Wien. (gral) Schmerzerfahrungen in früher Kindheit können eine lebenslange Überempfindlichkeit und spätere chronische Schmerzen zur Folge haben. Davor warnen Experten beim Europäischen Schmerzkongress EFIC 2011, der noch bis zum Samstag in Hamburg stattfindet. Daher sollten den Kleinsten vermeidbare Schmerzen unbedingt erspart werden, so die Fachleute.
Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass schmerzhafte Impulse, wie etwa schon durch eine Blutabnahme, bei Säuglingen nicht, wie lange angenommen, lediglich Reflexreaktionen des Rückenmarks auslösen. Sie kommen bereits bei Frühgeborenen in den Gehirnregionen der Schmerzwahrnehmung an.
"Gerade die Zeit unmittelbar nach der Geburt ist bei Frühgeborenen, aber auch bei Neugeborenen eine besonders kritische Phase, weil das schmerzverarbeitende System noch nicht völlig ausgereift ist", betonte die Psychologin Christiane Hermann von der Universität Gießen (Deutschland) im Rahmen des Kongresses.
Sanfte Therapien eingesetzt

Die Vermeidung und effektive Behandlung von Schmerzen hat sich in den letzten Jahren als eine der wichtigsten Aufgaben der Neonatologie herausgestellt. Von Blähungen über Impfungen bis hin zu diversen Untersuchungen - die Liste ist lang, was Kinder über sich ergehen lassen müssen.
Neue Studien belegen jetzt außerdem die Wirksamkeit von natürlichen Methoden zur Schmerzbekämpfung wie Stillen, Schnuller oder Körperkontakt. "Pflegepersonen wenden nicht-pharmakologische Maßnahmen des Tröstens, der Massage und des Umlegens oft und erfolgreich an, doch sollten auch weitere sanfte Therapien wie das Stillen durch die Mutter oder die Gabe von Zucker in Form von Glukose oder Saccharose gefördert werden", empfiehlt der Pädiater Luis Batalha von der Universität Coimbra (Portugal).
Eine Forschergruppe aus Teheran wiederum erbrachte in einer Untersuchung den Nachweis, dass Säuglinge, die während einer Impfung gestillt werden, wesentlich schwächere Schmerzreaktionen zeigen als die Vergleichsgruppe. In vielen Fällen würde auch schon der Körperkontakt der Mutter ausreichen.
Neue epidemiologische Daten weisen außerdem nach, dass die Folgen von Schmerzerfahrungen in der frühen Kindheit bis ins Jugend- und Erwachsenenalter hineinwirken können.
Jugendliche, die als Kleinkinder etwa operiert wurden oder aber schwere Verbrennungen erlitten, zeigen ein deutlich verändertes Schmerzmuster. "Gegenüber kurzfristigen Reizen ist ihre Schmerzschwelle erhöht, sie spüren zunächst also weniger. Werden solche Reize aber wiederholt, bricht diese Art von Schutzwall jedoch zusammen und darunter tritt eine deutliche Schmerzsensitivierung zutage, wie wir sie von chronischen Schmerzpatienten kennen", erklärte Christiane Hermann.
Schmerz gehört zum Leben
Wie die Experten auf dem Kongress weiters betonten, können auch noch viel später im Leben auftretende chronische Schmerzsyndrome etwa des Bewegungsapparates durch frühkindliche Traumata verursacht worden sein. Dies ergab eine Studie, in der auch die Biographien der Patienten mit einbezogen wurden.
Andererseits, so betonte Hermann, gehört Schmerz zum Leben, und es gibt noch viele andere Faktoren, die auf die Muster der Schmerzverarbeitung Einfluss haben. Nicht zuletzt etwa das Verhalten der Eltern.
Wenn Säuglinge schmerzhaften Erfahrungen ausgesetzt sind, sollten Eltern nicht in Panik verfallen. Das würde dem Kind zusätzlich signalisieren, dass gerade etwas Schreckliches mit ihm geschieht. Sie sollten ihm eine aufmerksame, haltende, aber nicht dramatisierende Atmosphäre bieten. "Dies kann wie ein Puffer wirken, die Schmerzwahrnehmung dämpfen und der Prägung einer Hypersensitivierung vorbeugen", erklärte die Medizinerin.