
Manche witzeln über diesen größten Ballungsraum Nordeuropas und bezeichnen die durch Brücke und Tunnel zusammenwachsenden Städte als "Koma" und spielen damit auf die Anfangssilben von Dänemarks Hauptstadt und Malmö, der drittgrößten Stadt Schwedens, an. Malmö liegt mit bloß 27 Kilometern Entfernung noch näher bei Kopenhagen als Bratislava bei Wien.
Dabei ist die Gefahr einer komatösen Befindlichkeit in Kopenhagen höchstens durch die Besichtigung zu vieler Sehenswürdigkeiten gegeben und sicher nicht durch die Lebensqualität der Stadt. Laut dem 2009 durch die Economist Intelligence Unit erstellten und veröffentlichten "European Green City Index" ist Kopenhagen führend in Europa, Wien blieb bei diesem Ranking Blech. Was dem gemeinen Touristen sofort auffällt, ist die Vielzahl an Radfahrern, die trotz teils widriger Wetterbedingungen tagaus, tagein auf kein anderes Beförderungsmittel setzen. Deshalb ist es auch gar nicht überraschend, wenn manche Straßen außerhalb der Altstadt dieser Haltung Tribut zollen und teilweise die Fahrstreifen für Autos schmäler erscheinen als jene der Radfahrer. Das Fahrradverleih-System in Kopenhagen, das praktisch so funktioniert wie die Leihe eines Einkaufswagens im Supermarkt, hat viele Stadtplaner und -verantwortliche inspiriert.
Vom Kaff zur Kaufmannsstadt.

So richtig den Provinzcharakter ließ die Stadt durch eine Entscheidung des dänischen König Erik VII. hinter sich. Er verlegte 1417 die Hauptstadt von Roskilde ins damals überschaubare 3500 Einwohner zählende Kopenhagen und binnen weniger Jahrzehnte mehrte sich die Bevölkerung durch rege Bautätigkeit und Zuzug rasant. Einen weiteren wichtigen Impuls setzte König Christian IV., der unter anderem Christianshavn, eine neue Handelsstadt, gründete und viele Renaissancebauten in Auftrag gab. Leider erwies er sich als wesentlich schlechterer Militarist, denn der Eintritt in den 30-jährigen Krieg bedeutete das Ende einer strategischen Vormachtstellung Dänemarks im skandinavischen Raum zugunsten der Schweden.
Heute sind aus seiner Regentschaft noch der Runde Turm, der eine wunderbare Aussicht über die Altstadt bietet, die Börse und Schloss Rosenborg erhalten. Die alte Börse, deren 56 Meter hoher Turm von Ludwig Heidritter mit seinen vier ineinander verschlungenen Drachenschwänzen eines der Wahrzeichen der Stadt ist, liegt direkt neben dem gut erhaltenen, besichtigenswerten Schloss Christiansborg. Die königliche Familie ist heute in einem der vier Rokoko-Palais von Amalienborg untergebracht. Im Palais Christians VIII. können unter anderem die Privaträume früherer Regenten besichtigt werden. In der Mitte des Platzes befindet sich die Reiterfigur von Frederik V. Hier sind auch Leibgardisten der königlichen Familie zu sehen, die bemerkenswerte Distanzen zurücklegen, weil sie fast ununterbrochen graziös von einer Ecke zur nächsten marschieren. Um 12 Uhr folgt nicht High Noon, sondern täglich die Wachablöse.
Christianshavn wiederrum wurde durch die selbsternannte Freistadt Christiania zu einem Synonym des modernen, autonomen Kopenhagen. Dieses Alternativviertel hat seit 1971 auf Selbstbestimmung gesetzt, doch durch einen soeben gefassten Beschluss des Obersten Gerichts Dänemarks soll diese "Hippie"-Republik nach vier Jahrzehnten wieder ein "normaler" Stadtteil werden.
Alte Werften und neue Wahrzeichen.
Natürlich wurde die Stadt jahrhundertelang durch die Schifffahrts-industrie bestimmt. Doch deren Niedergang bis zur Schließung der letzten großen Werft im Jahr 1996 erzwang eine Neuorientierung. Neben der Modernisierung der Infrastruktur - erst vor rund zehn Jahren begann die Errichtung des Metrosystems - stellen einige architektonische Meilensteine neue Möglichkeiten der Selbstdefinition dar: "Der Schwarze Diamant", wie ein kubischer Bau, der als Erweiterung der Königlichen Bibliothek fungiert, genannt wird, oder das 2008 eröffnete Schauspielhaus am City-Ufer des Hafens, das fast vis-a-vis des ebenso atemberaubenden, 2005 fertiggestellten und großzügig von einem schwerreichen Reeder mitfinanzierten Opernhauses liegt.
Zusätzlich versteht es Kopenhagen das architektonische Erbe ausgezeichnet mit zeitgemäßer Funktionalität in Verbindung zu bringen. Ein Beispiel dafür ist das Copenhagen Admiral Hotel, das einen Getreidespeicher aus dem 18. Jahrhundert restauriert und adaptiert hat. Die Mischung aus schweren Holzbalken und breiten Steinbögen sowie hochwertigem Design ist sehenswert.
Dänisches Design dominiert.
Design genießt in Kopenhagen spätestens seit Arne Jacobsen einen hohen Stellenwert. 1960 gestaltete er das Radisson SAS Royal Hotel komplett vom Rohbau bis zu den Salz- und Pfefferstreuern. "Room 606" besteht heute noch aus den Originalen. Wer sich schon keine Übernachtung leisten kann oder will, sollte zumindest auf einen Kaffee oder einen kleinen Imbiss im 20. Stock des Hotels im Restaurant Alberto K. vorbeischauen.
So kompakt Kopenhagen ist, so kräftezehrend ist eine Besichtigungstour durch alte und neue Attraktionen. Der sogenannte "Tivoli" ist Kopenhagens bekannter und zentral gelegener Vergnügungspark, der allerdings optisch eher an den Orient denken lässt. Während der Öffnungszeiten von April bis Ende Dezember gibt es hier jeden Samstag ein Feuerwerk und auch die in verschiedenen Farben leuchtenden Glühlampen, deren Zahl mit 120.000 angegeben wird, schaffen eine fast mystische Stimmung. Wem die Jahrmarktatmosphäre dennoch nicht behagt, der sei zumindest auf ein exquisites Restaurant hingewiesen: Nimb, darin ist auch eine Bar, ein Club und ein Hotel inkludiert. Das im Frühjahr 2008 renovierte Top-Restaurant verspricht eine veritable Verwöhnung des Gaumens. Am besten schmeckt es, wenn man die Preise nicht weiter hinterfragt.
Ein Genie denkt manchmal genial einfach, was neulich in der südfranzösischen Küstenstadt Cannes bestätigt wurde. Im Rahmen der zehnten Ausgabe der...weiter