
Um den Almsee, der am Ende des Tales liegt, eingebettet von den imposanten Gipfeln des Toten Gebirges, spaziert man am besten am späten Nachmittag, wenn das Licht schon sanfter wird. Da "zeigt" der See, was er an Farben hat. Ein helles Grün oszilliert in Silberschattierungen, wo frische Gebirgsbäche in den See münden. Weiter drinnen im See leuchtet ein Gelb, das sich schnell, je nach Lichteinfall, in dunkles Graugrün verwandelt. Weil das Wasser klar ist, sieht man bis auf den Grund, wo herabgefallene, schon vermoderte Äste und Steine eine "città morta", eine eigene Welt bilden. Manchmal durchkreuzt ein Schwan dieses Bild.
Märchen sehen, hören und lesen
Wer die Stille liebt - hier wird sie "hörbar". Hörbar, weil die ganz leisen Töne der Natur, das Zirpen eines Vogels im Schilf, das Reiben der Blätter und Stängel im Schilf, das Gluckern des Wassers, der helle, kurze Ton, wenn ein Fisch aufspringt, erst den Raum, das Bewusstsein für die Stille schaffen.
Vor Sonnenuntergang kommen gern die "Echobläser" an den See und üben ihre Weisen. Leise bringt das Echo die Melodien von den gegenüberliegenden Wänden zurück. Die Menschen bleiben stehen, horchen und staunen: Noch einmal prunkt der See mit Farben und fängt das Bild und Licht der Bergspitzen auf: Da leuchten und spiegeln sich der Rosskopf und der Zwölferkogel tiefrot im See. Ein wenig später verblasst alles in einem zarten Lila. Bis dann die Dämmerung den See verdunkelt.

Helmuth Wittmann ist einer, der sich aus dieser unzerstörten Natur Ideen für seine Erzählungen holt. Sein Haus, in dem er mit seiner Frau und vier Kindern wohnt, scheint aus irgendeinem Märchen herauskopiert zu sein: Ein Bach rauscht vorbei, Blumen wuchern im Garten und ein rot-weißer Kater schläft auf der Fensterbank. Da sitzt der Märchenerzähler gerne auf der Bank in der Sonne und wartet, dass die Geschichten zu ihm kommen. Die trägt er dann hinaus in den Wald, an den See oder auch in ferne Schlösser.

Manchmal streift er gemeinsam mit der Kräutersusanne durch die Wälder rund um die beiden kleine Ödseen. Hin und wieder nehmen Kinder und Erwachsene an diesen Wanderungen teil. Susanne erklärt, wie man mit Pflanzen umgehen soll: Sie liebevoll anreden, sich behutsam nähern und mit Bedacht pflücken. Nie rupfen! Nur so gibt die Pflanze gern und unverletzt ihre Energie an den Menschen ab, sagt sie. Helmuth Wittmann zupft auf seiner Harfe ein paar Töne und beginnt mit dem ersten Märchen: "Es war einmal vor langer, langer Zeit, i woas net, wars gestern oder wars heit ..." Er erzählt die Geschichte vom Bauern, der seine Kühe hütet und von einem lästigen Touristen in seiner Ruhe gestört wird. Eine einfache Geschichte, ein wenig absurd, wie das Leben oft ist. Danach ziehen alle tief in den Wald hinein und sammeln fleißig Kräuter. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sammeln sie noch heute...
Manchmal soll es auch regnen im Almtal... Wer beim "Jagersimmerl" wohnt, dem mag das sogar gefallen. Dann kann er sich in mehr als tausend Bücher vertiefen, sich in eine irreale Märchenwelt begeben, in der edlen Bibliothek beim Kaminfeuer sitzen, heißen Tee trinken, in die regennasse Natur hinausschauen und Märchen aus Wittmans oder Grimms Welt oder den neuen Krimi von Donna Leon oder Thomas Bernhards düstere Dramen lesen.
Beim "Jagersimmerl" gibts das alles. Und Bücher, die es nicht gibt, werden umgehend geliefert.
Gans und Rabe
Im Almtal war es auch, wo Konrad Lorenz seine Liebe zu den Graugänsen entdeckte und mit ihnen lebte. Sein Haus steht noch und wird weiterhin als Forschungsstätte genützt. Josef Hemetsberger ist Koordinator der Forschung und Betreuer der Studenten, die ihm bei der Erstellung der "life-history-Daten" der Graugänse helfen. Penibel wird die Lebensgeschichte jeder der 147 Tiere von der Geburt bis zu ihrem Tod dokumentiert. Wer meint, Konrad Lorenz habe schon alles über Graugänse gewusst, der irrt. "Lorenz betrieb seine Forschung idealistisch. So meinte er zum Beispiel, Graugänse seien alle monogam. Wir haben jedoch viele Beweise des Gegenteils. Seitensprünge sind durchaus an der Tagesordnung, auch Scheidungen oder vorübergehende Trennungen", erzählt Hemetsberger. Die Gänsegemeinschaft gehorche einer sozialen Hierarchie ähnlich wie bei den Menschen. "Die oberste Stellung nehmen Paare mit Jungen ein, gefolgt von den kinderlosen Paaren. Eine Überraschung war die Entdeckung, dass es auch homosexuelle Paare gibt, die an dritter Stelle in der Hierachie stehen. Dreierbeziehungen und "Halbstarke" sowie Einzelgänger müssen um ihre Stellung in der Gänsegemeinschaft kämpfen", sagt Hemetsberger. Während er so erzählt, schnattern um ihn die Gänse und scharen sich um ihn, als wollten sie genau wissen, was da gerade über sie geredet wird.
Von Konrad Lorenz beeinflusst, begann Gertrude Drack im Alter von fünfzig Jahren Zoologie zu studieren. Ihre Studienobjekte waren jedoch nicht die Graugänse, sondern die Kolkraben, die zahlreich in und rund um das Almtal leben. Ihre Aufgabe war es, die Bestände zu ermitteln. Was keine leichte Aufgabe war. Da hieß es, auf Bäume klettern, sich in Felsspalten zwängen und in luftigen Höhen herumzuturnen. Dabei lernte sie auch, die Rufe der Raben zu imitieren. "Das kommt bei Raben sehr gut an, weil sie viel für Humor übrig haben", erzählt Gertrude Drack, vulgo "Rabengerti". Diesen Ruf erwarb sie sich, als sie einen Raben per Hand aufzog. Dieser wurde unter dem Namen Kraxi berühmt und berüchtigt. Tagsüber flog er, wohin es ihn immer passte. Einmal zu den wilden Raben, dann trieb er wieder im Dorf sein Unwesen, flog in fremde Wohnungen, stahl dort, was immer er erwischte, und versteckte seine Beute auf Nimmerwiedersehen. Abends kehrte er regelmäßig zu seiner Rabenmutter Gerti zurück. Als sich die Querelen über Kraxi häuften, baute sie ihm eine riesige Volière. Damit er nicht all zu sehr unter dem Verlust der Freiheit litt, gab sie ihm als Gefährten den gutmütigen Arthur. Und siehe da, der Kraxi entpuppte sich als eine Sie, die den Arthur sogleich als Ehegefährten akzeptierte. Bis heute leben die beiden als zufriedenes Paar und haben schon viele Junge großgezogen. Sie darf hin und wieder ihre Freiflüge starten, er bleibt lieber zu Hause und verjagt die Ratten. Emanzipation im Tierreich scheint selbstverständlich zu sein. Im Almtal auf jeden Fall!
Ein Genie denkt manchmal genial einfach, was neulich in der südfranzösischen Küstenstadt Cannes bestätigt wurde. Im Rahmen der zehnten Ausgabe der...weiter