Jänner war also in diesem Winter der erste Monat, an dem mein Fahrrad einem Monatsticket der Wiener Linien weichen musste. Anhaltender Regen erleichterte allerdings den Schritt, mich von meinem autonomen Fortbewegungsmittel in die Obhut der Wiener Linien und damit in die Knechtschaft von Fahrplänen zu geben. Zudem hat dieser Transportmitteltausch auch seine guten Seiten: leichteres Stadtgepäck (die Mitnahme von Fahrradhelm, Radlichtern und schwerem Radschloss entfällt) und eine zusätzlich gewonnene Leseoption – das Letztere zumindest theoretisch. Denn obwohl ich in keine Straßenbahn, in keinen Bus und in keine U-Bahn ohne Buch in der Tasche steige, ist die Anzahl der gelesenen Seiten auf der zurückgelegten Fahrstrecke je nach Kommunikationsbereitschaft der anderen Fahrgäste eher bescheiden. Ich lausche nämlich.
Um in öffentlichen Verkehrsmitteln meine Aufmerksamkeit zu erregen muss nicht laut diskutiert oder ins Handy gebrüllt werden. Im Gegenteil, das nervt. Mir hingegen fällt es schwer, bei fremden Gesprächen in angenehmer Konversationstonlage nicht zuzuhören. Ich verfolge Dialoge, wo man in Wien bei welchem Leiden die beste medizinische Hilfe findet, lausche den Anfängen einer Beziehungskrise aufgrund einer Partyeinladung via Facebook oder erfahre zufällig, warum sich zwei junge Frauen nicht dem Modediktat schwedischer Kleiderhäuser unterwerfen wollen. Meistens ist die akustische Ausbeute allerdings mager und nur selten bleiben mir aufgeschnappte Phrasen länger als die Dauer einer Fahrstrecke in Erinnerung. Eine Ausnahme ist etwa jener Mann, der auf dem Sitz einer alten 2er-Straßenbahngarnitur Platz nahm, unter dem die Heizung auf Hochtouren lief. Nach fünf Stationen sprang er mit den Worten auf "Diese Temperatur ist für mein Fortpflanzungsorgan nicht optimal" und begnügte sich mit einem Stehplatz. Oder der Fahrer einer am Schwedenplatz haltenden Straßenbahn, der einem Touristen eine Kostprobe des herben Wiener Charmes gab, indem er die Frage des Wienbesuchers, ob das der Schwedenplatz sei, mit "Schaut so aus" beantwortete.
Meine Leidenschaft, in den Öffis zu lauschen, ist bekannt. Freunde behaupten sogar, ich bereise nur jene Länder, deren Bevölkerungssprache ich auch verstehe. Eine böse Unterstellung. Zudem würde es meine in Frage kommenden Urlaubsdestinationen beträchtlich einschränken. Natürlich ist mir bewusst, dass sich derartiges Mithören nicht gehört. Aber in der Öffentlichkeit geführte Gespräche sind wie geschriebene Ansichtskarten: der Inhalt wird Außenstehenden ungesichert präsentiert. Meine Großmutter, die ihre eigene Vorstellung von Privatsphäre hatte, demonstrierte mir das schon sehr früh. Fragen wie "Was macht ... in ...?" oder "Wer ist ...?" belegten, dass sie jede an mich adressierte Postkarte las. Die Anmerkung, dass es sich um meine Post handelte, wurde quittiert mit "Geh, jetzt stell dich nicht so an. Das ist eine Ansichtskarte. Die kann jeder lesen." In jungen Jahren wurde mir somit klar, warum sich manche Menschen beim Schreiben von Urlaubskarten auf banale "Liebe Grüße aus ... schicken Euch ...." beschränken. Brisantes in Briefe, Banales auf Postkarten. Im Fall von öffentlichen Verkehrsmitteln, wo die Möglichkeit fremder Zuhörer gegeben ist, rate ich Ihnen daher, unverfängliche Gesprächsthemen zu behandeln. Ich könnte in Hörnähe sitzen.
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