Wer hat wo erstmalig den Umfang der Erdkugel berechnet? Diese geniale wissenschaftliche Leistung fand in Ägypten statt. Es war der alexandrinische Gelehrte Eratosthenes, der vermutlich von 276 bis 194 vor Chr. lebte - und seine Berechnung fußte auf der unterschiedlichen Länge der Mittagsschatten in Syene, einer Stadt im südlichen Ägypten, und in Alexandria. Eratosthenes war der Vorsteher der berühmten, von Ptolemäus I. 288 vor Christus gegründeten Bibliothek von Alexandria. Dort wirkten die größten Wissenschafter ihrer Zeit: Euklid, der Vater der Geometrie; Archimedes, der große Mathematiker, und andere.
Zugegeben: Es waren dies alles griechische Gelehrte und die ptolemäische Dynastie die Schöpfung eines griechischen Generals von Alexander dem Großen. Aber Ägypten wurde von den Ptolemäern nicht einfach unterjocht. Es kam vielmehr zu einer Verschmelzung der Kulturen, wobei speziell die altägyptische Religion und die Architektur ihre Jahrtausende währenden Traditionen bis weit in die römische Zeit zu wahren wussten.
Auch die ägyptischen Kulturtechniken bewahrten ihre Geltung. Dass es Publius Petronius, dem tüchtigen Präfekten des Kaisers Augustus, gelang, die Provinz Ägypten zur Kornkammer des Reiches zu machen, beruhte vor allem darauf, dass er die existierenden, aber verschlammten Bewässerungskanäle durch Soldaten säubern ließ.
Ein Besuch mit Folgen
Angesichts der heute gegebenen unklaren politischen Lage im Land am Nil ist es vielleicht sinnvoll, sich der besonderen geopolitischen Rolle Ägyptens zu vergewissern: Als dominierende Hochkultur am Südrand des Mittelmeers war es gegenüber Europa wirtschaftlich und kulturell ebenso Geber wie Nehmer. Und das wird vermutlich auch so bleiben.
Ob die Bibliothek von Alexan-dria in der Spätantike Opfer fanatischer Christen wurde, ob sie das Edikt von Kaiser Theodosius aus dem Jahr 391, alle heidnischen Tempel zu zerstören, nicht überlebte, oder ob ihre letzten Reste erst unter der Herrschaft der Araber im 7. Jahrhundert beseitigt wurden, ist umstritten. Tatsache ist, dass die kulturellen, ökonomischen und politischen Beziehungen zwischen Ägypten und Europa durch die Herrschaftsansprüche der abrahamitischen Religionen Christentum und Islam über Jahrhunderte minimiert wurden.
Durch die europäische Aufklärung (und nicht zuletzt das Freimaurertum) kam aber Alt-Ägypten gegen Ende des 18. Jahrhunderts kulturell in Mode - man denke nur an Sarastros Anrufung von Isis und Osiris in Mozarts "Zauberflöte".
Napoleons Ägyptenfeldzug (1798 bis 1801) blieb zwar letztlich militärisch erfolglos, förderte aber die modische Ägyptomanie und bildete den Auftakt für ein Näherrücken Ägyptens und Europas. Begleitet von zahlreichen Gelehrten, Ingenieuren und Künstlern, zollte der korsische Eroberer den machtvollen Bauten der ägyptischen Antike seinen Respekt.
1798 wurde in Kairo das "Institut dÉgypte" gegründet, eine wissenschaftliche Einrichtung zur Erforschung Ägyptens. Die Ergebnisse der Expedition wurden in der mehrbändigen Text- und Bildsammlung "Description de lÉgypte" dokumentiert, die den Grundstein für die spätere Ägyptologie legte.
Allein die Größe der ägyptischen Pyramiden und anderer Monumentalbauten war es schon, die das "aufgeklärte" und "fortschrittliche" Europa beeindruckte. Paradoxerweise sollten es ähnlich monumentale Projekte sein, die im 19. und 20. Jahrhundert das Schicksal Ägyptens eng mit jenem Europas verknüpften.
Der Suezkanal
Schon Napoleon hatte die Möglichkeit einer Kanalverbindung erwogen, die einen direkten Seeweg nach Indien eröffnen würde. Aber Ferdinand de Lesseps, der französische Diplomat und Cousin von Eugénie, der Gattin Napoleons III., realisierte schließlich die Vision der Verbindung von Mittelmeer und Rotem Meer. Als Glücksfall erwies sich, dass sein Jugendfreund Muhammad Said 1854 zum ägyptischen Vizekönig ernannt wurde. Schon am 30. 11. 1854 erhielt Lesseps eine erste 99-Jahres-Konzession für den Bau des Suezkanals durch die von ihm zu gründende "Compagnie universelle du canal maritime de Suez". Ihre Bestätigung durch den Sultan in Konstantinopel blieb allerdings zunächst aus - aufgrund diplomatischen Drucks von Seiten Großbritanniens.
Lesseps gründete dennoch 1858 seine Compagnie, eine ägyptische Gesellschaft mit Sitz in Alexandria und einer Hauptverwaltung in Paris. Lesseps wollte auch britische Anleger für sein Kanalprojekt gewinnen, aber das gelang ihm kaum. Letztlich sprang der ägyptische Vizekönig als Investor von 44 Prozent des Gesellschaftskapitals ein.
Beim Suezkanal ging es also keineswegs bloß um ein kolonialistisch "übergestülptes" Projekt, sondern um eine gemeinsame Vision von Ägyptern und Europäern. Es war ein Vorhaben von pharaonischen Ausmaßen. Entsprechend den Vorschlägen des vor Baubeginn verstorbenen österreichischen Ingenieurs Negrelli, sah die Planung vor, den Kanal ohne Schleusen zu bauen und einige natürliche Senken mit Meerwasser zu fluten.
Die zehnjährige Bauzeit des Kanals ist ein Epos der Modernisierung. Statt Lastkamelen kamen zunehmend Feldbahnen zum Einsatz, statt der händischen Aushebung durch bis zu 34.000 Fellachen erweiterten Baggerschiffe die zunächst gegrabene schmale Wasserrinne - und zuletzt setzte man Dynamit zur Sprengung eines Höhenrückens ein. An der festlichen Eröffnung am 17. November 1869 nahm auch Kaiser Franz Joseph teil - sie war aber vor allem ein letzter politisch-wirtschaftlicher Triumph Napoleons III. und seines Zweiten Kaiserreichs vor der katastrophalen Niederlage gegen Preußen.
Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" wird heuer bei den Festspielen Reichenau in einer Bühnenfassung von Stefan Slupetzky aufgeführt...weiter