Vancouver.

Auch die Europäer suchen fieberhaft nach dem sogenannten Gottesteilchen. Es gilt als letzter fehlender Puzzleteil im derzeit gültigen Standardmodell der Teilchenphysik, ohne das sich die Masse der Elementarteilchen nicht erklären lässt. Europas Wissenschafter produzieren im europäischen Teilchenforschungszentrum Cern bei Genf knapp das Vierzigfache der amerikanischen Daten und dürften am Ende mit ihrer Genauigkeit überzeugen.
Der wissenschaftliche Direktor von Cern, Sergio Bertolucci, bekräftigte bei einer Pressekonferenz mit Roser in Vancouver, dass die Europäer das Higgs-Rätsel bis Ende 2012 lösen würden. Cern werde seinen riesigen Beschleuniger LHC (Large Hadron Collider) noch heuer von einer Energie von 3,5 auf vier Tera-Elektronenvolt bringen, sagte er. Damit kann der Beschleuniger Elementarteilchen mit noch höherer Energie aufeinander schießen. Bei diesen Kollisionen entstehen neue Teilchen, womöglich auch das Higgs (auch Higgs-Boson genannt).
Die Suche wird so oder so ein interessantes Ende finden. Existiert das Higgs-Teilchen tatsächlich, bestätigt sein Nachweis die Richtigkeit des Standardmodells. Seine Nicht-Existenz hieße, dass das Modell - das viele Physiker als wichtigste Theorie des 20. Jahrhunderts feiern - ergänzt oder korrigiert werden muss. "Es wäre spannender, wenn wir es nicht fänden", sagte Bertolucci vor Journalisten in Vancouver. "Wenn das Higgs nicht existiert, muss es einen anderen Mechanismus geben."
Die Teilchen-Physikerin Anadi Canepa vom kanadischen Nationallabor Triumf in Vancouver sagte, dass die Nicht-Existenz des prophezeiten Higgs-Teilchens "zu neuen Dimensionen in Raum und Zeit führen könnte".
Cern hat mehr Datenvolumen
Laut Canepa reicht das Datenvolumen des US-Tevatron freilich nur dafür aus, die Existenz des Higgs-Teilchens zu verneinen. "Für seinen Nachweis bedarf es des weitaus größeren Datenvolumens der Europäer", sagte die Expertin. Der betagte Tevatron-Beschleuniger des Fermilabs in Batavia (US-Bundesstaat Illinois) ist seit September abgeschaltet.
Mitte Dezember hatten Cern-Forscher vielbeachtete Zwischenresultate zu Higgs vorgelegt. Das Teilchen sei den bisherigen Daten zufolge am ehesten im Energiebereich zwischen 116 und 130 Giga-Elektronenvolt zu finden. Die Hinweise seien aber noch nicht stark genug, um von der "Entdeckung" des Higgs-Teilchens zu sprechen, hieß es in einer Mitteilung des Cern. Nachdem "seine" Higgs-Daten analysiert wurden, will US-Forscher Roser sie Anfang März auf der Moriond-Tagung im italienischen Ort La Thuile der Fachwelt bekanntgeben.