Ein positives Provisorium

Die erste Idee stammte bereits von Karl Renner. 1945 schlug er ein österreichisches Museum für Zeitgeschichte vor. 73 Jahre später ist es nun soweit. Direktorin Monika Sommer über den prädestinierten Standort Heldenplatz. Und warum sie so gerne hier arbeitet.


Von Matthias Winterer

Fotos: Gregor Kuntscher

Es war eine schwere Geburt. Jahrzehntelang wurde debattiert und gestritten. Erst über das Warum, später über das Wo. Seit 16 Jahren ist die Errichtung eines Hauses der Geschichte Österreich im Programm jeder Bundesregierung verankert – umgesetzt wurde sie nie. Österreich tut sich sichtlich schwer, auf seine Vergangenheit zu blicken.

Pünktlich zum 100sten Jahrestag der Ausrufung der Republik soll das Haus der Geschichte Österreich im November nun endlich eröffnen. Als Standort hat sich ausgerechnet der Heldenplatz durchgesetzt. Seine vielschichtige Vergangenheit und Symbolik ist Chance und Gefahr für ein Museum der Zeitgeschichte gleichzeitig. Man darf gespannt sein.

Monika Sommer steht im Schnee und friert. Die Historikerin, Museologin und Kuratorin ist die erste Direktorin des neuen Museums. „Das Haus der Geschichte befindet sich im westlichen Flügel“, sagt sie und deutet am Reiterdenkmal Prinz Eugens vorbei auf die Neue Burg. Touristen machen Selfies vor der neoklassizistischen Fassade. Die provisorischen Pavillons des Parlaments wirken wie Fremdkörper im historischen Ensemble des Platzes.

Wiener Zeitung: Ist der Heldenplatz der ideale Standort für das Haus der Geschichte?

Monika Sommer: Der Heldenplatz ist sicherlich ein sehr prädestinierter Standort. Im Grunde ist er so etwas wie die Bühne der Republik. Er ist der Hotspot der politischen Kundgebungen aber auch der Demonstrationen der Zivilgesellschaft. Insofern sind wir hier am richtigen Standort.

Der Heldenplatz ist also ein Ort der politischen Repräsentation und gleichzeitig ein Ort des Protestes dagegen.

Ja, aber mit diesen zwei Polen allein wird man ihm nicht gerecht. Es findet natürlich auch Alltagsleben auf dem Heldenplatz statt. Viele Menschen nutzen ihn als Erholungs- und Sportraum. Frühmorgens trainieren die Schattenboxer vor dem Theseustempel im angrenzenden Volksgarten. Hundebesitzer gehen am Heldenplatz mit ihren Hunden spazieren. Diese unterschiedlichen Ebenen, die der Platz je nach Tageszeit bekommt, finde ich spannend. Wenn man hier arbeitet, erlebt man den Platz in unterschiedlichsten Dimensionen.

„Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist eine unserer Hauptaufgaben“

Der Heldenplatz ist also abseits von Aufmärschen, Gedenkfeiern, Paraden und Events kein sinnentleerter städtischer Raum?

Ich sehe ihn schon als urbanen Platz. Er ist so etwas wie ein österreichisches Provisorium, weil er nie fertiggestellt wurde. Man kann das auch positiv sehen. Er hat ein offenes Ende. Seiner Qualität wäre es aber sicher zuträglich, wenn er komplett autofrei wäre. Das würde auch das Heldendenkmal im Äußeren Burgtor aufwerten. Diesem Monument der österreichischen Geschichte wird zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Es wartet auf eine Auseinandersetzung.

Vor der Krypta feierten alljährlich rechtsextreme Burschenschaften ihr Totengedenken und bedauerten die Niederlage Hitler-Deutschlands. Am 15. März 1938 jubelten hier Hundertausende Adolf Hitler zu. Der Heldenplatz wurde zum Symbol für die moralische Kapitulation vor dem Nationalsozialismus. Hat ein Haus der Geschichte Österreich – gerade am Heldenplatz – eine spezielle Verantwortung sich damit auseinanderzusetzen?

Die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus ist natürlich eine der Hauptaufgaben des Hauses der Geschichte Österreich, egal an welchem Standort. Wir werden deshalb schon im März 2018 einen Schwerpunkt setzen, obwohl wir eigentlich erst im November eröffnen. Die schottische Künstlerin Susan Philipsz hat eine Sound- Installation an dem Ort entwickelt, an dem Hitler 1938 den „Eintritt“ Österreichs in das Deutsche Reich verkündete - also auf dem sogenannten Altan der Neuen Burg.

Wie darf man sich das vorstellen?

Philipsz nimmt einen Gedanken auf, den der Holocaustüberlebende, Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel im Kontext einer Rede auf dem Altan 1992 formuliert hatte. Er hat gesagt, dass der Balkon nichts ist, entscheidend ist, was unten auf dem Platz passiert. Der Titel von Philipsz Arbeit lautet „The Voices“. Sie streicht mit dem Finger über mit Wasser gefüllte Stielgläser und erzeugt dadurch einen eindringlichen Ton, der an menschliche Stimmen erinnert. Es sind jene Stimmen gemeint, die durch den frenetischen Jubel auf dem Heldenplatz zum Schweigen gebracht wurden.

„Ein Ort an dem österreichische Geschichte kondensiert“

Gibt es Stimmen in der Regierung, die die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus zum Schweigen bringen wollen? Viele Regierungsmitglieder sind Mitglieder einer Partei, die sich in den 1950er-Jahren aus ehemaligen Nazis rekrutierte.

Es gibt von keiner Partei Einflussnahme auf die Konzeption der Ausstellung. Wir agieren ja auch überparteilich und sind den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung verpflichtet. Bei uns schrillen die Alarmglocken, wenn versucht wird, den Antisemitismus wieder salonfähig zu machen. Hier sind ganz klare Grenzen zu ziehen.

Im Zuge der Revolution 1848 eigneten sich Teile der Bevölkerung den Platz erstmals an. Am Heldenplatz wurde gegen den Kaiserhof demonstriert. Wird diese Geschichte im Haus der Geschichte Österreich auch beleuchtet werden?

1848 war ein zentraler Anstoß für den Kampf um demokratische Rechte in der Monarchie. Unsere Eröffnungsausstellung nimmt ihren Ausgangspunkt aber 1918, dem Jahr der Ausrufung der Republik. Natürlich gab es aber auch vor 1918 Meilensteine in der Demokratieentwicklung. Wir zeigen diese Vorgeschichte, aufgrund der begrenzten Räumlichkeiten jedoch verknappt.

Lässt sich die Geschichte Österreichs der vergangenen 150 Jahre exemplarisch anhand der Geschichte des Heldenplatzes erzählen?

Der Heldenplatz ist sicher ein Ort, an dem österreichische Geschichte kondensiert. Aber auch der Föderalismus ist beispielsweise ein wichtiger Bestandteil der österreichischen Identität. Der lässt sich am Heldenplatz nicht wirklich verorten. Der Platz deckt sicher viele Elemente der politischen Geschichte des Landes ab. Wobei Geschichte ja noch viele andere Dimensionen hat, wie etwa Gesellschaftsgeschichte. Der Heldenplatz steht klar für politische Geschichte.

„Das Frauenwahlrecht ist ein guter Grund zum Feiern“

Sind die Feierlichkeiten „Hundert Jahre Republik“ überhaupt berechtigt, wenn es nicht hundert Jahre eine Republik war?

Es fehlen etliche Jahre auf 100 Jahre Demokratie. Es gab zwei Diktaturen, die auch die Zweite Republik geprägt haben. Ich glaube aber, dass es absolut legitim ist, auf den Moment zu schauen, an dem es wirklich eine Epochenschwelle gab, nämlich auf den 12. November 1918. Es ist wichtig diesen Tag nicht nur als den ersten Tag der Republik zu begehen, oder als Tag des Zerfalls der Habsburgermonarchie. Wir sollten uns ansehen, was den Gründern der Republik tatsächlich gelang. Die österreichische Revolution war - im europäischen Vergleich – fast unblutig. Mit diesem Tag bekam das allgemeine, freie und gleiche Wahlrecht seine Gültigkeit. Es galt erstmals auch für Frauen. Das ist eine enorme demokratiepolitische Zäsur, die hier erfolgt ist. Und das ist ein guter Grund zum Feiern.

Wo halten sie sich persönlich lieber auf? Am Yppen- oder am Heldenplatz?

Sowohl als auch. Beide haben ihre Qualitäten, wenn auch völlig unterschiedliche.

Zur Person


Monika Sommer ist Historikerin, Museologin und Kuratorin. Die gebürtige Linzerin studierte Geschichte und eine Fächerkombination aus Ethnologie, Kunstgeschichte und Germanistik in Graz. An der Uni Wien dissertierte sie mit einer Arbeit zum Thema "Museum – Gedächtnis – Identität". Vor allem die Expertise in museologischen Fragen zeichnet die 43-Jährige aus. Sie war an der Akademie der Wissenschaften tätig, bevor sie von 2003 bis 2013 federführend an der Neupositionierung des WienMuseums mitarbeitete. Seit 2006 ist sie Co-Leiterin des ecm-Lehrgangs an der Universität für angewandte Kunst Wien. Am Wiener Heldenplatz konzipierte sie gemeinsam mit Heidemarie Uhl und Georg Hoffmann bereits zwei Ausstellungen, eine zum Ende des Zweiten Weltkriegs und die zweite über "Letzte Orte vor der Deportation" österreichischer Juden.