
Paul Wimmer, der 2008 verstorbene Dichter und Essayist, war ein genauer Kenner der österreichischen Nachkriegsliteratur-Szene. In einem unserer sehr vielen sehr langen Gespräche erzählte mir Wimmer, es gäbe da einen "literarischen Giftschrank", verfasst von einem gewissen Hermann Hakel, man könne nur hoffen, dass die Texte unter Verschluss blieben, denn sie seien schlicht unerträglich.
"Ich war ihm (Thomas Bernhard, Anm.) sicher so unsympathisch wie er mir. Abgesehen davon, dass mir so dumpfe schwermäulige Wurzelseppen gar nicht zusagen, war mir einfach der Anblick dieses Gesichtes, weich und wie aus rohem Fleisch, unangenehm." Der Giftschrank wurde also unlängst geöffnet und unter einem dreifachen Titel herausgebracht: "gesehen - gehört - getroffen - gesprochen - gelesen - von denen ich weiß - Wahrnehmungen eines Literaten".
Halbidiot Qualtinger
"Bald kam ein breitschultriger Kerl daher, der noch kleiner war als ich, sprach in einem Ottakringer Proletendialekt und sah auch ganz danach aus. Nichts im Gehaben war jüdisch, nur seine wulstigen Lippen waren im knolligen, bubenhaften Gesicht auffallend unpassend", schreibt Hakel über den Dramatiker Fritz Hochwälder. Und über den Kabarettisten und Schriftsteller Helmut Qualtinger berichtet Hakel: "Da hockt nun der Qualtinger aufgebläht und schlampig neben mir und wiederholt, halbidiotisch, seine lallenden Phrasen von der verlassenen Frau, vom verlorenen Geld und von der neuen Freundin."
Hakels Buch ist indiskret, gemein, taktlos. Vor allem aber steht es im luftleeren Raum. Denn die Geschichte der österreichischen Nachkriegsliteratur ist noch ungeschrieben, die wenigen Darstellungen sind entweder oberflächlich recherchiert oder absichtsvoll parteiisch. Hakels Buch, das ist sein Verdienst, lässt die Kämpfe erahnen, doch die Möglichkeit einer objektivierten Nachvollziehbarkeit fehlt vorerst noch.
Die Problematik geht dabei tiefer, als der Begriff "Nachkriegsliteratur" vermuten lässt. 1945 nämlich schlägt keine Stunde null. Nur zögernd wird die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus angegangen, das friedliche Arrangement mit der jüngsten Vergangenheit überwiegt. Auch der Antisemitismus lässt sich nicht durch den Zusammenbruch des Nationalsozialismus auslöschen. Die antisemitische Tradition reicht in Wien schließlich bis in die Tage Bürgermeister Karl Luegers (1844-1910, im Amt 1897-1910) zurück. Nicht Hitler hatte das antisemitische Wien geprägt, vielmehr war es genau umgekehrt gewesen.
Der schlampige Umgang mit der jüngsten Vergangenheit wird in Österreich ohnedies zum Normalfall. Ehemalige NS-Karrieristen mutieren zu den Stars des neuen Österreich, etwa der Dirigent Herbert von Karajan - und der Dirigent Karl Böhm, letzter Direktor der Wiener Staatsoper zu NS-Zeiten, wird gleich erster Direktor des wiedereröffneten Hauses nach dem Krieg. Auch das kann man unter "Tradition" verstehen: das Anknüpfen an das eben Gewesene, ohne das eben Gewesene einer Beurteilung zu unterziehen.
Nun also, 1945, positionieren sich auch die Autoren, selbstverständlich so fern dem Nationalsozialismus als nur möglich, selbst, wenn sie kurz zuvor noch Nahverhältnisse gepflegt hatten. Aber es ist weniger ein intellektuelles Stellungbeziehen als ein parteipolitisches Manövrieren. Wer als eingefleischter Antifaschist gelten will, nähert sich der SPÖ. Was kurioserweise dazu führt, dass manch ein Autor, der sein Nahverhältnis zu den Nationalsozialisten überdecken will, einfach das "National" ablegt und schlichter Sozialist wird.
Diffuse Grenzen
So etwa Rudolf Brunngraber (1901-1960), der sich in seiner Jugend sozialdemokratisch engagierte und zum begeisterten, von der Reichsschrifttumskammer massiv geförderten Nationalsozialisten wurde, ehe er nun wieder zur Sozialdemokratie zurückkehrt und gegen den Antisemitismus schreibt, der ihn kurz zuvor keineswegs vom Publizieren im Deutschen Reich abgehalten hatte.
Andererseits steht auf Seite der ÖVP ein Dichter wie Felix Braun, der als Jude, um sein Leben zu retten, ins Exil nach Großbritannien gegangen war, 1951 nach Österreich zurückkehrt und als eine prägende Gestalt christlich inspirierter Dichtung wahrgenommen wird. Mit einem Brunngraber auf der einen und einem Braun auf der anderen Seite verschwimmen die Leitlinien, wo denn nun das Auffangbecken für die ehemaligen Nationalsozialisten wirklich ist.
Der Fall von Felix Braun zeigt indessen noch eine andere Problematik: Wie umgehen mit den emigrierten Künstlern? Die sogenannten Wiedergutmachungen, also das verstärkte Verlegen oder Aufführen ihrer Werke, erweist sich als kontraproduktiv: Bald überwiegt das Empfinden, ideologische Entscheidungen würden die künstlerischen dominieren.
Hakel wirft obendrein den zurückgekehrten jüdischen Künstlern ihre Integration in die österreichische Gesellschaft vor, die ja eben noch antisemitisch geprägt war. Er geht so weit, den - jüdischen - Parteivorsitzenden der SPÖ und späteren Bundeskanzler Bruno Kreisky des Antisemitismus zu beschuldigen. Und wenn Kreisky ein Antisemit ist, weshalb sollte dann der - ebenfalls jüdische - Schriftsteller und Kritiker Hans Weigel keiner sein?