Noch vor wenigen Jahren konnte man bei Erwähnung der Küche Großbritanniens nur müdes Gelächter ernten. Gerne wurde der Witz vom dünnsten Kochbuch der Welt erzählt. Auch die Nennung traditioneller Gerichte wie Roastbeef, Lammbraten, knackig gekochtes Gemüse oder Sandwiches, die bei uns ja durchaus beliebt sind, bekehrten niemanden; oder der Hinweis auf exzellente Landgasthäuser auf der ganzen britischen Insel mit wunderbaren Wildgerichten. Dann kam Jamie Oliver auf den Plan. Seine Kochbücher und Kochsendungen wurden Bestseller. Aber es hat bisher wenig geholfen. Selbst er und etliche britische Haubenköche konnten das Vorurteil "englisch essen ist darben und leiden" nicht aus der Welt schaffen.
Wobei "englisch" für Außenstehende auch für die Waliser gilt - was man einem echten Waliser gegenüber lieber nicht erwähnt. Der will ja nicht mit Engländern in einen Topf geworfen werden. Und so "kocht er sein eigenes Süppchen", arbeitet seit Jahren hart daran, walisisches Beef (das berühmte "Welsh Black", aber auch andere beliebte Rinderrassen stammen ursprünglich aus Wales) und Lamm wie Welsh Mountain, Welsh Mules, Welsh Halfbreds, Beulah, Welsh Hill Speckled Face und Lleyn Sheep, deren Herden das ganze Jahr über im Freien grasen, zu einer ganz speziellen Marke zu machen. Wie auch walisischen Käse und viele andere Landwirtschaftsprodukte. Dazu nützt man die regnerisch-üppigen Wiesen, die frische Luft der wenig industrialisierten

Landschaft, die umweltbewusste Tradition der Bauern und neue Ideen als Ergänzung zu alten Bräuchen und Rezepten. "Wales hat die besten Zutaten" ist man in den vielen Ab-Hof-Läden, denen gerne Café-Bars mit Snacks angeschlossen werden, ganz fest überzeugt. Recht gepflegt geht es da zu, man trifft sich aus der ganzen Umgebung für ein Schwätzchen oder einen Lunch und kauft dann Selbstgemachtes, Selbstgepflanztes oder Selbstgezüchtetes nicht gerade billig ein - aber es sieht halt gar so g’schmackig aus.
Ausgezeichnete Zutaten

Mit dem Wahlspruch "Y Ddraig Goch ddyry cychwyn" ("Der rote Drache rückt vor") haben die Waliser ihr Drachenemblem nicht nur bei der Europäischen Kommission etabliert und sich einen PGI-Status gesichert (die geschützte Marke einer besonderen Region), sondern die walisische Regierung veranstaltet seit zehn Jahren die "True Taste Food & Drink Awards". Damit werden walisische Bauern, Köche, Brauer, Restaurants, Lebensmittelshops und Hersteller von Schmankerln regionalen Ursprungs geehrt und so auch motiviert, spezielle Qualität und neue Ideen zu Essen und Trinken und zum dazugehörigen Service zu entwickeln. Über 1000 Anwärter konkurrierten heuer in 16 Kategorien, wie beim "Chutney Award" oder dem Preis für bestes Lamm, beste Würstel, bestes Beef. Auch "Organic" und "Sustainability" (Nachhaltigkeit) wurde gewürdigt. Der Geschmack bei den Abendroben der Damen verhielt sich teilweise umgekehrt proportional zu den dargebotenen Köstlichkeiten, aber die True Taste Awards werden ja nicht für Kleidung vergeben.

Probieren konnte man die Köstlichkeiten dann am nächsten Tag am Fuß des mächtigen Conwy Castles, einer imposanten mittelalterlichen Ruine, die noch heute die Conwy Bucht beherrscht. Das Conwy Food Feast mit einem Spaziergang an hundert Ständen und Zelten vorbei, das Gedränge, durchmischt mit bunten Figuren vom Mittelalterfest auf der Burg, ist mit einigen Pints Moose Beer gut ergänzt. Und natürlich mit Kostproben hier und Kostproben da, vom Cheddar mit Ingwerstückchen, geräucherter Butter oder Heidelbeeren-Balsamico, von walisischem Whisky-Likör und dutzenden verschiedener Chutneys bis zu walisischen Wildpasteten.
Gourmetreise durch Wales

Wer also heute nicht die allgemeinen Klischees nachplappern möchte, sollte sich einmal eine Gourmet-Reise durch Wales gönnen. Nicht nur sind die Preise dort noch akzeptabel und der Tourismusfaktor - wenn man von den englischen Besuchern absieht - noch nicht besonders hoch, es gibt auch charmante Übernachtungsmöglichkeiten mit netten Wanderungen durch die hügelige Wiesenlandschaft. Wie wäre es einmal mit einem echten Schloss? Bodysgallen Hall liegt gegenüber von Llandudno, einem guten Ausgangspunkt für eine Entdeckungsreise durch Nordwales, und hat - bis auf einen Schlossgeist (aber vielleicht ist er nur mir nicht erschienen) - alles für einen gepflegten Krimi zu bieten, von dem edelplüschigen Interieur bis zu prachtvollen Gärten mit Springbrunnen, Steinvasen und Buchsbaumhecken. Die Küche begeistert - wie die meisten Restaurants hier - mit vor allem regionalen Produkten. Und sogar ein Spa mit beachtlichem Pool im dazugehörigen Wäldchen bietet dieses "Rosamund Pilcher Paradies". Oder man wohnt à la Laura-Ashley in einem hübschen Landhaus mit dem unaussprechlichen Namen Tyddyn Llan, umsorgt und bekocht von den Besitzern, die schon einige "Food & Drink Awards" nach Hause tragen konnten. Noch ein Hotel-Tipp, ein ehemaliges Langhaus aus dem 16. Jahrhundert, modern adaptiert und trotzdem heimelig: Cleifiog Uchaf (ein Nachteil in Wales - die walisischen Namen). Nett auch das Caffi Florence, ein Ausflugslokal, Ausgangspunkt für Spaziergänge und Anbieter von Kochkursen, eine kleine Eigeninitiative der Besitzer, die dieses in Viktorianischen Zeiten von Sommerfrischlern aus Liverpool und Birmingham überrannte, heute recht schläfrige Ausflugsziel wieder beleben wollen.
Ein Genie denkt manchmal genial einfach, was neulich in der südfranzösischen Küstenstadt Cannes bestätigt wurde. Im Rahmen der zehnten Ausgabe der...weiter