Einmal, Helen ist Mitte 50, geht sie in eine Bar, um jemanden persönlich kennen zu lernen, mit dem sie seit einiger Zeit Emails wechselt. "Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, doch es wäre gelogen, zu behaupten, sie hätte sich nicht beschwingt gefühlt. Keine von ihren Freundinnen hätte sich das getraut, auf diesem Barhocker sitzenzubleiben und zu warten."
Neunzehn Leute betreten die Bar, während sie wartet; sieben von ihnen könnten sich als der erwartete Unbekannte entpuppen. Doch niemand spricht Helen an. Bis ihr aufgeht, dass dieser Mann längst da gewesen - und wieder gegangen - sein muss. Er "war hereingekommen, hatte sie gesehen und nicht attraktiv gefunden. Es war so fern von allem, was ihr als anständiges Verhalten galt, dass sie es kaum fassen konnte." Helen geht auf die Toilette und erbricht sich - "Was sie erbrach, war die Überzeugung, das Älterwerden spiele keine Rolle. Denn es spielte sehr wohl eine Rolle. Eine sehr große sogar, und es ließ sich nicht aufhalten, und bei diesem Gedanken revoltierte alles in ihr."
Ein grausamer Umstand hatte dafür gesorgt, dass für Helen das Altern viel zu früh anfing. Als sie 30 war, hatte die sinkende Bohrinsel "Ocean Ranger" ihren Mann Cal in den Tod gerissen. Sie war zurückgeblieben - mit drei kleinen Kindern und schwanger mit dem vierten.
In "Und wieder Februar" erinnert die neufundländische Autorin Lisa Moore an den dramatischen Untergang der Ölplattform "Ocean Ranger" am 15. Februar 1982, bei dem alle 84 Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Moore war damals 18 gewesen, und auch wenn sie bei dem Unglück keinen Angehörigen verlor, war ihr die Katastrophe eines plötzlichen Verlusts sehr vertraut: Zwei Jahre zuvor hatte sie als 16-Jährige ihren Vater durch einen Schlaganfall verloren.
Nun, in ihrem 2009 im Original erschienenen und auf der Longlist des "Man Booker Prize" platzierten "February", entspinnt Lisa Moore um das historische Ereignis herum die Geschichte der jungen Helen, die nach dem Verlust ihres Mannes mit vier Kindern - und einem nicht endenden Schmerz weiterleben muss.
Wie geht das? Leben mit dem unerwarteten Tod des allernächsten Menschen, wenn man ihn innig geliebt und sein Leben mit ihm ausgerichtet hat? Das Thema zieht sich durch das Buch. "Nicht vor den Kindern weinen. Unentwegt weinen. Hackbraten essen. Um Vergebung bitten. Darum bitten, wieder in die Hochzeitsnacht zurückkehren zu dürfen oder zur Geburt der Kinder oder zu irgendeinem normalen Augenblick, wo man in der Küche stand und kochte oder aus einer Rechnung schlau zu werden versuchte, wo es schneite oder sie auf dem Teich Schlittschuh liefen."
Helen hat eine Schwester und Schwiegereltern, die ihr beistehen. Wie bitterlich allein sie dennoch ist, wird an den Erinnerungen klar, die der zwischen verschiedenen Zeitebenen hin- und herspringende Roman durchläuft. Die Intimität von Liebesgeschichte und Familiengründung lebt in Helen fort, während sich die Lebensgeschichten ihrer Kinder entfalten: von Cathy, die mit 15 schwanger wird; von John, dem Ältesten, der trotz aller Vorkehrungen, nie Vater zu werden, nun doch von diesem befürchteten Ereignis eingeholt wird.
Lisa Moores präziser, mitunter fast strenger Ton hat auch etwas Enervierendes, etwa wenn Helens Beherrschtheit, ihr trockener Humor anmuten wie die Haltung von jemandem, der von nichts mehr überrascht werden kann. Daraus ergibt sich ein Reden im Modus der Verallgemeinerung, das man pathetisch finden könnte, müsste man nicht mit fortschreitender Lektüre zugeben, dass hier Wichtigeres geschieht. Selten sieht sich der Leser so konfrontiert mit der Erbarmungslosigkeit von Trauer, die nie verblasst, sondern in allem, was passiert, fortlebt.
Die mosaikhafte Erzählstruktur, mit der Moore Episoden aus rund 30 Jahren herausgreift und aneinander montiert, bekräftigt dies: Zeit ist mehr als nur die Chronologie von Ereignissen; vielmehr scheint sie ein Meer, in dem man treibt, von allen Zeitschichten zugleich umgeben. Die ergreifende Gründlichkeit und Unnachgiebigkeit, mit der Moore die Geschichte eines Verlustes erzählt, lassen es als folgerichtig erscheinen, dass für Helen selbst in einer neuen Liebesbeziehung die Dringlichkeit der Fragen nach Cals Tod weiter besteht: Wie ist er gestorben? Was tat er in dem Moment, als die Plattform sank? Was fühlte, was dachte er?
Lisa Moore gelingt es, Leben als vielschichtiges Nebeneinander zu erzählen und in klarer, einfacher Sprache dennoch Raum für Komplexität und Widersprüchlichkeit zu schaffen.