Ein Öko-Thriller - und als solcher kann T. Coraghessans Boyle neuer Roman bezeichnet werden - hat üblicherweise den Konflikt Naturschützer gegen Kapital(ismus) zum Inhalt. Bei Boyle ist es, überspitzt formuliert, ein ideologischer Bürgerkrieg: Naturschützer gegen Naturschützer.
Auf Anacapa und Santa Cruz, zwei Inseln der Channel Islands-Gruppe vor der Südküste Kaliforniens, drohen eingeschleppte Tierarten die einheimischen auszurotten. Ratten fressen die Eier und Küken seltener Vogelarten, Wildschweine verwüsten Lebensräume. Um die eingesessene Fauna zu schützen und die natürliche Ausgangslage wiederherzustellen, sieht das Team um die Biologin Alma Boyd Takesue keine andere Lösung, als die Ratten und Wildschweine zu töten.
Das versucht eine Aktivistengruppe des FPA (For the Protection of Animals) zu verhindern. Angeführt vom soziopathischen Unternehmer David LaJoy argumentiert die Gruppe, kein Tier dürfe getötet werden; Demonstrationen und Guerilla-Aktionen sollen die Pläne der Biologen durchkreuzen. Der Konflikt zwischen Argument und Emotion spitzt sich auf dramatische Weise zu. Am Schluss gibt es viele Opfer und keinen wirklichen Gewinner.
Damit verrät man nichts Wesentliches. Denn der wichtigste Teil des Buches spielt sich im Kopf des Lesers ab. Ihm bleibt es überlassen, sein eigenes Urteil zu fällen. Genau darin aber, in der denkbar schwierigen Urteilsbildung, besteht die eigentliche Meisterschaft dieses Werks. Denn Boyle differenziert, relativiert, holt aus, zerpflückt Argumente, bis einem schwindelt: In historischen Einschüben schildert er die ökologischen Voraussetzungen des Konfliktes; in Rückblenden auf ihre eigene Geschichte und auch die ihrer Vorfahren macht er die Motive der handelnden Figuren plausibel. Dem Leser verweigert er einfache Identifikationsmöglichkeiten: Zwar hat der Tierschutz in der Person des jähzornigen, selbstgefälligen David LaJoy einen denkbar schlechten Anwalt; doch der Autor unterstreicht die Dringlichkeit der Sache an sich durch empathische Schilderungen der Intelligenz und Geschicklichkeit der zur planmäßigen Tötung verurteilten Ratten und Wildschweine und durch bedrückend-drastische Beschreibungen der industriellen Massentierhaltung und -tötung.
An heftigen Darstellungen - von Boyle stilistisch gewohnt versiert in Szene gesetzt - ist der Roman generell nicht arm. Der Mensch ist darin nicht das einzige grausame Wesen: Zu den schockierendsten Szenen gehört der Überfall eines Schwarms Raben auf eine Herde neugeborener Lämmer. Was indes Klauen an einer Schlange zu tun haben, muss uns Boyle (und vielleicht auch sein Übersetzer Dirk van Gunsteren) erst einmal erklären.
Dass man einige Handlungsspitzen vorausahnt, ist als leichtes Defizit ebenso zu verschmerzen wie jene übertriebenen Actionszenen, an denen man dann doch den "Bestsellerautor" merkt.
Dennoch hat T.C. Boyle einen gedanklich und philosophisch großen (Ent-)Wurf gelandet, der keine einfachen Lösungen anbietet, und in dessen ziemlich tiefem Pessimismus auch eine Art lakonischer Weisheit steckt.