Eine Zeit, die so gut nicht war

Es lief nicht gut für das Hause Habsburg: der Krieg gegen Napoleon, die Revolution von 1848, militärische Niederlagen in Italien und gegen Preußen, Machtverlust, Finanzkrisen, Börsenkrach.


Von Christa Hager

Fotos: Gregor Kuntscher

Aber auch kulturell verloren die Habsburger im 19. Jahrhundert zunehmend an Einfluss. Ihre Rolle als gewichtige Mäzene mussten sie an das aufstrebende Wiener Großbürgertum abgeben, das sich zunehmend auf der neuen Ringstraße ausbreitete. Doch auch die Habsburger ließen sich nicht lumpen. Sie planten ein imperiales Forum mit monumentaler Architektur. Ein Rundgang mit dem Historiker Karl Vocelka am Heldenplatz.

Rückgriffe auf die Vergangenheit, Verklärung, Mythen: Werden kollektive Traumata nicht bearbeitet sondern verdrängt, spricht Sigmund Freund von der sogenannten „Schiefheilung“. Kann ein Historiker in Bezug auf den Heldenplatz mit diesem Begriff etwas anfangen?

In gewisser Weise ja. Denn wie für die gesamte Umgestaltung der Stadt Wien im 19. Jahrhundert gab es neben moderner Aspekte in der Stadtplanung vom Baustil her viele Bezüge zur Vergangenheit. Auch am Heldenplatz. Abgesehen vom Fin de Siècle hat man in dieser Zeit keinen eigenen Stil entwickelt sondern alte Stile kopiert. Für die Habsburger wesentlich war hierbei die Barockzeit, in die der Kampf gegen die Osmanen fällt.

Weshalb auf dem Heldenplatz das Denkmal des Eugen von Savoyen aufgestellt wurde?

Prinz Eugen überdeckt von seiner Bedeutung her alle barocken Herrscher: Spricht man von der Zeit Leopolds I., Josefs I. und Karls VI., spricht man vom Zeitalter des Prinz Eugen. Er war zwar kein Habsburger, hatte aber einen Glamour der Sondersorte und galt als das große Idealbild - nicht nur bei seinen Zeitgenossen, sondern bis ins 19. Jahrhundert hinein. Außerdem war Prinz Eugen Franzose und daher mit keiner der Nationalitäten der Habsburgermonarchie besetzt. Er war ein neutrales Objekt im Nationalitätenkampf.

Allerdings wird Prinz Eugen in einer sehr eigenartigen Weise stilisiert. Denn er hat wesentlich länger gegen die Franzosen gekämpft als gegen die Osmanen. Aber letztere waren als die Erbfeinde der Christen ideologisch natürlich anders besetzt. Der Kampf gegen die Osmanen hatte viel mehr Gewicht und viel mehr Prestige. Und man konnte Gebietserwerbungen viel einfacher durchsetzen, im Vergleich zur französischen Seite zumindest.

„Es gab fast keinen Habsburger, der als Feldherr tüchtig war“

An den Kampf gegen die Franzosen erinnert am Heldenplatz stattdessen das Denkmal von Erzherzog Karl.

Es gab fast keinen Habsburger, der als Feldherr tüchtig war. So hat man eben Erzherzog Karl hingeklatscht, sozusagen als den großen Helden der habsburgischen Dynastie. Denn der „Vorkämpfer für Deutschlands Ehre“, wie er oft genannt wurde, war der Erste, der den bis dahin als unbesiegbar geltenden Napoleon geschlagen hat, in einer Schlacht, die keine Auswirkungen hatte: Die Schlacht bei Aspern hat die Geschichte nicht verändert. Das war mehr ein psychologischer Sieg.

Wie kann man sich diese Schlacht bei Aspern vorstellen?

Es war ein relativ kleines Gefecht. Erzherzog Karl war, wie viele Habsburger, Epileptiker und hatte während der Schlacht einen epileptischen Anfall. Er hat zwar das strategische Konzept für seine Söldnertruppen vorbereitet, aber mit der Fahne voran, wie am Denkmal zu sehen ist, hat er natürlich nicht gekämpft.

Und geht Eugen von Savoyens Ruhm nicht auch auf seinen Reichtum und auf seine guten Kontakte zur Geschäftswelt zurück?

Prinz Eugen ist 1683 mehr oder minder als armer Mann vor Wien aufgetaucht und hat dann innerhalb kürzester Zeit eine steile Karriere hingelegt. Natürlich kam ihm zugute, dass er als Angehöriger der savoyischen Dynastie mit allen, die in der damaligen Zeit Rang und Namen hatten, verwandt war. Das Heiratsgeflecht war ein europäisches Netzwerk der Sondersorte, es hat seine Karriere sehr gefördert. Auch vom Kaiserhof wurde er gut bezahlt. Zu seinem Reichtum kam er aber vor allem durch die Beute seiner vielen Feldzüge. Damit konnte er sich seine vielen Schlösser leisten, seine große Bibliothek, die Menagerie und einen Lebensstil, der dem der Habsburger durchaus ebenbürtig war.

Die Habsburger hatten immer schon mit Geldproblemen zu kämpfen. Wie finanzierten sie diese Kriege?

Krieg ist ein teurer Spaß, das war damals nicht anders. Finanziert wurden sie einerseits durch Kredite. Obwohl man generell nicht sehr freundlich gegenüber den Juden war, hat man jüdische Hoffaktoren gehalten, die entweder selbst Kredite gegeben oder diese aufgetrieben haben. Andererseits wurden die Kosten durch enorme Steuerbelastungen abgefangen. Sehr zum Leid der Bevölkerung, die verarmte. Die Kriege sind letztlich auf dem Rücken der Bevölkerung geführt worden.

Und wie wurde der Heldenplatz finanziert?

Nachdem die Stadtmauern und das Glacis geschliffen wurden, gab es unglaublich viel Bauland, das sehr teuer verkauft wurde. Alle Gebäude an der Ringstraße, wie die Oper oder die Museen, haben den Steuerzahlern kein Geld gekostet. Mit der Stadterweiterung konnte man so auch Profit machen. Es war eigentlich sehr klug angelegt, dass man das Geld, das man für die Grundstücke erhielt, umwidmet und fast zweckgebunden für die Gebäude an der Ringstraße verwendet hat. Und etwas Geld ist davon sicherlich auch in die Neue Hofburg geflossen.

Man muss eines bedenken: Der Heldenplatz war als imperiales Forum geplant, mit einem zweiten Flügel auf der anderen Seite, spiegelbildlich zur Neuen Burg. Vorgesehen war eine unglaublich repräsentative monumentale Architektur. Franz Joseph hat aber irgendwann das Interesse daran verloren, Franz Ferdinand bemühte sich danach noch einige Jahre darum. Letztlich warf auch er das Handtuch. Das Forum scheiterte auch an der Finanzierung. Geblieben ist nur ein Bruchstück dessen, was ursprünglich geplant war.

Entlang der Ringstraße demonstrierte das aufstrebende Großbürgertum mit ihren Palais Macht. Und die Habsburger mit dem Heldenplatz?

Natürlich. Die Hofburg hat aber einen ganz speziellen Charakter, der in anderen Dynastien nicht gegeben war. In Frankreich etwa zog man aus der Stadt raus nach Versailles und baute alles neu. Die Hofburg aber ist wie ein Einfamilienhaus, in der jede Generation ein paar Räume drangebaut hat: die mittelalterlichen Teile mit der Hofburgkapelle, die frühneuzeitlichen mit der Amalienburg oder die barocken mit dem Leopold- und dem Reichskanzleitrakt. Die Hofburg war ein wachsendes Konglomerat, um die lange Kontinuität der Familie zu repräsentieren.

Und unterhalb des Heldenplatzes war ein großer Weinkeller…

… mit einer unglaublichen Menge an teuren Flaschenweinen für die Hoftafel und Wannen mit Wein für die vielen Beamten. Das muss ein ganz toller Weinbestand gewesen sein, alles, was gut und teuer war, war dort eingelagert. Die Weinschätze wurden nach 1918 verkauft und versteigert. Österreichische Weine übrigens spielten damals keine große Rolle.

Heute zieht der Heldenplatz vor allem Touristen an, Einheimische weniger. Wie war das damals? Hatte die Bevölkerung auch was davon?

Einen relativ öffentlichen Zugang gab es bei den "Burgmurrern", wie die Wachablöse genannt wurde. Die großen Zeremonien wiederum, wie etwa die Silberhochzeit von Franz Josef, fanden an der Ringstraße statt. Dort kam es auch zu den Demonstrationen für das allgemeine Männer- und das Frauenwahlrecht. Der Heldenplatz rückte für politische Veranstaltungen erst nach 1918 ins Zentrum.

Generell konnte nicht ein jeder so einfach durchspazieren. „Security“ im modernen Sinn spielte damals aber kaum eine Rolle. Franz Josef hat nicht der in der Masse gebadet, Hände geschüttelt oder Babys geküsst. Er war zwar nicht menschenscheu, aber wahrte Distanz, ganz in der Tradition des alten spanischen Hofzeremoniells: Der Herrscher ist so überhöht, dass er mit den Menschen wenig zu tun hat. Franz Josef war die unberührbare Majestät, auch wenn er sich sehr häufig in der Öffentlichkeit zeigte.

Franz Josefs Herrschaft war gekennzeichnet von Gewalt: Die blutige Niederschlagung der Revolution in Ungarn zu Beginn seiner Amtszeit, der Erste Weltkrieg am Ende. Das Bild, das sich von ihm bis heute gehalten hat, ist allerdings ein ganz anderes.

Neben der „Sissi“-Trilogie haben vor allem auch die Filme der 1950er Jahre wie „Kaiserjäger“ oder „Kaiserball“ zur Verklärung beigetragen. Damit wollte man das Image, Teil des NS-Regimes gewesen zu sein, loswerden. Man kehrte in diesen Filmen in die ruhige, schöne alte Zeit zurück - eine Zeit, die für alle jedoch nicht so gut gewesen war. Stattdessen zeigen sie den Glanz des Hofes und einen Kaiser, der wie der liebe Gott, wie ein Deus ex Machina, zu Hilfe eilt. Solche Bilder prägen sich ein.

Letztlich kommt hinzu, dass die Habsburger seit dem 19. Jahrhundert zunehmend zu einer Spielwiese von Nicht-Wissenschaftlern geworden sind. Eine Studie über die vergangenen Jahrzehnte der Habsburgerforschung zeigt, dass die Autoren, die über die Zeit von Maximilian I. und Leopold I. schrieben, fast ausschließlich Leute von Fach sind. Was nicht notwendigerweise bedeutet, dass die Bücher mehr Fußnoten als Text haben (lacht). Ab der Zeit Maria Theresias halten sich Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft noch die Waage, während mit Franz Joseph, Sisi, und Rudolf diejenigen Bücher überhand nehmen, die zum Teil haarsträubend schlecht sind.

Davon abgesehen: Die Habsburger haben immer schon einen Mythos um sich herum aufgebaut und seit dem Mittelalter eine unglaubliche Selbstbeweihräucherung und Propaganda entfaltet. Maximilian I. mit seinen genealogischen Ideen zum Beispiel, die seine Ahnen auf den jüdischen König David sowie Isis und Osiris zurückführten, oder später Karl V., der sich als Weltenherrscher verstand. Es gibt eine ganze Reihe von Traditionen einer habsburgischen Mythologie, die in unterschiedlicher Form nachwirkt.

„Eine kulturell-emotionale Bindung an die Vergangenheit“

Allerdings ist die österreichische Identität nach wie vor zum Teil auch über eine monarchische Vergangenheit definiert.

Der Glanz des Hauses ist sicherlich im Bewusstsein vieler. Dennoch: Würde man die Menschen fragen, ob sie wieder einen Monarchie haben wollen, würden die sagen: "Nein". Das ist weniger eine politische sondern eine kulturell-emotionale Bindung an die Vergangenheit.

Streng genommen gibt es die Habsburger schon sehr lange nicht mehr.

Karl VI. war der letzte männliche Habsburger. Mit seinem Tod wäre die Familie erloschen. Was dann passierte, verstieß gegen das Adelsrecht der damaligen Zeit. Denn entgegen der zwei rechtlich abgesicherten Möglichkeiten, dass entweder Franz Stephan von Lothringen, Maria Theresia und ihre Kinder den Namen Lothringen bekommen oder aber der Name der ausgestorbenen Dynastie daran angehängt wird, nannte sich das Haus Habsburg-Lothringen. Die sogenannten Alt-Habsburger waren mit Karl VI. ausgestorben.

Zur Person


Karl Vocelka ist Historiker und Professor (im Ruhestand) für Österreichische Geschichte an der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen bei der Sozial- und Kulturgeschichte Zentraleuropas in der frühen Neuzeit, Eliten- und Frömmigkeitsgeschichte und Geschichte der Habsburger. Neben seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen ist er auch als wissenschaftlicher Leiter zahlreicher Landesausstellungen und Sonderausstellungen tätig, zuletzt für die Maria Theresia-Ausstellung in Schönbrunn, im Hofmobiliendepot, in Schlosshof und im Schloss Niederweiden. 2007 erhielt er das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien und die František Palacký-Medaille der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik.

Michaela und Karl Vocelka: Franz Joseph I. Kaiser von Österreich und König von Ungarn 1830–1916. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2015.