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  • Artikel vom 25.02.2012, 06:00 Uhr

Reisen

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Eintauchen in Annie Kings "Kingdom"


Von Dagmar Weidinger
  • Stundenlange Kämpfe gegen widerspenstige Brombeerhecken und Ginstersträucher, Unkrautjäten, bis das Kreuz rebelliert, zusammen mit anderen Freiwilligen aus aller Welt an einem gemeinsamen Projekt arbeiten und alternative Lebensformen kennenlernen - das alles und noch einiges mehr kann ein Sommer als "Wwoofer" in Irland bringen.


© Dagmar Weidinger © Dagmar Weidinger

Milbeg/Coomhola. Eine große Küche mit einem alten Holztisch, auf dem fünf bis sechs Katzen sitzen, auf dem Fensterbrett drängen sich die Kräutertöpfe eng an eng, auf der Anrichte steht immer eine Kanne mit frisch aufgegossenem Schwarztee: Das ist Annie Kings Reich inmitten eines alten irischen Steinhauses. Die 47-jährige Engländerin lebt seit mehr als zehn Jahren in West Cork - und mit ihr bisher mehr als 300 Wwoofer. Letzten Sommer war ich eine von ihnen, für 14 Tage baute ich Steinmauern, schnitt Brombeerhecken und grub den Garten um - gemeinsam mit fünf anderen aus Frankreich, Deutschland und Australien. Der Begriff des Wwoofens enstand in den 70er Jahren und bezeichnet die freiwillige Mithilfe am Bio-Bauernhof ("Willing workers on Organic Farms"). Wer für einige Stunden am Tag im Stall, am Feld oder im Garten mit anpackt, bekommt gratis Kost und Logis. Ausgehend von England bildeten sich regionale Wwoof-Organisationen in mehr als 50 Ländern, Irland ist eines davon. Dass es in Irland besonders viele Wwoof-Höfe gibt, läge daran, dass die Iren ein sehr offenes Volk wären, meint Annie King, die seit einigen Jahren die Präsidentin der irischen Wwoof-Bewegung ist.

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Meine Gastgeberin ist in vielerlei Hinsicht eine Pionierin. Lange bevor sie das erste Mal von der Wwoof-Bewegung hörte, campten Freiwilligen rund um ihr Haus, um mit ihr gemeinsam den großen biologisch geführten Garten zu bestellen und an dem alten Steinhaus zu bauen. "Ohne die Wwoofer wäre es mir nie gelungen, dorthin zu kommen, wo ich jetzt stehe", sagt Annie. Die Wwoofer müssen heute nicht mehr in Zelten übernachten, sondern können in einem zweiten, kleineren Steinhäuschen bleiben, welches dank der Baumeistererfahrung eines französischen Wwoofers dazugebaut werden konnte. Außerdem stehen drei Wohnwägen am Rande der Gemüsebeete und bieten je zwei bis drei Personen Platz zum Schlafen.

Während wir gemeinsam Kartoffeln aus dem eigenen Garten für das Abendessen schneiden, erfahre ich mehr über das bewegte Leben meiner temperamentvollen Gastgeberin. Aufgewachsen in England als Tochter eines Baumeisters und einer Lehrerin schien ihr Leben zuerst einen recht durchschnittlichen Verlauf zu nehmen: "Studium, Freund, Ehe, Kinder, Scheidung, ein lebensbedrohlicher Unfall und ein Herzinfarkt", rasselt Annie die Stationen ihres Lebens herunter. Mit 35 hätte sie schließlich das Gefühl gehabt, in einer Sackgasse zu stecken. Als Alleinerzieherin von zwei Töchtern und einem Job als Grund- und Sonderschullehrerin kam sie immer nur recht und schlecht über die Runden; so wären zusätzliche Arbeiten in Bars und Pubs am Abend dazugekommen. Ausgelaugt vom täglichen Funktionieren-Müssen, stellte sie damals eine einfache Überlegung an: "Als meine alte Liebe zu Irland wieder aufflammte und ich sah, wie billig die Häuser hier waren, verkaufte ich mein Haus in England und beschloss mit dem Geld in Irland neu anzufangen. Dazu gehörte auch, dass ich wieder an die Universität wollte, um Kunst zu studieren."

Ein Jahr später ist der große Schritt getan. Gemeinsam mit Freunden beginnt sie die eben erstandene "Ruine" in Irlands westlichster Provinz wiederaufzubauen. "Am Anfang ging es mir vor allem darum, meine eigenen Ideen umzusetzen. Mein Traum war es, hier eine Art Kultur-Gemeinschaftszentrum mit Töpferkursen, Spinnen, Schnitzen, Malen, Zeichnen und Korbflechten zu eröffnen. Ich wollte, dass auch andere sehen, wie wichtig Kreativität und die Fähigkeit, sich selbst zu erhalten sein können", meint Annie im Rückblick. "Heute finde ich es wichtiger, jungen Menschen, den Glauben mitzugeben, dass sie ihre eigenen Träume realisieren können", fügt sie hinzu.

Annie (Bild oben) steckt alle mit ihrer Begeisterung an. Belohnung für die Arbeit sind die gemeinsamen Mahlzeiten vor dem Haus.

Annie (Bild oben) steckt alle mit ihrer Begeisterung an. Belohnung für die Arbeit sind die gemeinsamen Mahlzeiten vor dem Haus.© Dagmar Weidinger Annie (Bild oben) steckt alle mit ihrer Begeisterung an. Belohnung für die Arbeit sind die gemeinsamen Mahlzeiten vor dem Haus.© Dagmar Weidinger

In der Zwischenzeit trudeln die restlichen Wwoofer von draußen ein: Jean, ein Gärtner aus Frankreich, Aviva und John, ein weltenbummelndes australisches Pärchen, Marine, eine französische Graphikerin, und Thomas, ein Apotheker aus Deutschland. Wer hierher kommt, bringt nicht selten ein besonderes Anliegen mit, wie etwa Thomas, der seit einem Jahr in Irland von Bauernhof zu Bauernhof zieht. Zuhause in Potsdam habe es ihn frustriert, in seinem Job kaum mehr als ein Verkäufer zu sein. So hatte er sich in Irland auf die Suche nach alternativen Heilmöglichkeiten durch Kräuter und Pflanzen gemacht. "Wer weiß, vielleicht werde ich danach selbst Biobauer", meint er. "Oder ich beginne eine Akupunktur-Ausbildung." Auch Annie merkt im Laufe der Jahre, dass viele der jungen Wwoofer vor allem einen guten Zuhörer brauchen. Immer wieder in die Rolle der Therapeutin gebracht, kehrt Annie noch einmal zurück an die Universität - diesmal um ihren Master in Kunsttherapie zu machen.

Bereits die Aufteilung der Arbeitsaufgaben am nächsten Morgen zeigt, dass es der Gastgeberin darum geht, auf jeden ihrer Wwoofer individuell einzugehen. Während Thomas ihr bei der Herstellung von Kräutertinkturen und Tees hilft, arbeitet sie mit Marine an der Gestaltung des regelmäßigen Wwoof-Newsletters zusammen. Arbeitsaufgaben werden nicht einfach vergeben, sondern gezielt gesucht. "Jeder soll selbst bestimmen, was er gerne machen möchte." Die Freiwilligkeit wäre der Schlüssel für ihre gute Zusammenarbeit mit den Wwoofern, denn nur, wer sich selbst für eine Tätigkeit entscheidet, kann seine Kreativität voll ausleben, ist Annie überzeugt.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-23 11:41:12
Letzte Änderung am 2012-02-23 15:20:23


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