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  • Artikel vom 10.02.2012, 23:36 Uhr

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Update: 24.02.2012, 20:17 Uhr
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Wien-Blog

Wiener Sagen


Von Gerald Jatzek

Der Engelbrunnen in der Wiedner Hauptstraße 55

Der Engelbrunnen in der Wiedner Hauptstraße 55GuentherZ - Creative Commons Der Engelbrunnen in der Wiedner Hauptstraße 55GuentherZ - Creative Commons

Wenn man den aktuell unwirtlichen Umständen zum Trotz zu Fuß unterwegs ist, hat man den Vorteil weitgehend freier Sicht auf die Architektur der Stadt. Extreme Temperaturen vertreiben nun einmal die Menschen, und während Kuala Lumpur nur dem mutigen Marschierer in der Mittagshitze ein freies Blickfeld bietet, eröffnet sich selbiges in Wien dem waghalsigen Winterwanderer.


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Solcherart kann man etwa auch die Wiedner Hauptstraße bis zum Fluchtpunkt betrachten, ohne von allzu vielen Autos daran gehindert zu werden. Auf dem Gehsteig tauchen nur vereinzelt Menschen der rar gewordenen Gattung Hausmeister auf, die mit Schaufeln und Streuen beschäftigt sind, was andernorts von so genannten Hausbetreuungen erledigt oder auch nicht wird, wie man feststellen kann, wenn man bis zu Knöcheln im Schnee versinkt.

Information

Eine bildliche Darstellung der Sage Schab den Rüssel findet man im Hof des Hauses Czerningasse 7 im 2. Bezirk.

Menschenleer ist auch die Fläche vor dem Café Wortner, weshalb ich erstmals die Inschrift auf dem Engelbrunnen in Ruhe lesen kann. Um einen schröcklichen Räuber, den Waldteufel, geht es da, den eine kluge Jungfer namens Elsbeth unschädlich gemacht hat. Dafür ließ sie sich von einem Schlosser einen Stuhl anfertigen, dessen Eisenbänder sich um den bösen Buben legten, kaum dass er Platz genommen hatte. Wie alle brauchbaren Mythen funktioniert die Sage auf mehreren Ebenen. Man muss kein glühender Freudianer sein, um die erotische Komponente einer Geschichte zu erfassen, in der eine Jungfrau einen wilden Mann umgarnt und fängt.

Dabei fällt mir fast zwangsläufig der im November verstorbene Liedermacher Reinhard Liebe ein, der wie kein anderer Altwiener Geschichten in Balladen und Gstanzln für die Gegenwart adaptieren konnte. Er sang vom Basilisken, vom Werwolf auf dem Kardinal-Nagl-Platz und von der teuflischen Feile, mit der man sich Goldstücke von den Lippen schmirgeln kann:

"Schab den Rüssel, schab den Rüssel, schab den Rüssel, sei net faul!
Lass die Raspel ordntlich raspln, schab den Rüssel, schab des Maul!
Tuat's a weh zum Aus-da-Haut-fahrn, rinnt des Bluat da scho vom Mund:
Schab den Rüssel, schab den Rüssel, wäu die Gier, die is a Hund."

Und das ist ja nun inmitten des Heulens und Zähneklapperns von Hausherren und Steuerflüchtlingen wirklich sagenhaft - aktuell.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-10 23:28:37
Letzte Änderung am 2012-02-24 20:17:12


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