München. (dpa) Als 2011 die ersten Blumen blühten und die Natur erwachte, fehlte ein Tier: die Honigbiene. Sie schien ihren Frühlingsausflug verschlafen zu haben. "Mit dem Klimawandel sehen wir zunehmend ein Auseinanderdriften zwischen Temperatur und der ersten Flugaktivität", erklärt der Bienenexperte Jürgen Tautz von der Universität Würzburg. Obwohl für Forscher klar ist, dass sich der europäische Frühling alle zehn Jahre um 2,5 Tage nach vorn verschiebt, scheinen die früher steigenden Temperaturen die Bienen kaltzulassen.
Wie die Honigbienen auf die höheren Frühjahrstemperaturen reagieren, untersucht Raimund Henneken, Doktorand an der Technischen Universität (TU) München. "Durch die Umgebungstemperatur sind die Bienen direkt und durch die Blüte der Pflanzen indirekt vom Klima abhängig. Daher ist es sinnvoll, Bienenvölker Jahr für Jahr in den Frühjahrsmonaten zu beobachten. So kann man später Rückschlüsse auf das Verhalten der Bienen im Klimawandel ziehen", erklärt er.
Wichtig: das Schwärmen
Das Projekt "Klimabiene" konzentriert sich auf einen der wichtigsten Zeitpunkte im Leben der Tiere, auf das Schwärmen. Mit diesem Naturschauspiel vermehrt sich ein Volk. Damit die Tiere schwärmen, muss das Wetter über mehrere Wochen mild gewesen sein. Die Insekten müssen körperlich fit sein, und sie müssen sich im alten Heim so gut vermehrt haben, dass die Behausung - ob Baumstamm oder Imkerkasten - schlicht zu eng wird. Zünglein an der Waage ist jedoch ein sonniges und warmes Wetter am Ausflugstag.
Dann teilt sich das Volk, und es passiert das, was viele Münchner heuer im Mai mitten in der Innenstadt bestaunen konnten: Zu einer schwarzen Traube geformt, hingen Tausende Bienen an einem Blumenkasten - bis ein Imker kam und sie einfing. "Hätte man sie nicht eingefangen, wären sie spätestens nach zwei, drei Tagen weg gewesen", sagt Henneken. Dann sucht sich der Schwarm mit der alten Königin ein neues Heim. Zwischen Mai und Juli findet dieses Phänomen viele Tausend Male in Deutschland statt.
Für Bienenfreunde, die Schwärme beobachten, hat Henneken eine Webseite und einen SMS-Meldeservice eingerichtet. So macht er sich über Augen und Ohren von Naturfreunden das Prinzip "Schwarm" zunutze: "Die Resonanz ist bisher sehr gut. Mehr als 1000 Schwärme wurden gemeldet, besonders in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen."
"Das Ziel ist, erstmalig das Schwarmverhalten von Honigbienen detailliert zu beschreiben", erläutert der Forscher sein auf einige Jahre angelegtes Projekt. Seine Daten lassen Henneken bereits einen starken Zusammenhang zwischen Temperatur und Schwarmaktivität ableiten.
Der Würzburger Bienenexperte Tautz findet das Projekt eine "klasse Sache", von der er sich grundlegend neue Ergebnisse über die Honigbiene erwartet.