(wald) "Das langsame Gehen durch das Land verleitet zum Verfertigen seltsamer Gedanken", sinniert Thomas Knubben auf seiner "Winterreise": Vor vier Jahren unternahm der deutsche Kulturwissenschafter einen Gewaltmarsch von Nürtingen nach Bordeaux. Dieselbe Route wählte Hölderlin im Winter 1801/02, um aus "Herzens- und Nahrungsnot" eine Hauslehrerstelle in Bordeaux anzutreten. Was ihn trotz bester Arbeitsbedingungen allzu bald - geistig zerrüttet - heimkehren ließ, gibt bis heute Rätsel auf.
Souverän verwebt Knubben eigene Wandererlebnisse mit Hölderlins Lyrik, Wilhelm Müllers "Winterreise" oder Goethes "Harzreise". Er stellt Hölderlins Schicksalsreise in den historischen Kontext und erinnert an die ideologische Vereinnahmung des Poeten durch die Nationalsozialisten. Zudem bietet der Fährtensucher wahre Glanzstücke französischer Landeskunde. Der Versuch, das Lebensbild und Land des Dichters zu erwandern, gerät zur sinnlich-sinnreichen "Promenadologie".
Thomas Knubben: Hölderlin. Eine Winterreise. Essay. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2011, 250 Seiten, 20,30 Euro.