• 24. Mai 2012

  • RSS abonnieren
  • Wiener Zeitung auf Facebook
  • Auf Twitter verfolgen

Sie sind hier:


  • Artikel vom 07.02.2012, 12:36 Uhr

Geschichte

Update: 07.02.2012, 12:40 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Öffentliche Wahrnehmung zu Lebzeiten kaum gegeben

Grazer Historikerin analysiert mediales "Sisi"-Bild um 1900 in Wien


  • Evelyn Knappitsch in neuem Buch: Anfangs dominierte das Bild der "Mater Dolorosa".

Graz. In Gestalt von Romy Schneider wurde die 1898 in Genf ermordete österreichische Kaiserin Elisabeth - damals "Sisi" genannt - jene "Sissi", die seit den 1950er-Jahren bald ganz Europa entzückte und das Bild der Monarchin bis heute wesentlich mitbestimmt. Mit der Frage, wie die öffentlichkeitsscheue Regentin in der Wiener Presse um 1900 dargestellt wurde, hat sich die Grazer Historikerin Evelyn Knappitsch auseinandergesetzt und das Bild der "Mater Dolorosa" - der schmerzerfüllt trauenden Mutter - festgemacht.

Information

Evelyn Knappitsch: "(Nach-)Blicke auf die Kaiserin. Zur Konstruktion von
"Sisi"-Bildern in der Wiener Presse um 1900", Grazer Universitätsverlag
-Leykam, 2012, ISBN978 3 7011 0230 3

Werbung

  "Eine öffentliche Wahrnehmung der Kaiserin war zu ihren Lebzeiten kaum bis gar nicht gegeben", so Knappitsch im Gespräch mit der APA. Erst die Ermordung im Spätsommer 1898 habe die Regentin in den Mittelpunkt medialer Aufmerksamkeit katapultiert: "Noch wenige Monate zuvor verblieb sie selbst an ihrem 60. Geburtstag im toten Winkel der Wiener Presse", so die Historikerin über die Herrscherin, die sich in ihren letzten dreißig Lebensjahren weder porträtieren noch fotografieren ließ.

Attentat über mehrere Wochen in der Presse  
Das Attentat von Genf blieb dann jedoch "über mehrere Wochen Gegenstand der Presse", so Knappitsch. Sie hat die damals fünf auflagenstärksten Wiener Tageszeitungen mit unterschiedlicher politischer Positionierung auf entsprechende Meldungen untersucht. "Die (Re)Konstruktionen der lebenden Kaiserin waren klar tendenziös und an die allgemeine Blattlinie angelehnt", so die Autorin. "In den liberalen Zeitungen entsprach Elisabeth ganz dem Ideal der bürgerlichen Frau", ihre Rolle als Kaiserin habe sie nicht erfüllt, weil sie eben nicht das repräsentative Glanzstück des Hofes sein wollte. "Auch die 'Arbeiter Zeitung' hob ihre liberale Haltung hervor, während die 'Wiener Zeitung' als offizielles Amtsblatt des Kaiserhauses, Elisabeth als ideale Herrscherin stilisierte, die ihrem Mann eine Stütze war und sich sozial engagierte", verwies Knappitsch auf die widersprüchlichen Darstellungen, die sie in ihrer jüngsten Publikation "(Nach)Blicke auf die Kaiserin" im Grazer Leykam-Verlag darlegt.

  Was die Erscheinung der Kaiserin betraf, sei das "Sisi"-Bild in den liberalen Medien von ihrer Jugend und Schönheit bestimmt gewesen. Das klerikalkonservative 'Vaterland' habe sie jedoch als alt und gebrechlich beschrieben. Das tatsächliche Aussehen blieb, seit sie sich nach dem Selbstmord ihres Sohnes, Kronprinz Rudolf, nur noch dicht verschleiert zeigte, der Öffentlichkeit jedoch verborgen. "Vieles beruht auf Spekulationen und sagt mehr über die Verfasser der Artikel aus, als über die Kaiserin selbst", betonte Knappitsch.

Die "Mater Dolorosa"  
Wenn sich zum damaligen Zeitpunkt ein medienübergreifendes Bild durchgesetzt habe, so war es das der "Mater Dolorosa", der um ihren Sohn trauernden Mutter. Das süßliche Klischee einer "naiv-optimistischen Sissi", wie es in der österreichischen Filmtrilogie der 1950er-Jahre mit Romy Schneider in der Titelrolle transportiert wurde, sei auf jeden Fall "kein Produkt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, sondern wurde vielmehr erst durch das nationale Selbstverständnis Österreichs in der Zweiten Republik" definiert. Als Grundlage für eine positiv konnotierte, spezifisch österreichische Identität seien damals "neue kollektive Fixpunkte des kulturellen Gedächtnisses in einer noch unschuldigen Vergangenheit jenseits des Nationalsozialismus und einer politisch umkämpften Zwischenkriegszeit" verortet worden.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-07 12:38:32
Letzte Änderung am 2012-02-07 12:40:41


Beliebte Inhalte



Einen vom Bundesdenkmalamt als "sensationell" eingestuften Fund haben Archäologen unter dem Gelände der Burgruine Reichenstein in Tragwein im Bezirk Freistadt in Oberösterreich gemacht. Sie entdeckten große Teile einer alten Burg. - Foto: Archiv
  • Die Grabung ist noch gar nicht abgeschlossen, sodass weitere Entdeckungen nicht ausgeschlossen sind.
  • weiter

Jagd in Deutschland: Hohe Wildbestände und entsprechend viele geschossene Tiere. - © dpa/Philipp Schulze Nun geht auch einer der profiliertesten deutschen Forstexperten den Jägern an den Kragen. Er zielt aber nicht nur neidig auf deren Privilegien...weiter

Polleys "Flash-Matic" erinnert auf den ersten Blick eher an eine Gartenspritze als an eine Fernbedienung. Und doch war der kleine Apparat bei seinem Debüt im Jahr 1955 eine Sensation. Ab nun brauchte niemand mehr von seinem Sessel aufzustehen, wenn er das Programm umschalten wollte. Die Couch-Potato war geboren. - APAweb/AP Chicago. Ohne diesen Mann gäbe es keinen gemütlichen Fernsehabend: Der Amerikaner Eugene Polley erfand in den 1950er Jahren die erste kabellose...weiter

Galaxien (hier NGC 247) scheinen vor uns und voreinander zu fliehen, und das mit einem immer höheren Tempo. Waltet hier die Dunkle Energie? - Europäische Südsternwarte, Chile (ESO)
  • Die "Dunkle Energie" ist den Wissenschaftern noch nicht sehr genau bekannt, aber sie könnte eines fernen Tages das Schicksal des Universums besiegeln.
  • weiter

Die Menschenrechtsaktivistin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises 2004 ist neben dem österreichisch-brasilianischen Bischof Erwin Kräutler eine von zahlreichen Kritikern, die vor den Auswirkungen des Projekts auf den Amazonas-Regenwald und die autochthone Bevölkerung warnen. - APAweb/EPA
  • Menschenrechtsaktivistin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises 2004 in Österreich.
  • Österreicher sowohl auf Seite der Kritiker als auch der Errichter.
  • weiter




Werbung



Schlagwörter



Pallas Athene, 1898
Gustav Klimt
Öl auf Leinwand

Vergessenes wurde wiederentdeckt. Im Naturhistorischen Museum freut man sich über die Belebung des Museums durch die Arbeit des Künstlers Daniel Spoerri. (Im Bild: "Austernschabracken-Pferdeskelett-Spießbock-Kümmerer" von Spoerri.) Blick auf das Werk "Sevilla-Series, No. 1, Tapir" des Künstlers Daniel Spoerri im Rahmen der Ausstellung "ein inkompetenter Dialog?" im Naturhistorischen Museum in Wien. Die Ausstellung ist vom 23. Mai bis 17. September 2012 zu sehen. (21. Mai)
Siehe auch: http://bit.ly/JrMvnU

Ein Demonstrant zeigt der berittenen Polizei das Victory Zeichen.  Hunderte Amerikaner gingen am Wochenende auf die Straße, um gegen den NATO-Gipfel in Chicago zu protestieren. Das amerikanische Model Lydia Hearst posiert für die Kamera.

Werbung