„Ich habe den Parolen über ,Arbeit und Brot‘ geglaubt“

Karl Knell war 17, als Österreich am 13. März 1938 ein Teil des nationalsozialistischen Deutschen Reiches wurde. Bei der Volksabstimmung zum "Anschluss" stimmte er mit Ja – weil er das Elend in Österreich gesehen habe, wie er sagt.


Von Petra Tempfer

Fotos: Moritz Ziegler

Karl Knell trägt zwei Eheringe. Einen auf seiner linken und einen auf seiner rechten Hand. Der rechte, das ist seiner, sagt der 97-Jährige im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“, und der linke gehörte seiner Frau. Nach deren Tod vor zwei Jahren habe er den Ring weiten lassen, ihn angesteckt und nicht mehr abgenommen. So fühle er sich weiterhin mit Liesl, seiner Frau, verbunden. Fast 70 Jahre lang waren die zwei verheiratet, nachdem sie einander 1940 kennengelernt hatten: Zwei Jahre nach dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich vor 80 Jahren, am 13. März 1938.

Dass dieser kurz darauf in einen Krieg münden und ihn viele Jahre von Liesl trennen würde, habe er nicht geahnt, sagt Knell. Er erinnere sich noch gut an jene Tage im März 1938 und die „imposante Schau“, als die der damals 17-Jährige den "Anschluss" erlebt habe. Bereits am 12. März waren rund 65.000 Soldaten der Wehrmacht und Polizisten in Österreich einmarschiert – zum Teil schwer bewaffnet, um auf Kampfhandlungen vorbereitet zu sein. „Der letzte Befehl von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, dem Oberbefehlshaber des Heeres, hatte aber jegliche Kampfmaßnahmen untersagt, um sinnloses Blutvergießen auszuschließen“, so Knell. Am 11. März hatte Schuschnigg zurücktreten und sein Amt an den österreichischen Nationalsozialist Arthur Seyß-Inquart übergeben müssen.

Wenig später zog Adolf Hitler in Wien ein. „Beim Tegetthoff-Denkmal ist der Zug hereingekommen, die Praterstraße war gefüllt mit Menschen, der Heldenplatz sowieso“, erinnert sich Knell, der im zweiten Bezirk geboren und aufgewachsen ist. Die Speerspitze der Kolonne bildete ein offenes, schweres Mercedes-Cabriolet. „Hitler ist im Cabrio stehend und mit erhobener Hand hereingefahren. Die Leute haben ihm zugejubelt.“

„Da oben ist er gestanden“

Zu Hitlers Rede am 15. März auf dem Wiener Heldenplatz kamen rund 250.000 Menschen. „Da oben ist er gestanden“, sagt Knell auf dem Heldenplatz und zeigt mit seinem Gehstock auf den Balkon im ersten Obergeschoß der Hofburg. Ob er es durch die Menge bis zum Heldenplatz geschafft hat und Hitlers Rede live verfolgen konnte, oder ob er diese danach in der Wochenschau im Kino gehört hat, weiß Knell nicht mehr so genau. „Aber ich habe sie gehört – viele Male.“

Politik habe ihn nie interessiert. Auch in seiner Schulklasse sei Politik vor Hitlers Einmarsch kaum Thema gewesen. Bei der Volksabstimmung im April über den bereits vollzogenen "Anschluss" stimmte Knell, der am 30. März 18 Jahre alt geworden war, dann doch mit Ja. Warum? „Ich hab’ dieses Elend in Österreich gesehen“, sagt er. Kurz nach dem "Anschluss" habe er gemerkt, dass die Menschen wieder Arbeit hatten, „wieder leben konnten“. Und: „Ich war ein junger Mensch und habe wie fast alle anderen den Parolen über ,Arbeit und Brot‘ geglaubt.“ Hitlers Propaganda sei perfekt gewesen.

Erst später sei ihm bewusst geworden, wie Österreich bereits vor dem "Anschluss" sturmreif gemacht worden war. Es war von deutscher Seite ruiniert worden, sagt er. So musste ab 1933 jeder deutsche Staatsbürger beim Grenzübertritt nach Österreich dem Deutschen Reich 1000 Reichsmark zahlen – ganz egal, ob es um Geschäfte oder Besuche ging. Zum Vergleich: „Ein VW hätte 990 Mark kosten sollen“, so Knell, „wer mochte da noch nach Österreich fahren?“

„Die Menschen waren arm. Die Anzahl der Bettler war groß.“ Besonders aufgefallen sind Knell damals die Bierdippler, „die Ärmsten der Armen“. Bei den Wirtshäusern stemmten sie die leeren Fässer hoch, sammelten die Reste – „den restlichen Hansl“ – in einem Reindl und lebten fast nur davon.

„So konnte Hitlers Abstimmung für oder gegen den "Anschluss" nur zu seinen Gunsten ausgehen“, sagt Knell. Laut amtlichen Angaben hatten 99,75 Prozent für den "Anschluss" gestimmt – zum Teil außerhalb der Wahlzelle, um nicht als „Systemgegner“ möglichen Repressalien ausgesetzt zu sein. Dass die hohe Stimmenanzahl wahr war, habe Knell schon damals bezweifelt, sagt er.

Er selbst habe sich stets als Österreicher gefühlt, und der Text der deutschen Hymne habe ihn immer gestört: „Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt.“ 1938 musste Knell allerdings wie jeder, der eine Schule besuchen wollte, der Hitlerjugend beitreten. „Diese vormilitärische Ausbildung mit ,Sprung auf, marsch, marsch‘ hat mir überhaupt nicht gefallen.“ Er fand einen Ausweg, ging zur Spielschar. „Da musste ich statt Exerzieren nur auf einem Schwegelpfeiferl ,Preußens Gloria‘ und Ähnliches erlernen.“

„Fliegernarr“ und Parteimitglied

Nach seiner Matura 1939 ging Knell freiwillig früher zum „Reichs-Arbeitsdienst“. Dieser dauerte dann aber statt eines halben Jahres ein dreiviertel Jahr – das erste Trimester an der Technischen Universität, wo Knell eigentlich studieren wollte, hatte er somit versäumt, tat sich mit dem Nachholen schwer und meldete sich als „Vorzeitig Dienender“ 1940 zur Luftwaffe. Knell, ein „Fliegernarr“, wie er sich bezeichnet, dachte, auf diese Weise Pilot werden zu können.

„Aber zwischendurch hatte es mich anderweitig erwischt. Zu alt für die Hitlerjugend hätte ich nur der SA (Sturmabteilung, Anm.) beitreten können. Wieder Fußdienst – nein, das war mir zu viel.“ Ein Freund riet ihm, stattdessen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) beizutreten. Da müsse er gar nichts tun. „Das war’s – ich tat es.“

Nur zwei Monate später kam die Einberufung zum Militär. Bis zum Kriegsende war Knell Soldat in Nordafrika, an der italienischen und schließlich an der russischen Front. Er habe etliche Kameraden fallen sehen, sagt Knell und wischt mit der Hand symbolisch seine Erinnerungen weg. Um Haaresbreite entging er – leicht an der linken Hand durch ein Projektil verwundet – Ende Februar 1945 der russischen Gefangenschaft. Das Ende des Krieges brachte ihn in eine dreimonatige amerikanische Gefangenschaft.

Jüngerer Bruder fiel als Kind

Seine „angeborene Abenteuerlust“ habe ihn mehrfach zu freiwilligen Meldungen an diverse Frontabschnitte getrieben, erzählt Knell. „Als ,Adabei‘ wäre ich beispielsweise so gerne beim Einmarsch in Alexandrien und in Kairo dabei gewesen. Ich war aber keineswegs ein Held. Im Gegenteil, ich habe mich sehr gefürchtet, wenn die Luft eisenhaltig wurde.“ Sein einziger Wunsch sei gewesen, zu überleben.

Knells jüngerer Bruder Otto hat nicht überlebt. Er fiel mit fünfzehneinhalb Jahren. Die gesamte Klasse seines Gymnasiums war zur Wehrmacht eingezogen und nach kurzer Ausbildung als Flak-Kanoniere zum Schutz eines kleinen Feldflughafens bei Vöslau eingesetzt worden. Beim ersten Bombenangriff waren Otto und drei der anderen tot. „Ich kam gerade auf Urlaub heim. Ohne Ahnung, dass es zu seinem Begräbnis war“, sagt Knell.

„Das trägt eine deutsche Mutter mit stolzer Trauer“, habe eine NS-Nachbarin daraufhin zu Knells Mutter gesagt. Deren Sohn starb kurz darauf auf die gleiche Weise. „Aber das war dann etwas anderes.“ Im Haus in der Springergasse im zweiten Bezirk, wo Knell aufwuchs, lebten zwei „hervorstechende Nazis“, erzählt dieser – dazwischen eine jüdische Familie. Während einer seiner kurzen Heimaturlaube habe er nur erfahren, dass diese weggezogen sei, so Knell. Bis nach dem Krieg einer der zwei Söhne, die nach Amerika gegangen waren, in amerikanischer Uniform vor der Tür stand und vom Tod der Eltern im Konzentrationslager berichtete. „Ich hätte das nie geglaubt“, sagt Knell heute.

Pogrome hautnah miterlebt

Gerüchte habe es freilich schon gegeben. Diese habe er jedoch für Feindpropaganda gehalten. Von russischen Kriegsgefangenenlagern habe man das Gleiche erzählt. Die Novemberpogrome in der Nacht von 9. auf 10. November 1938, in der das nationalsozialistische Regime im gesamten Deutschen Reich hunderte Synagogen, Betstuben und jüdische Geschäfte zerstörte, habe er auch in Wien hautnah miterlebt. Vor allem im zweiten Bezirk, wo er wohnte, brannte es, Knell wurde durch das Feuer und den Lärm geweckt. „Das ,Welt-Judentum‘ in New York wurde als Kriegstreiber gegen Deutschland verantwortlich gemacht. Wenn das vielleicht plausibel gemacht werden konnte, konnte ich nicht verstehen, warum bei uns die friedfertigen Juden dafür büßen sollten.“ Erst 1946 habe er das Ausmaß der Judenverfolgung begriffen.

Die Zeit nach dem Krieg sei schwierig gewesen. Kaum ein Haus hatte Fensterscheiben, die Bomben hatten sie zersplittert. Stattdessen klebte man in Öl getränktes Packpapier in die Fensterrahmen. Knell dachte, „kein Mensch weiß, dass ich bei der Partei war“, verschwieg es und durfte weiter Maschinenbau studieren (Parteigenossen durften nicht studieren). Während der Abschlussprüfung 1947 zitierte ihn dann allerdings doch sein Chef – Knell arbeitete als wissenschaftliche Hilfskraft an der TU – zu sich und fragte, ob er bezüglich Parteizugehörigkeit etwas verschwiegen habe. Schließlich musste Knell bei der zuständigen Behörde erscheinen, aussagen, wie und warum er zur Partei gekommen war, und sich im Zuge der Entnazifizierung nachregistrieren lassen. Sein Studium wurde ihm danach doch anerkannt.

1947 heiratete Knell schließlich auch seine Liesl, wurde Vater einer Tochter und eines Sohnes und arbeitete bis zur Pensionierung bei den Steyr Werken in Oberösterreich, weshalb er heute in Steyr lebt. Die aktuelle politische Situation in Österreich verfolgt Knell sehr genau. „Ich bin überzeugter Demokrat und will ja keine Diktatur mehr. Ich bin 97 Jahre alt geworden. Aus meinen zwangsweisen Erfahrungen heraus bitte ich Sie, alles zu tun, was Sie nur können, um eine nicht mehr abwählbare Regierung zu verhindern.“

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