
Die Lagunenstadt im 18. Jahrhundert: Während einer Abstimmung im Dogenpalast wird der adelige Zan Pelizzioli ermordet. Um das Verbrechen aufzuklären, schickt der "Rote Inquisitor" Saverio Barbaran nach der Klosterschülerin Leonora Pucci, der unehelichen Tochter des Rates dalla Frascada. Sie hat schon einmal mit scharfsinnigen Ermittlungen Verbrechen aufgeklärt. Leonora ist nur zu froh, dem Kloster zu entkommen und stürzt sich voller Eifer in die Ermittlungen. Dabei lässt sie aber eine wichtige Frage außer Acht: Warum engagieren die Mächtigen Venedigs ausgerechnet ein junges Mädchen für die Ermittlungen? Bald wird klar: Nicht nur ein Mord ist hier aufzuklären, auch jede Menge Intrigen und machtpolitische Spielchen erschweren Leonoras Aufklärungsversuche. Es geht um Geld und Politik und Status - wie immer in Venedig. Hinzu kommen noch Liebesgeschichten und Wahrsagereien, ein bisschen Schmuggel und Korruption. Der Autor zeichnet ein farbenfrohes Bild einer Stadt, die vom Geld angetrieben wird und deren Macht stets zu dunklen Machenschaften verleitete. Die junge Leonora, so gewitzt sie auch ist, gerät bald in einen fast undurchschaubaren Strudel unterschiedlicher Interessen. Ein historischer Roman, ein Krimi, ein buntes Panoptikum gut gezeichneter Charaktere - nicht nur für Venedig-Fans ist dieses Buch lesenswert. Und man muss glücklicherweise nicht den ersten Band gelesen haben, um sich auszukennen. Unterhaltsam, ein echter Schmöker, aber leicht zu lesen und zu genießen.
Frédéric Lenormand: Die venezianische Agentin. Thiele Verlag; ca. 20 Euro
Artikel erschienen am 17. Februar 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 46