Er hatte es nicht leicht. Mit vielen Idealen war er angetreten. Als er geweiht wurde, konnte er auf die Frage des weihenden Bischofs "Bist du bereit?" ehrlichen Herzens sagen: "Schon lange". Klug hat er persönliche Beziehungen aufgebaut: zum damaligen Krakauer Kardinal Wojtila, den er zu einer Vorlesung nach Regensburg eingeladen hatte, zum Kardinal von Lemberg Jaworski, vor allem aber zum Papstsekretär Erzbischof Dziwizs. Sie waren ihm zur rechten Zeit Steigbügelhalter auf das bischöfliche Ross.

Dabei lief es zunehmend nicht ganz nach Wunsch. Denn der Weg vom Weihbischof in Wien (Groer, auf dem Diözesanforum gefragt, ob er um Krenn in Rom ansgesucht habe: "Ich habe ja den Professor aus Regensburg gar nicht gekannt!") zum Stuhl des Wiener Erzbischofs und damit zum Kardinal wurde nichts. Kurt Krenn musste sich abfinden, unter Kardinal Schönborn dessen Suffragan (dem Metropoliten in Wien zugeordneter Ortsbischof) zu sein.

Wahrheit, nicht Freiheit

Bischof Krenn stand für die Wahrheit, die ihm durch das Unwort Dialog verraten zu werden schien - und bekam dafür durchaus auch römischen Applaus. Vor die falsche Alternative Wahrheit oder Freiheit gestellt, entschied er sich eindeutig für die Wahrheit bzw. das, was er dafür hielt. Denn nicht selten sagte er "Wahrheit", und meinte nicht mehr als "Autorität", die des Papstes, die seines Amtes. Zum Konzil hatte er eine bloß rhetorische Liebe. Die Bibel hielt er für ein unbrauchbares Buch. Als ich in einer Diskussion einmal die Bibel zur Hand nahm, sagte er mir vor laufender Kamera: "Hören Sie doch mit der Bibel auf!" All das machte Krenn zum Aushängeschild jener Kirchenkreise, die sich nostalgisch in die klaren und einfacheren Zeiten vor dem Konzil zurücksehnten. Das verschaffte ihm zudem den Applaus von einer Seite, die ihm nicht nur Freude machen sollte: von den Katholiken parteipolitisch freiheitlicher Prägung. Dabei war nie klar, wer wen vereinnahmte. Letztlich haben beide gemeinsam verloren.

Schwerwiegende Fehler

Man kann konservativ sein, ohne in der Amtsführung gravierende Fehler zu machen. Solche sind Bischof Krenn aber in den letzten Jahren zunehmend unterlaufen. Sie haben letztlich zu seiner Selbstabsetzung geführt.

Er setzte in der Priesterausbildung nicht auf Qualität, sondern auf Quantität. Er hat die Lektion, welche die katholische Kirche seit den Vorgängen in den USA, in Australien, in Irland und die österreichische Kirche durch die Causa Groer unter harten Verlusten an Geld und Ansehen gelernt hat, selbst nicht mitgelernt. Er nahm wider die kirchlichen Richtlinien ohne genauere Eignungsprüfung ins Seminar auf, wen er nur bekommen konnte. Die homoerotisch hoch aufgeladenen Bilder tat er mit dem verniedlichenden Urteil "Bubenstreiche" ab. Zigtausende kinderpornographische Bilder auf einem Seminarkomputer nahm er (wie zunächst auch Rom) nicht wirklich ernst. Es fehlte ihm am Vermögen abzuschätzen, welche katastrophalen Folgen diese Zustände im Priesterseminar für die katholische Kirche weltweit hatten.

Er hat sich aus der Gemeinschaft der österreichischen Bischöfe ausgeklinkt. Das war ein Fehler, den auch Jacques Gaillot in Frankreich gemacht hatte. Die österreichische Kirche hatte nach der Causa Groer, die Krenn stets in einer fatalen Nibelungentreue abstritt, nicht bereit erklärt, für seine Diözese Konsequenzen zu ziehen.

Er isolierte sich innerhalb seiner Diözese. Um sich herum schuf er einen Kreis von zumeist diözesanfremden Gefolgsleuten, die von ihm völlig abhängig und deshalb berechenbar ergeben waren. Wer nicht dazu gehörte, auf den hörte er nicht. Es wäre ihm sonst nicht passiert, dass er den Propst Küchel zum Regens und Rothe zum Subregens ernennen hätte können. Krenn hat nie verstanden, dass man das Bischofsamt zum Wohl einer Diözese nur dann wirksam ausüben kann, wenn man sich auch von jenen was sagen lässt, die anders denken.

Bleibende Verdienste

Kurt Krenn hat auch Verdienste. Er machte sichtbar, dass es in der katholischen Kirche eine bunte Vielfalt gibt, rechte und linke Flügel, noch mehr aber eine breite, offene Mitte, die sich so sehr wünschte, nicht dauernd von rechts oder links in der pastoralen Arbeit behindert zu werden. Die Medien, die wohl Krenn als Vorführbischof am meisten vermissen werden, haben diese seine Position auch früh erkannt. In jedem öffentlichen Kirchendisput war ein Platz zur Belebung des Gesprächs auch der konservativen Seite, und hier meist Krenn, gewidmet. Krenn sagte, was er dachte: nicht selten zu seinem eigenen Schaden.

Kurt Krenn gehört zu jenem Personenkreis, der in kirchlichen Übergangszeiten von Wichtigkeit ist: zu den "defendern", den Verteidigern der bleibenden Tradition. Zu leicht ebnet sich die Kirche in den Zeitgeist ein. Man kann Krenn vieles nachsagen: Zeitgeistig war er nie. Zu einem pastoralen Gespräch mit der Zeit über das Evangelium fand er aber auch nicht. Seine Verkündigung der kirchlichen Lehre blieb gnadenlos richtig.

Scheitern

Krenn ist als Bischof gescheitert. Er hat sich selbst abgesetzt, bevor ihn der Papst bat, das Amt zurückzulegen. Vielleicht waren die seelischen Wunden des nach außen so emotional sicheren "Dickhäuters" doch so groß, dass er die alltäglichen Enttäuschungen und Leiden des Amtes im Alkohol abzudunkeln versuchte. Die Bitte, das Amt "aus gesundheitlichen Gründen" zurück zu legen, zeugt von einer hohen Noblesse des Papstes. Krenn sollte der Absetzung entgehen und sein Gesicht wahren können. Nach offensichtlich langem Ringen hat sich Krenn zu jener Tugend durchgerungen, die er anderen stets als Bischof abverlangt hat: zum Gehorsam. Das verdient bleibenden Respekt.

Paul M. Zulehner ist Pastoraltheologe an der Universität Wien