Gabriel ist das, was man gemeinhin einen Versager nennt. Mit seinen 25 Jahren ist er, der als Kind vom Vater in einem Wutanfall durch eine Glastür geschleudert wurde, ein Mann ohne Perspektiven. Ein Alkohol- und Drogen-Wrack, ein nicht wirklich überzeugtes Mitglied einer obskuren Aktivistengruppe, das beschließt, sich umzubringen. Doch vor seinem Abtritt will Gabriel es noch einmal krachen lassen.
Er flüchtet aus der Entzugsklinik, in die ihn sein Vater einweisen hat lassen, plündert die Kasse der Aktivistengruppe und ruft seinen einzigen Freund Smuts an, um mit ihm sein finales Bacchanal zu feiern. Smuts lebt allerdings in Tokio und arbeitet in einem Feinschmecker-Restaurant.
Also fliegt Gabriel in die japanische Hauptstadt und sucht Smuts Restaurant auf, das Kugelfisch und noch giftigere, teilweise verbotene Genüsse kredenzt. Das Gelage, das die beiden mit Alkohol, Koks und kulinarischen Spezialitäten veranstalten, läuft indes aus dem Ruder. Ein japanischer Mafioso, dem Smuts statt der Leber versehentlich die Eierstöcke eines Fisches serviert hat, stirbt. Nachdem Smuts noch mit der Tochter des Chefs eine bizarre Nummer im riesigen Aquarium des Lokals geschoben hat, werden die Kumpanen festgenommen.
Während Smuts in Haft bleibt, kommt Gabriel frei und fliegt, um den Freund aus dem Gefängnis herauszubekommen, nach Berlin. Hier, wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hatte, will er mittels eines Geschäftspartners seines Vaters einen Club eröffnen, in dem Smuts den Küchenchef geben soll. Die Suche nach dem Geschäftsmann führt Gabriel auf das Areal des Flughafens Tempelhof- und mitten ins Zentrum des Bösen, wo sich die Superreichen ihrer Maßlosigkeit hingeben.
Die Welt als Spielball einer unersättlichen Krake namens Kapitalismus, das ist denn auch das Grundmotiv von DBC Pierres drittem Roman, der nach dem preisgekrönten Debüt "Jesus von Texas" und dessen Nachfolger "Bunny & Lake" eine von apokalyptischen Visionen verklammerte Trilogie abschließt. Dass sie mit biblischer Anmutung von einer Figur mit dem Namen des Boten Gottes erzählt wird, passt nur zu gut.
Peter Warren Finlay, wie der in Australien geborene und in Mexiko aufgewachsene Autor eigentlich heißt, lässt die Reichen sich anhand ihrer Rituale selbst demaskieren: durch überspannte kulinarische Genüsse - von den ausgefallenen Fischvariationen in Tokio bis zu den buchstäblich exotischen Rezepten mit geschützten Tierarten in Berlin: "Tatze vom Großen Panda mit Wachtelbohnen und Baby-Wurzelgemüse" etwa, oder "Hals der Oliv-Bastardschildkröte in Parmesan-Brioche-Kruste".
Mit flottem, behändem Sprachgestus zwischen Bukowski und Salingers "Fänger im Roggen" begleitet DBC Pierre, dessen Biografie eine Vergangenheit als Junkie und Hochstapler schmückt, seine Szenarien mit klugen Einsichten in das Wesen des Kapitalismus und exzellenten philosophischen Fußnoten zur conditio humana: "Lernen Sie, einen Kater zu lieben. Pflegen und bewundern Sie ihn wie traurige Musik. Als Aschenputtel der Ausschweifung ist er ein verkannter Segen, dabei aber vielleicht ihr größter; denn unter dem Einfluss eines Katers werden kluge Entscheidungen getroffen", preist er die Vorzüge des Hangovers nach dem Exzess.
Zudem ist "Das Buch Gabriel" eine facettenreiche Liebeserklärung an Berlin, wenngleich die Handlung hier an dramaturgischer Stringenz einbüßt. Der rauschhaften, verwegenen Opulenz dieses in zweierlei Hinsicht tollen Werks tut das freilich keinen Abbruch.