Es ist kurz vor 10 Uhr vormittags. Wir stehen am Roten Platz und blicken fasziniert um uns. Diese Weite! Zuerst als Feuerschutz vor den roten Kremlmauern angelegt und später von den Kommunisten zum Aufmarschplatz erweitert, verlieren sich Besucher heute geradezu auf dieser riesigen Fläche, die auf 400 mal 100 Meter mit bemerkenswert akkurat verlegten Pflastersteinen bedeckt ist. Letztere führen zu einem weiteren Faszinosum, nämlich den an diesem Ort besonders gut zu beobachtenden körperlichen Höchstleistungen jener Stöckelschuhartistinnen, für die Russland weit über seine Grenzen bekannt ist. Aber nicht nur in dieser Hinsicht ist der Rote Platz ein perfektes Sinnbild für das Russland der Gegenwart. In scheinbar perfekter Harmonie verbindet sich auf ihm, was eigentlich gar nicht zusammenpasst, nämlich Religion, Kommunismus und Kapitalismus. Am südlichen Ende des Platzes ragt die ikonische Basilius-Kathedrale, allen einstigen Sprengungsgelüsten größenwahnsinniger Entscheidungsträger zum Trotz, noch immer farbenfroh gen Himmel und blickt dabei auf zwei Antipoden gesellschaftlicher Anschauungen: das zierliche Lenin-Mausoleum und das ungleich mächtigere Kaufhaus GUM.
Dass beide Gebäude demnächst öffnen, merkt man an den obligatorischen Wachen, die sich vor dem Mausoleum bereits postiert haben. Wie lange die einbalsamierte Leiche in dem avantgardistischen Gebäude noch zu sehen sein wird, ist unklar. Die Stimmen jener, die den einstigen Revolutionsführer endlich beerdigen wollen, werden immer lauter. Allein die Existenz dieses Schreins belegt, wie schwer es für viele Moskauer sein muss, mit der Vergangenheit abzuschließen.
Nach wie vor findet man die alten Insignien in der ganzen Stadt, ohne dass man lange nach ihnen suchen müsste. Am skurrilsten erscheinen sie aus heutiger Sicht an den zahlreichen Bahnsteigen der Metro, die zwischen den 1930er- und den 1950er-Jahren tief unter der Erde entstanden und heute zu den touristischen Höhepunkten zählen. Keine Haltestelle gleicht einer anderen.

Unter dem Platz der Revolution, in der Metrostation Ploschtschad Rewoljuzii, verbreiten dutzende Bronzefiguren eine düstere Stimmung: Soldaten, Sportler und Arbeiter blicken konzentriert und entschlossen auf die Passanten. Lediglich eine junge Bäuerin, die gerade Hennen füttert, wirkt einigermaßen unbekümmert. Schräg gegenüber von ihr leuchtet die Schnauze eines Schäferhundes, hell gerieben durch unzählige Hände. Das Berühren der Schnauze soll Glück bringen - daran glauben in den fünf Minuten unserer Beobachtung nicht weniger als 18 Personen unterschiedlichsten Alters und Geschlechts.

Nur wenige unterirdische Gehminuten entfernt befindet sich seit 1938 die Station Teatralnaja der Linie 2, eröffnet im Jahr 1938. Dort ist die Atmosphäre vermeintlich freundlicher, aber der Schein trügt: Der weiße Marmor soll aus einer gesprengten Kathedrale stammen. Wir fahren in Richtung Retschnoi Woksal und steigen bei Belorusskaja in die Ringlinie um. Mächtige Marmorleuchten und weißer Stuck rahmen dort bunte Mosaike, auf denen "CCCP"-Schriftzüge, Hämmer, Sicheln und fünfzackige Sterne die Vergangenheit preisen. In der Station Nowoslobodskaja, wo beleuchtete Glasmosaike mit bunten Blumen an Kirchenfenster erinnern, steigen wir aus.

Von dort sind es gerade einmal zwanzig Gehminuten zur "Garage", einer ebenso geräumigen wie schlichten Halle des Konstruktivisten Konstantin Melnikow aus dem Jahr 1926. Wo einst Busse parkten, betreibt heute Dascha Schukowa das Center for Contemporary Culture. Es ist gut, dass sie mit Roman Abramowitsch einen Oligarchen zum Freund hat, und noch besser, dass sie sein Herz auch für die Kunst erwärmen konnte. Auf 8500 Quadratmetern sehen wir mehrere temporäre Ausstellungen mit internationaler Gegenwartskunst, die allesamt hochkarätig kuratiert sind. Der Besucherandrang hält sich während unseres Besuchs in Grenzen, und so sind die streng dreinblickenden Sicherheitsleute, die allesamt dem Film "Men in Black" entsprungen sein könnten, eindeutig in der Mehrzahl.
Während der Weiterfahrt auf der Ringlinie halten wir in Komsomolskaja, der wahrscheinlich prunkvollsten Bahnsteighalle der Moskauer Metro. Manche sehen in ihr neobarocken Größenwahn, andere nennen sie kitschig. In jedem Fall ist sie sehenswert: Unzählige Säulen, die allesamt mit hellem Marmor verkleidet und mit Kapitellen gekrönt sind, tragen ein mächtiges, sandfarbenes Gewölbe, in dessen Scheitelpunkt russische Nationalhelden auf riesigen Mosaiken zu sehen sind. Am toten Ende des Bahnsteigs steht eine Lenin-Büste.
In Kurskaja, dem Kursker Bahnhof, verlassen wir das Metronetz erneut und spazieren knapp zehn Minuten bis zum Kunstzentrum Winsawod. Ebenso wie die "Garage" bietet diese ehemalige Weinfabrik aktuelle Kunst in alter Industriearchitektur. Mit dem Unterschied, dass man die Werke dort nicht nur betrachten, sondern auch kaufen kann. Hinter den roten Backsteinmauern warten ein Dutzend Galerien auf Kundschaft. Wer sich einen Überblick auf die russische Kunstszene verschaffen möchte, ist in Winsawod richtig.
20 Jahre und kein bisschen leise präsentiert sich der Steirerhof in Bad Waltersdorf. Was das Ehepaar Gunda und Werner Unterweger aus dem vormals wenig...weiter
Topkapi-Palast© © Atlantide Phototravel/Corbis Topkapi-Palast© © Atlantide Phototravel/Corbis Ein Museum wie kein zweites auf der Welt: Der türkische...weiter