Toronto.

Die alten, wackligen Filmaufnahmen von 1920 lassen den Gesichtsausdruck des kleinen Alberts nur erahnen. Der neun Monate alte Junge scheint zunächst guter Laune. Der Forscher John B. Watson von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore präsentiert dem Kleinkind eine ganze Reihe von Objekten und Kleintieren. Kein Problem für Albert - selbst von einem kleinen Feuer lässt er sich nicht beeindrucken.
Doch als die weiße Ratte, die der Kleine in der ersten Versuchsreihe noch als möglichen Spielpartner ausgemacht hatte, zwei Monate später wieder erscheint, schlägt Watson hinter Albert mit einem Hammer gegen eine Metallstange. Der laute Klang erschreckt den Jungen. Bei Wiederholungen beginnt das Kind zu weinen. Schließlich kann der Forscher Albert nur mit der weißen Ratte zum Weinen bringen, der Lärm der Stange ist nicht mehr nötig. Zuletzt reagiert Albert auch mit Furcht auf Dinge, die er mit der Ratte assoziiert - andere Kleintiere, Baumwolle, weiße Bärte. Selbst ein Pelzmantel treibt Albert Tränen in die Augen.
Das sogenannte "Little Albert"-Experiment galt lange Zeit als wichtiger Meilenstein in der psychologischen Disziplin des Behaviorismus. Die von John B. Watson mitgeprägte Theorie geht davon aus, dass jegliche Verhaltensweise mit ausschließlich naturwissenschaftlichen Methoden erklärt werden kann. Einfühlung und Introspektion seien unnötig. Besonders in Nordamerika hat Behaviorismus die Verhaltensforschung jahrzehntelang dominiert. In den Experimenten der Behavioristen geht es oft um die Steuerung emotionaler und physischer Reaktionen durch Reize. Neben dem kleinen Albert ist der berühmte Pawlowsche Hund das bekannteste Beispiel. Die praktischen Erkenntnisse der Forschung finden heutzutage weitreichende Anwendung.
Doch trotz dieser Akzeptanz kommen immer stärkere Zweifel an der Legitimität der Versuchsreihe auf, die den Behaviorismus mit begründet hat. So stellen Forscher sogar die Frage, ob das Experiment mit dem kleinen Albert nichts als akademischer Betrug war. In einer Ende Januar veröffentlichten Untersuchung in der Fachzeitschrift "History of Psychology" legen die Autoren den Schluss nahe, dass der kleine Albert nicht nur einen Hirnschaden hatte, sondern dass Watson dies auch wusste.