La Réunion ist nach Paris Frankreichs größter Markt für Porsche und die Autobahn vom Flughafen zur Westküste wurde die teuerste der Welt. Tausend Kilometer vor der Küste Madagaskars ist das Auto die heilige Kuh - wie in jedem Verbrauchermarkt. Ein Auto für jeden? Kein Problem, mit 350 Euro Sozialhilfe ist ein Kredit so gut wie sicher, schließlich setzen Autos mehr um als der florierendste Tourismus. Überquellende Supermärkte und die medizinische Versorgung mit europäischem Standard kontrastieren zu einem bunten Völkergemisch und Hautfarben in allen Schattierungen.
Vielleicht lebt hier die einzige Gesellschaft ohne irgendeine Form von Rassismus. Der Wochenendmarkt in St. Paul zählt sicher zu den buntesten Plätzen der Welt. "Koman y le?" - Wie geht es dir - "Le la!" - super - hören wir zwischen tropischen Früchten und Gemüse: Im Alltag redet man Kreol miteinander.
Die Topographie gleicht einem Kegel. Von der Küste steigt das Gelände bis auf 3000 Meter an, zersägt von gewaltigen Schluchten, welche die Monsunregen gegraben haben. Der Piton de Neige trägt mitunter eine Schneekappe. Er liegt im Mittelpunkt von drei vulkanischen Einsturzkesseln. Der Cirque de Mafate misst 14 Kilometer im Durchmesser und wird von fast senkrechten, 1000 Meter hohen Wänden umschlossen. Im Inneren sollen Menschen leben, die noch nie ein Auto gesehen haben, und was hinein oder hinaus gelangt, muss am Rücken getragen werden oder vom Helikopter. Dort will ich hin.

Nachmittags steigen wir vom 2000 Meter hohen Col des Boeufs in den grünen Cirque de Mafate nach La Nouvelle ab. Dutzende Leute begegnen uns, Familien mit Kindern, Sportler und auch wirklich alte Menschen. Für ein freundliches "Bonjour" ist immer Zeit. Die Tour entwickelt sich offenbar von einer Fernwander-Etappe auch zum beliebten Tagesausflug Einheimischer. Stattliche Baumfarne schauen aus dem Dickicht der Rhododendren. Darüber ragen bizarre Gipfel und selbst die Wände sind so gleichmäßig dicht bewachsen, dass sie von fern wie mit grünem Samt überzogen wirken. Auf halber Höhe schlängelt sich der Pfad durch einen Märchenwald aus Höhentamarinden, einer endemischen Mimosenart, von denen meterlange Flechten hängen. An seinem Ausgang erreichen wir das kleine Plateau mit La Nouvelle. Rauch steigt auf, es wird gekocht, Hunde und Hühner begrüßen die Abendsonne. Das kreolische Bergdorf mit seinen bunten Häusern, schmucken Veranden und Zierschnitzwerk empfängt uns als Refugium tiefen Friedens. Wir suchen unsere Gîte dEtappe, eine jener Unterkünfte, welche alle französischen Weitwanderwege begleiten.
Das Mädchen an der Rezeption ist höchstens elf Jahre alt und führt uns zu dem Bungalow mit Bad, den ich aus Sorge um Komfort in der Wildnis gebucht hatte. Schließlich bin ich in Damenbegleitung und Rucksackübernachtung auf der Berghütte ist eine Premiere. Als wir eintreten, sind wir so baff über die geräumige, penibel saubere Bleibe und das riesige neue Bett, dass ich so etwas für Flitterwochen der anderen Art vorschlage. "Wozu Flitterwochen", sagt sie fröhlich.
Nach Inspektion der Kochhütte mit blankgescheuerten Kesseln über dem Holzfeuer und verführerischen Düften freuen wir uns auf das Abendessen. Die kreolische Küche ist für ihre Vielfalt berühmt und lebendige Volkskultur. An einer langen, hübsch gedeckten Tafel wird für die Gäste gemeinsam das Abendessen serviert, ein gutes, ausgiebiges Menü. Das nennt sich table dhôte. Bier oder Wein kann man vorher besorgen und mitbringen. Serviert wird rougail saucessis, eine würziger Eintopf mit Würsten. So herrliche Würste ohne befremdlich nummerierte Zusätze habe ich seit Ewigkeiten nicht gegessen. Weiter kommen Ente mit bester einheimischer Bourbon-Vanille, Chou-Chou Gemüse, welches mit frischem Käse von den Almen der Plaine-des-Cafres gratiniert ist, und als Beilagen Reis und Linsen aus dem Cirque de Cilaos auf den Tisch. Abgerundet wird das Festmahl von Mousse au Chocolat.
Gut ausgeschlafen freuen wir uns auf einen neuen Strahletag. Beim Morgenspaziergang genießen wir von der Abbruchkante des Plateaus den Blick in den schaurigschön zerklüfteten Kessel. Dann geht es hinunter nach Les Trois Roches zum Wasserfall. Es wird feuchter und die Vegetation üppiger. Ganze Matten blühender Calla schimmern im Unterholz. Farne und Orchideen besiedeln die Stämme und Äste tropischer Farbhölzer. Auf der Plaine aux Sables machen wir die Bekanntschaft eines Bauern, der sein Gemüsefeld inspiziert. Er trägt ein gebügeltes weißes Hemd und seine feine, ruhige Art wirkt ausgesprochen vornehm. Die 1600 Meter hohe Wand des Grand Benare vor uns und die Einsamkeit erzeugen eine Ahnung vom Nabel aller Dinge.
Das Bett des Rivière des Galet liegt am Fuß der Wand und da aalen wir uns später auf sonnigen Felsplatten zwischen dekorativen Agaveninseln. Das Wasser stürzt dort ohne topographischen Hinweis in eine bodenlose Schlucht. Ein guter Sportler könnte sicher hinüberspringen, aber mir reicht die exponierte Lage, um den Wasserfall ins Bild zu bekommen.
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