Das Klo in Wien – Anstalt für alle Fälle


Zum Welttoilettentag ein Streifzug durch die Geschichte der öffentlichen Bedürfnisanstalten

Text: Christa Hager
Fotos: Jo Kerviel
Gestaltung & Produktion: Cornelia Hasil, Christa Hager


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Toiletten sind eine elementare Errungenschaft der Zivilisation und ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Raums. Doch der Weg dahin war ein langer und beschwerlicher – auch in Wien. Einige öffentliche Bedürfnisanstalten und Pissoirs von damals findet man auch heute noch. Ein Fotoessay zum Welttoilettentag mit aktuellen Fotos von öffentlichen Klos in Wien.


Ein jeder macht's, aber kaum jemand redet davon: von der Ausscheidung. Sich von Kot und Urin, von den Endprodukten des Stoffwechsels zu erleichtern, zählt zu den Grundbedürfnissen eines jeden Menschen. Trotzdem ist sie mit Scham und Tabus besetzt - ebenso wie der Raum, in dem dieser intime Akt vollzogen wird.

Das Klo ist meistens klein aber trotzdem ein beliebter Ort des Rückzugs und der Ruhe. Manche nehmen sich ein Buch mit oder eine Zeitung, andere wiederum versenken versehentlich ihr Handy darin. Im Unterschied dazu wird sein öffentliches Pendant nur im äußersten Notfall aufgesucht. Die öffentliche Bedürfnisanstalt ist ein Ort der Grenzüberschreitung zwischen Individuum und Allgemeinheit, zwischen Privat und Öffentlich. Sie ist funktional und steril. Und ist man einmal drinnen, will man so schnell wie möglich wieder raus.

Im Unterschied dazu waren die ersten öffentlichen Toilettenanlagen in Wien regelrechte Wohlfühloasen. Sie sollten ansehnlich sein, schlimmstenfalls unauffällig und sahen entweder aus wie Gartenhäuschen oder wurden in bereits bestehende Gebäude integriert. Das was peinlich war und tabu, konnte auf diese Weise ästhetisch überformt werden. Es galt, den Wienern die öffentlichen Bedürfnisanstalten schmackhaft zu machen, Akzeptanz dafür zu schaffen, indem die Bewohner davon überzeugt werden sollten, dass es sich schickte, sie aufzusuchen.

Bischof-Faber-Platz, 18. Bezirk   ★   Sieveringerstraße, 19. Bezirk   ★   Alois-Kraus-Promenade, 13. Bezirk

Bestes Beispiel dafür ist die 1905 eröffnete unterirische Toilettenanlage am Graben, wo ein Blumenmeer die Stiegen umsäumte, die hinab in den Untergrund führten. Sie wurden als Sichtschutz für die Damen angebracht. Drinnen plätscherte ein Sprungbrunnen, in einem Kristallgefäß drehten Goldfische ihre Runden, es gab elektrisches Licht, Kalt- und Warmwasser, geschliffene Glasscheiben. Klobrillen aus Teakholz sorgten für Sitzkomfort. Zwar waren nicht alle öffentlichen Bedürfnisanstalten so exquisit ausgestattet wie diese Anlage, dennoch sorgten auch die Utensilien im Inneren dieser Anstalten dafür, dass auch dort die gesellschaftliche Ordnung aufrechterhalten wurde: So gab es in den ersten öffentlichen Bedürfnisanstalten Wiens zwei Klassen: eine erste mit Waschtisch, Spiegel, Seife, Kamm oder Bürste und Handtuch, und die zweite um die Hälfte billiger, mit dem Notwendigsten.

Das alles war im internationalen Vergleich überaus günstig: 1914 musste man in Wien für ein Geschäft in der ersten Klasse 10 Heller bezahlen, in Paris hingegen 29, in London 30. Über Sauberkeit und Ordnung wachte wiederum eine Wartefrau. Denn schon damals regten die öffentlichen Bedürfnisanstalten die Fantasie an, beflügelten schmutzige Gedanken und schürten Ängste vor den „Anderen“, vor allem Obdachlosen, Homosexuellen und Prostituierten.

Richard-Wagner-Platz, 16. Bezirk   ★   Schloßpark Schönbrunn, 13. Bezirk

Die öffentliche Toilette ist schon seit ihren Anfängen ein Begegnungsort. Von den frühesten bekannten Vorläufern, den antiken römischen Latrinen, ist übermittelt, dass es dort keine Privatsphäre gab. Zumindest weiß man heute nichts von Abtrennungen, Abschirmungen oder Kabinen. Vielmehr wurde das Geschäft in Gemeinschaft verrichtet, die Menschen ließen sich nebeneinander nieder und plauderten wahrscheinlich auch miteinander. Dieser Öffentlichkeitscharakter hielt lange an. Von Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. etwa wird erzählt, dass er seinen Stuhlgang während offizieller Audienzen auf seinem anderen Thron verrichtet haben soll. Auch wäre es eine besondere Ehre gewesen, ihm dabei zuzusehen. Und das Geschäft wurde aber auch anderswo in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt.

Bis zum 15. Jahrhundert war es selbstverständlich, auf der Straße, an Wänden und Mauerecken zu urinieren und defäzieren. Die Verrichtung der Notdurft tritt laut dem Soziologen Norbert Elias nämlich erst mit ihrer Einhausung hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens. Diese Entwicklung nahm ab Ende des Spätmittelalters ihren Anfang und ging nur sehr langsam vor sich.

Volksgarten, 1. Bezirk   ★   Geiselbergerstraße (ehemals Simmeringer Markt), 11. Bezirk   ★   Volksprater, 2. Bezirk

Bis dahin gab es Abtritte in Klöstern, auf Burgen oder in Gaststätten. In Wien etwa entdeckte man bei archäologischen Ausgrabungen bei der Albertina 1999 die Fundamente eines Stadtmauerturms, in dem die Augustinermönche ihre Aborte untergebracht hatten. Andere Grabungen in der Wiener Innenstadt wiederum deckten alte Gefäße auf, von denen man annimmt, dass sie einst mit Kot und Urin gefüllt waren. Denn über Jahrhunderte hinweg war der Nachttopf ein wesentliches Utensil in jedem Haushalt. Entleert wurde er in der Gosse, in einem Graben oder einer Straßenrinne. In manchen Städten wurde die planlose Entsorgung von Ausscheidungen jedoch zum sanitären Problem, weshalb etwa in Paris oder London seit Ende des 14. Jahrhunderts Gesetze dagegen erlassen und über die Jahrzehnte immer wieder aufs Neue verschärft werden mussten.

Zu weitreichenden Veränderungen kam es erst im Laufe des 18. Jahrhunderts, als Kontrollen und Strafen nicht mehr griffen. Es mussten bauliche Maßnahmen her, vor allem wegen der unhygienischen Zustände in den rasant wachsenden Städten. Paris war hierbei Vorreiter, erste öffentliche Anlagen wurden während der Französischen Revolution errichtet. Außerdem verstärkte sich das Scham- und Peinlichkeitsempfinden der Stadtbewohner. Sauberkeit wurde zum Maßstab, die bürgerliche Ordnung zur Norm, die Ausscheidung hingegen zunehmend als etwas Derbes und Schmutziges gesehen und vermehrt den Bauern zugeordnet.

Volkertmarkt, 2. Bezirk   ★   Hernalser Friedhof, 17. Bezirk   ★   Wiener Zentralfriedhof, 11. Bezirk

Und in Wien? Im ausgehenden 18. Jahrhundert war Wien eine beklemmende Stadt mit hoher Bevölkerungsdichte, viel Verkehr und geschäftigem Gedränge auf den Straßen. Im Sommer stank es fürchterlich nach Kot und Urin. Einer der vielen Versuche, die Stoffwechselendprodukte der Stadtmenschen in geordnete Bahnen zu lenken, waren die Dienstleistungen der Buttenweiber und Buttenmänner. Diese Frauen und Männer zogen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts durch die belebten Straßen und Parks. Sie boten dort ihre Butten an, die sie am Rücken schleppten. „Wer will, wer mag, um ein‘ Kreuzer in mein‘ Butten scheißen?“, riefen die fahrenden Abtrittanbieter auf ihrer Suche nach Kundschaft. Diese konnte sich dann etwas abseits vom Geschehen in die Behälter erleichtern, ein gewisser Sichtschutz war durch die Mäntel der Buttenweiber und -männer gegeben.

Der Erfolg dieser Frauen und Männer, mit ihren Holzkübeln die „wilde Notdurft“ zu minimieren, war indes bescheiden. Es mehrten sich die Klagen der Bevölkerung über die Zustände in den Straßen und in den Parks, im Prater etwa mussten Wege abgesperrt und mit Schotter aufgefüllt werden, um den Urin-Sumpf trockenzulegen. Weitere Versuche für eine geregelte Notdurft wurde 1820 mit der Verordnung unternommen, dass Wirtshäuser denjenigen Menschen mit dem dringenden Bedürfnis nach Entleerung kostenfrei Einlass in Aborte zu gewähren hatten. Und an stark frequentieren Plätzen ließ man Rinnsteine verlegen, die sogenannten „Nothwinkel“, zwecks örtlicher Abgrenzung der öffentlichen Notdurft.

Handelskai, 2. Bezirk

Auf der Suche nach geeigneten Aborten scheute die Stadtverwaltung keinerlei Kosten und ließ sich bei Dienstreisen im Ausland inspirieren. Außerdem gab es eine eigene Kommission dafür und die Klo-Frage war ständiges Thema im Gemeinderat. Auch der Innovationsfreude waren keine Grenzen gesetzt. So sollten auf der Weltausstellung 1873 mobile Aborte und Pissoirs auf den sogenannten Anstandswägen die bedürftigen Besucher von Baum und Gebüsch fernhalten. Ein neuer Misserfolg, denn in dem Wagen stank es bald erbärmlich, er war dreckig, unhygienisch und sehr eng.

Pissoirs nach Pariser Vorbild, wo es seit den 1830er Jahren im Inneren von Plakatsäulen verborgene Pissstände gab, scheiterten ebenso. Diese waren ab 1860 auch in Wien zu finden, doch es regte sich eine Welle der Empörung und des Protestes: Auch aus diesen Erleichterungsorten krochen grausliche Gerüche, weshalb Anrainer und Geschäftsleute dagegen protestierten. Die aus London importierten schneckenförmigen Anlagen, die im Herbst 1861 an vier Orten in Wien aufgestellt und getestet wurden, erwiesen sich als ebenso untauglich.

Kaiserwasser, 22. Bezirk   ★   Donauinsel, 22. Bezirk   ★   Donauinsel, Beachvolleyballplatz, 21. Bezirk

Die vielen verschiedenen Versuche der Stadtverwaltung waren zwar ambitioniert, liefen aber allesamt ins Leere. Und während die Menschen weiterhin mit Gestank und Schmutz zu leben hatten, nahm auch die Umwelt Schaden. Vor allem in der Nacht waren Bäume weiterhin als Stützpunkt zur „wilden Notdurft“ heiß begehrt und stark frequentiert. Auch in der Innenstadt. 1870 erkannte eine eigens dafür einberufene Enquete, dass wegen des menschlichen Urins die jungen Platanen und Götterbäume, die entlang der noch im Bau befindlichen Ringstraße gepflanzt wurden, mickrig blieben und nicht wachsen wollten.

Wenig umweltschonend waren aber auch die Anlagen selbst. 1873 wurde Wien durch die Erste Hochquellwasserleitung endlich mit ausreichend Wasser versorgt. Um den Gestank aus den rund 100 öffentlichen Anstalten zu beseitigen, wurden diese sukzessive mit Wasserspülungen ausgestattet. Doch ein Pissstand verschwendete rund 300 Liter Wasser pro Stunde, die Wasserfresser waren daher sehr teuer.

Es dauerte noch weitere zehn Jahre, bis ein Kaufmann aus Berlin mit seinen Vorschlägen den Wiener Gemeinderat überzeugen konnte. Ihm gelang der nachhaltige Wandel – nicht nur bezüglich der Verbesserung der Hygienebedingungen in der Stadt, sondern auch in Anbetracht der Auswirkungen auf das Stadtbild.

Donauinsel, 21. Bezirk

Der Retter in der Not

Als der Gemeinderat am 24. Juli 1883 Wilhelm Beetz (1844–1921) die Genehmigung zum Bau eines Probeobjekts erteilte wurde, fiel damit auch der Startschuss für eine Art Privat-Public-Partnership: Beetz bekam in Folge das Recht, auf bestimmten Plätzen öffentliche Bedürfnisanstalten zu errichten, und er war verantwortlich für den Betrieb und Erhalt dieser Anlagen. Nach 25 Jahren sollten die Fertigteilkonstruktionen dann in den Besitz der Stadt übergehen. Die Zusammenarbeit wurde mehrfach verlängert, 1940 lief sie dann endgültig aus und die Anstalten gingen in den Besitz der Stadt über.

Beetz entwarf zwei Grundtypen: zum einen die großen rechteckigen „Bedürfnisanstalten“ aus Eisen oder Holz, mit Pissständen und mehreren getrennten WC-Zellen für Frauen und Männer, zum anderen die kleinen Pissoirs, wie das Wandpissoir oder das „Wiener Pavillon Pissoir“, auch Brunzhüttn oder Rotunde genannt. Noch 1883 wurde die erste „Bedürfnisanstalt für Personen beiderley Geschlechts“ nahe der Landstraße aufgestellt und am 23. September feierlich eröffnet. "Praktisch angelegt und bequem", hieß es damals in einer Zeitung dazu.

Besonders beliebt waren bei der Stadtverwaltung die neuen Pissoirs für den Mann. Beetz hatte nämlich ein spezielles Öl-Gemisch, das Urinal, entwickelt, mit dem diese einfach und kostengünstig desinfiziert und weitgehend geruchlos gemacht werden konnten: Der Öl-Syphon schloss den darunterliegenden Urin einfach von der Luft ab – und war noch dazu winterfest.

Schlosspark Schönbrunn, 13. Bezirk   ★   Wolkersbergenstraße, 13. Bezirk   ★   Andreaspark, 7. Bezirk

Das Beetz’sche Urinoir wurde international berühmt, sein Erfinder bekam viele Auszeichnungen –und seine Pissoir-Modelle wurden nicht nur in vielen Städten Österreichs und Europas aufgestellt, sondern sogar bis nach Mexiko, Kairo oder Konstantinopel exportiert. Rund 100.000 Pissstände mit seinem Öl-System gab es 1905 weltweit. In Wien wurde 1939 mit 171 Pissoirs der Höchststand an Beetz‘schen Urinalien erreicht.

Heute sind davon noch 16 in Betrieb, das älteste stammt aus dem Jahr 1897 und steht am Bischof-Faber-Platz im 18. Bezirk. Bis zum Ende der 1930er Jahre wurden außerdem 94 Bedürfnisanstalten (also Kabinen plus Pissoirs) und 14 Sonder- und Parkanstalten in Wien aufgestellt. Auch davon gibt es noch einige in Wien, neben der Jugendstilanlage am Graben zum Beispiel die älteste Eisen-Anstalt aus dem Jahr 1898 im 16. Bezirk am Richard-Wagner-Platz.

Statt der ursprünglichen Trennung zwischen den Geschlechtern haben sich mittlerweile die Unisex-Kabinen durchgesetzt, von den insgesamt 154 von der MA 48 der Stadt Wien betriebenen Anlagen sind 114 mit solchen Kabinen ausgestattet. Ebenso viele sind übrigens auch barrierefrei. Betrieb und Wartung liegen heute nicht mehr bei der Firma Beetz, sondern bei der Firma Hellrein, die rund 100 Personen, darunter auch Wartefrauen, einsetzt.

Steinbauerpark, 12. Bezirk   ★   Mariabrunn, 14. Bezirk   ★   Johann-Nepomuk-Berger-Platz, 16. Bezirk

Verdauungsgeschäft

Gebühren in der Höhe von 50 Cent werden übrigens nur mehr dann eingehoben, wenn Personal vor Ort ist. Laut MA 48 ist dies bei 27 WC-Anlagen der Fall. Kostenfrei sind nur die Pissoirs für den Mann, die allesamt mit wasserlosen Urinalen aufwarten. Das Spezial-Öl von Beetz wurde durch eine Membran ersetzt, durch welche der Urin in den Abfluss fließt. Damit können auch Gerüche minimiert werden.

Bei den Bedürfnisanstalten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien errichtet wurden, steht die Funktionalität über der Form. Derzeit spiegelt sich diese im Nirosta-Edelstahl wider, da er am einfachsten zu reinigen ist. Außerdem sind die Anstalten seither entweder gemauert oder aus Beton, mit Fließenfassaden oder naturnah in Grünbereiche einbezogen.

Die öffentliche Toilette ist jedoch nicht mehr der Stolz der Stadt. Man zwickt lieber zusammen und prokrastiniert auf hohem Niveau; man umgeht, bis es nicht mehr geht. Sie ist für viele Menschen ein Ort des Ekels und der olfaktorischen Zumutung, auch wenn in den öffentlichen Anlagen noch ganz anderes erledigt wird: Es werden Windeln gewechselt, es wird Trinkwasser nachgefüllt, es wird getratscht, telefoniert, geschminkt, frisiert – und es werden an den Wänden Botschaften hinterlassen. Die Qualität von öffentlichen Toilettenanlagen liegt für den amerikanischen Soziologen Harvey Molotch in ihrer Quantität. Mehr ist mehr, sagt er.

Linke Wienzeile, 6. Bezirk   ★   Ottaktringer Friedhof, 16. Bezirk   ★   Ernst-Happel-Stadion-Platz, 2. Bezirk

Weltweit haben Millionen von Menschen nach wie vor keinen Zugang zu sanitären Anlagen, selbst in Staaten wie den USA gibt es kaum öffentliche Klosetts. Im britischen Cornwall wiederum klagt man über den Ausschluss von vor allem älteren Menschen aus dem öffentlichen Leben, da die öffentliche Hand die Finanzierung von 94 Prozent aller kommunalen Toiletten gestrichen hat. Und laut einem Bericht der Royal Society for Public Health geht ein Fünftel der Briten seltener hinaus, aus Angst, kein Klo zu finden. Mehr als die Hälfte der Briten verzichtet der Studie zufolge deshalb auf das Trinken, und rund ein Viertel mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie Inkontinenz bleibt deswegen überhaupt zu Hause.

Im 21. Jahrhundert werden in Europas Städten immer mehr öffentliche Toiletten geschlossen. Zu teuer, zu wenig frequentiert, zu alt, zu kaputt, heißt es. Relativ frisch im Verdauungsgeschäft sind mittlerweile internationale Konzerne der Nahrungsmittelindustrie, die zu den verlässlichsten Anbietern für die Entleerung von Stadtmenschen zählen. Filialen von Starbucks oder McDonald's sind damit zu einer neuen Bedürfnisanstalt geworden, wo zusammen mit Burger und Pommes, Keksen und Cappuccinos auch Klos angeboten werden. Womit das Endprodukt der Nahrungsaufnahme ebenso wie sein Ausgangsprodukt an Konsum gekoppelt ist. Sich erleichtern darf, wer kauft.

Öffentliche Klos geben Auskunft über unsere Geschichte, unsere Kultur, wovor uns graust und wofür wir uns schämen, was wir mit anderen Menschen teilen möchten und was nicht. Und sie geben uns die Möglichkeit zu wählen, wie wir unser Geschäft verrichten wollen: kontrolliert und diszipliniert in Richtung Kanalisation oder adamitisch, die Natur direkt mit unseren Stoffwechselprodukten düngend. (Text: Christa Hager, November 2019) ◼

Die Fotos von Jo Kerviel sind Teil eines Projekts, das im Jahr 2017 begonnen hat und im kommenden Jahr als Buch veröffentlicht werden soll.