
Die Erde bebte, als Fitzroy Springer mit seinen Freunden Oppossum jagte. Die wilden Tiere verschwanden, Blitz und Donner kamen. "Wir sahen Pilzwolken, dann fiel Asche", Springer erinnert sich genau an den 13. April 1979. Er war 15 Jahre alt und es war Karfreitag, als der Vulkan La Soufrière ausbrach. Mit Jeeps und Trucks verließen die Menschen ihre Dörfer. Sie kampierten in der Hauptstadt, in Schulen und in Kirchen. Fitzroy Springers Familie blieb fünf Tage zu Hause, bevor auch sie ging. Niemand starb.
Der Mini-Staat St. Vincent und die Grenadinen gehören zu den Kleinen Antillen, die karibische und die atlantische Platte stoßen hier zusammen. Außer La Soufrière sind zwei Unterwasservulkane bei Grenada bekannt, "Kickem Jack" und "Kickem Jenny". Von 32 Inseln der Grenadinen sind acht bewohnt, ein Viertel der rund 105.000 Menschen lebt im Großraum der Hauptstadt Kingstown auf St. Vincent. 1979 wurden St. Vincent und die Grenadinen von Großbritannien unabhängig, offizielles Staatsoberhaupt ist jedoch noch immer Königin Elizabeth. Wenn sie oder Prinz Charles auf der Privatinsel Mustique wohnen, steht das in keiner Zeitung, aber die Vincentianer wissen es. Chauffeur Charles Frederick sagt: "Ich bin jetzt fünfzig Jahre alt, die Queen war einmal da." Mick Jagger komme öfter.
Der eigentliche Star sind St. Vincent und die Grenadinen selbst. Manche sagen, so sei die Karibik vor zwanzig Jahren gewesen, bevor der Pauschaltourismus sie verschluckte. Noch ist St. Vincent die letzte Insel der Antillen ohne internationalen Flughafen; das soll sich ändern: Ab 2012 soll ein neuer Flughafen internationale Flüge abfertigen, in der Nähe entsteht das größte Hotel. Der graue Strand wird aufgehellt, der vulkanische Ursprung der Insel kriegt karibisches Make-up. Natasha Anderson von der Tourismusbehörde in Kingstown sagt: "Unsere Herausforderung ist der Wettbewerb mit Nachbarinseln wie Barbados und St. Lucia. Entertainment ist jedoch nicht unser Hauptaspekt, sondern wandern, surfen, segeln."
Früher war nicht der Tourismus die Haupteinnahmequelle, sondern der Bananen-Export. Zwar gehen noch immer Männer in Gummistiefeln in die Plantagen; sie tragen Chemie-Tornistoren auf dem Rücken und spritzen gegen das Unkraut. Doch die harte Arbeit der Farmer und Landarbeiter ist nicht beliebt; die Kinder der Vincentianer träumen von Karrieren als Jurist, Reiseagent und Luftfahrtingenieur. Viele große Plantagen sind verlassen, Lianen umwuchern die Bananenpalmen, wie bei den Wasserfällen Dark View Falls. Die Bananen der Insel will die Europäische Union nicht mehr, den Tourismus vor Ort fördern schon: Sie kofinanziert den Erhalt des Regenwaldpfads Vermont Nature Trail, den Bau von Toilettenhäusern an den Dark View Falls und am Ausgangspunkt der Vulkan-Wanderung. Am Wochenende aber, wenn die Familien kommen, sind die Toiletten verschlossen.
"Das gefährlichste Tier auf dieser Insel ist der Mensch", meint Fitzroy Springer, 47 Jahre alt und Biologe im Agrarministerium. Die Wildtiere von
St. Vincent sind ungiftig, Iguane, Opossum, Gürteltiere, Eidechsen, Vögel, Spinnen, Frösche und Schlangen. 1980, ein Jahr nach dem Ausbruch des La Soufrière, stieg Springer das erste Mal wieder auf den Berg: "Ich ging einen Schritt vor und rutschte zwei zurück." Unter der Asche des Vulkans überlebten Pflanzensamen, die zu einem neuen Regenwald sprossen, jung, betörend, frisch und voller Lichtspiele und dem Gesang der Kolibris und Trimpler. Nach einem Drittel des Weges durchbricht ein Strom kalten grauen Fels den Regenwald. Fitzroy Springer deutet auf einen daumenkuppengroßen Metallstift im Stein. Der Melder am Riverbed Lookout funkt Erdstöße per Satellit nach Trinidad. Mit einer Kraterweite von einer Meile gilt La Soufrière als zweitgrößter aktiver Vulkan nach dem Ätna, behauptet Springer.

Mancher Tourist flucht zweifach: Am Parkplatz Waterloo, dem Startpunkt der Wanderung, ist ihm zu heiß, die Sonne scheint nie unterzugehen. Der Gipfel aber liegt oft in Wolken. Wer für die Aussicht kommt und nicht für das Erlebnis, enttäuscht sich selbst - nur wer Geduld hat, wird belohnt. Wolken fetzen vom Tal herauf wie verirrtes Schaffell, bis der Wind alles aufreißt: In der Mitte des neuen Kraters, tief unten, thront eine moosgrüne Kuppel, daneben ein Teich. Das ist mehr Island als karibisch, mehr die unbändige Natur als weiße Strand-idylle. Fitzroy Springers Vater erzählte, dass dieser Krater vor dem Ausbruch mit Wasser gefüllt war und die Kuppel sich seit 1972 langsam formte. Es gibt noch einen zweiten Krater, entstanden beim Ausbruch 1902. Damals starben fast 2000 Menschen. Der Abstieg zu diesem alten Krater ist steil und rutschig, der Pfad unter den kniehohen Pflanzen nur zu erahnen. Das Wasser des Sees am Grund ist klar, frisch, süß, seine Wellen sanft, doch der Wind bläst so heftig, dass man ihn nur im Rücken ertragen kann.
Um St. Vincent und die Grenadinen zu verstehen, muss man sich nicht nur auf den Vulkan begeben, sondern auch auf das Wasser. Die Ostküste liegt am Atlantik, sie ist schroff und im Meer kräuseln sich zum Teil lebensgefährliche Strömungen. Die Westküste ist die karibische Seite, sanft und lieblich, mit Stränden, Palmen und nah am Wasser gebauten Dörfern. Die Segler kennen die Unterschiede ihres Reviers sehr gut, so auch Dexter, ein gedrungener, aufmerksamer Mann, der als Skipper arbeitet. Dexter, geboren und aufgewachsen auf der Genadinen-Insel Bequia, ist 42 Jahre alt, Sohn eines Matrosen und Waljägers. Er bedient die Yacht alleine auf der Fahrt in die Tobago Cays. Während dieser dreieinhalb Stunden gewinnen seine Gäste langsam Orientierung, bis sie die einzelnen Inseln an Form und Lage identifizieren können.
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