"Wenn er sprechen könnte, was würde er uns erzählen?" Linda Vanherck nähert sich Brutus, der Riesenschildkröte mit einem zärtlichen Lächeln auf den Lippen. Die belgische Biologin hat ihren ältesten Schützling nun schon ein paar Tage lang nicht mehr gesehen. Womöglich hielt er sich irgendwo im Sumpfgebiet der Insel versteckt. Dort verloren sich zuletzt die eindrucksvollen Schleifspuren seines schubkarrengroßen Panzers. "Wo warst du, Brutus? Wir suchen schon den ganzen Tag nach dir!", begrüßt sie das Ungetüm. Ihre Stimme ist die einer Mutter, die soeben ihr verschwundenes Kind wiedergefunden hat. Die Freude über das unerwartete Wiedersehen ist in feinen Lachfältchen um ihre blaugrauen Augen geschrieben.
Als Brutus das Licht der Welt erblickte, war die Erde noch eine andere: Amerika war eine Nation der Sklavenhalter, Afrika noch auf dem Weg zum kolonialen Flickenteppich und die Antarktis gerade erst entdeckt. Auf der Weltkarte fehlten Johannesburg, Tel Aviv und Neu-Delhi; São Paulo, Singapur und Los Angeles waren Provinznester, die niemanden interessierten. Telefone, Autos und Kinos kannte man damals noch nicht, noch nicht einmal die Schreibmaschine war erfunden. Als Brutus zur Welt kam, malte Cézanne noch romantisch, Wagner schrieb am "Ring des Nibelungen" und Heine starb in seiner Matratzengruft in Paris. Bismarck war seinerzeit noch nicht einmal Preußischer Ministerpräsident, Marx hatte noch nicht sein "Kapital" verfasst und der Papst war noch nicht unfehlbar.

Die Welt, in die Brutus, die Riesenschildkröte, geboren wurde, gibt es längst nicht mehr. Und in all den Jahrzehnten, in denen sich die Menschheit in Kolonialismus, territoriale Konflikte und Kriege stürzte, tat Brutus allein das, was er seit seiner Geburt Tag für Tag und noch heute tut: Er schob mühsam seinen schweren Panzer über die Seychelleninsel North Island, graste gemächlich im Schatten von zerzausten Kokospalmen, sah die Sonne über dem Indischen Ozean aufgehen und untergehen und seine Welt schien die gleiche zu bleiben.

Auf etwa 150 bis 160 Jahre schätzt Linda das Alter der Riesenschildkröte. Eine enorme Zeitspanne, in der in Wahrheit auch auf North Island die Zeit nicht stillstand. Brutus wurde Zeuge, wie sich seine Insel erst im Schildkrötentempo und dann wie im Jetflug von einer weltabgeschiedenen Kokosplantage zu einer Trenddestination von Hollywoodstars und Superreichen veränderte.
Brutus steht regungslos inmitten einer Lichtung - ein Fels von einem Tier -, mit seinem Panzer als Kanonenkugel könnte man der Freiheitsstatue den Kopf abschießen. Doch an seiner rechten Seite ist noch immer deutlich die Narbe eines Unfalls zu sehen. Die mittlere Schildplattreihe ist zertrümmert. Vor einigen Jahren übersah ein betrunkener Tourist Brutus Schlafplatz auf dem Hauptweg von North Island und prallte mit seinem Elektromobil gegen seinen Panzer.

Es war Linda, die den Riesen nach dem Unfall aufpäppelte und seine Wunden versorgte, bis die Panzerechse wieder in gewohntem Stolz über die Insel spazierte. Die zierliche Frau mit dem silbergrauen Seitenzopf geht vor der Schildkröte in die Hocke und tätschelt sie liebevoll. Brutus lässt sich zur Begrüßung genüsslich den faltigen Nacken kraulen. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe.
Wer mit Linda Vanherck North Island erkundet, lernt eine ungewöhnliche Frau kennen, die ihr Leben dem Umweltschutz verschrieben hat.

Inspiriert von Zoologen wie der Gorilla-Forscherin Dian Fossey träumte sie schon als Kind, nach Afrika zu reisen, studierte Biologie in Leuven und forschte ab 1989 über Tierverhalten an der Universität Kapstadt. Sie zog nie wieder nach Belgien zurück, arbeitete als Guide in verschiedenen Nationalparks Namibias und Südafrikas und war jahrelang für verschiedene Umweltprojekte der UN im südlichen Afrika zuständig. Das Arche-Noah-Projekt auf North Island lockte sie 2005 auf die Seychellen. "Auch noch nach fünfeinhalb Jahren begeistert mich das Konzept", sagt sie.

Vom frühen 19. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre war North Island eine Kokosplantage. Nach dem Zusammenbruch der Kopraindustrie wurde die Insel verlassen. Auf dem Eiland vermehrten sich die zurückgebliebenen Ratten, Katzen und Schweine und rotteten die einheimische Tierwelt fast völlig aus. Einzig Brutus und wenige weitere Riesenschildkröten überlebten.
1997 kaufte eine Eignergruppe um den Detmolder Unternehmer Wolfgang Burre die verwilderte Insel und beschloss, sie zum Deluxe-Ökoresort umzuwandeln. Ein behutsam in die Landschaft eingefügtes Hotel sollte das Geld für das Arche-Noah-Projekt einbringen, das zum Ziel hat, den ursprünglichen Tropenwald zu renaturieren, so dass seltene ehemals auf North Island heimische Tier- und Pflanzenarten ihren Lebensraum zurückerhalten. Mit Setzlingen und Saatgut von anderen Seychellen-Inseln wurde bald mit der Aufforstung begonnen. Nach und nach wurden die tierischen Eindringlinge ausgerottet. Die Insel ist heute wieder rattenfrei. So können sich wiedereingeführte Arten wie der äußerst seltene Mahé-Brillenvogel ungestört vermehren. Mittlerweile leben auch wieder 85 Riesenschildkröten auf der Insel, zudem etwa 20 seltene Sumpfschildkröten, die vor zwei Jahren wegen eines Hotel-Neubaus auf der Hauptinsel Mahé ihren Lebensraum verloren.
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