohl so alt wie die Landwirtschaft, die er betrifft. Und noch heute, im Zeitalter von Wettersatelliten und...
  • weiter

 - © © Alexander Mayr-Harting
  • Hochgebirgsflair, Schneesicherheit, atemberaubende Fernblicke und zahlreiche Einkehrmöglichkeiten. Die Fischbacher Alpen sind ein ideales Areal für...
  • weiter




Werbung




Bilder des Tages

Christina Fernández, Präsidentin von Argentinien, seit Dezember 2007 im Amt.

Der wohl berühmteste Karneval findet in Rio de Janeiro statt. Mitglieder der Samba-Schulen präsentieren ihre kunstvollen Kostüme. Die  Zimmer im Hotel Sacher sind neu adaptiert worden. Die Farbgebung ist mit unter anderem Creme, Mintgrün oder Taupe heller als zuvor.

Dauerfrost sagt gar nichts, am Ende beaupten die Meteorologen ja doch, dass es ein ganz durchschnittlicher Winter war. Im manchen Regionen Deutschlands gibt es noch andere Indizien dafür, dass sich Fauna und Flora ändern: Entlang des Rheins etwa werden Papageien heimisch. In Wiesbaden, Köln und Heidelberg flattern freilebende Halsbandsittiche schon seit Jahren durch die Parks. Ein schwieriger Gang - Christian Wulff mit seiner Frau Bettina vor seiner Rücktrittsrede im Schloss Bellevue.

Werbung