„Wir haben Macht demonstriert“

Die „Lichtermeer“-Initiatoren Friedrun Huemer und Helmut Schüller über die gespenstische Stimmung am Heldenplatz im Jahr 1993, die Kraft der Zivilgesellschaft und einen Minister, der am Abend angeklopft hat.


Von Michael Ortner

Fotos: Ursula Röck

Wien. Ein kalter Wintertag am Heldenplatz. Aus allen Richtungen strömen die Menschen herbei. Sie tragen Kerzen und Fackeln als Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit. Es ist das Jahr 1993. Die Menschen demonstrieren gegen das Ausländervolksbegehren „Österreich zuerst“ der FPÖ unter Jörg Haider. Es wird die größte Demonstration, die die Republik je gesehen hat. Zwischen 250.000 und 300.000 Menschen drängen sich auf dem geschichtsträchtigen Platz. Als „Lichtermeer“ schreibt es österreichische Geschichte. „Ein Überblick war unmöglich“, sagt Friedrun Huemer. „Ich hatte eine Gänsehaut“, sagt Helmut Schüller. Die ehemalige Stadträtin der Grünen und der Pfarrer haben gemeinsam mit André Heller, Willi Resetarits, Josef Haslinger und vielen anderen den Aufmarsch auf die Beine gestellt.

Wiener Zeitung: Wie war die Atmosphäre am Heldenplatz an diesem Abend im Jänner 1993?

Helmut Schüller: Für mich hat es sich überwältigend angefühlt. Ich hätte mir nicht zu träumen gewagt, dass so viele kommen. Das zweite Gefühl war Erleichterung. Man hat sofort gespürt, dass da Leute beieinander sind, die dasselbe wollen.

Friedrun Huemer: Es war eine sehr angenehme, friedliche Stimmung. Wir waren uns alle sehr nah, das „Wir-Gefühl“ war überwältigend. Nicht nur der Heldenplatz war voll, auch auf der Ringstraße sind noch Massen von Menschen gestanden. Es war kein Platz mehr für sie. Aus verschiedenen Richtungen sind Demonstrationszüge zum Heldenplatz gekommen, wie bei einem Sternmarsch. Es war schon schwierig, weil wenig Leute Handys besaßen und weil es viel zu laut war, um sich überhaupt via Handy zu verständigen. Wir standen alle sehr dicht aneinander und hatten Kerzen in der Hand. Man musste nur aufpassen, dass man den Mantel des anderen nicht angezündet hat. Es war im positiven Sinn gespenstisch.

Schüller: Die Zeit war reif dafür. Angefangen hat es damit, dass es einige beschäftigt hat, was da politisch abgegangen ist (Das Ausländervolksbegehren startete am 25.Jänner 1993, Anmerk.). Aber so was wie das Lichtermeer kommt ja nur zustande, wenn dieses Gefühl sehr, sehr viele haben. Wir wollten den Platz umdefinieren. Vom Platz, auf dem Adolf Hitler sprach, zum Lichtermeer-Platz.

Warum haben Sie sich für Menschenrechte engagiert?

Schüller: Bei mir hat es sich dadurch ergeben, dass ich schon Mitte der 1980er-Jahre bei der Caritas tätig geworden bin und ich vermehrt Erfahrung gemacht habe mit Geflüchteten, aber auch mit Pflegebedürftigen, jungen Arbeitslosen.

Huemer: Ich bin gelernte Psychologin und habe später eine Psychotherapieausbildung gemacht. In meinen Jobs habe ich immer Menschen kennengelernt, die Hilfe gebraucht haben. Es ist oft um Gerechtigkeit gegangen. Die meisten Initiatoren vom Lichtermeer sind irgendwie am Thema hängen geblieben.

„Wir wollten den Heldenplatz umdefinieren“ (Friedrun Huemer)

Zogen die Organisatoren politisch alle an einem Strang?

Huemer: Das war die eigentliche Zerreißprobe. Denn es ist um das Ziel gestritten worden: Was wollen wir? Den Platz umdefinieren, die Nazi-Geschichte also in den Hintergrund schieben. Oder wollen wir eine gute, fundierte Botschaft? „Wir wollen eine neue Politik“ lautete unser Motto. Das war dann schwierig. Man muss sich als Hintergrund vorstellen, dass die FPÖ damals das Ausländer-Volksbegehren angekündigt hat und das war ja auch unser Ziel, das Volksbegehren ad absurdum zu führen und eine Gegenposition zu vertreten. Und das ist ja auch geglückt. Was am wenigsten geglückt ist, ist die andere Politik.

Schüller: Es gab zwei Flügel. Die einen wollten eine sehr radikale Ansage, die Hilfsorganisation Asyl in Not zum Beispiel. Das waren hochkarätige Kämpfer gegen Ausländerfeindlichkeit. Die waren erprobt und haben uns ungeduldig zugehört. Sie wollten wirklich einen radikalen Politikwechsel. Und dann hat es die Pragmatiker geben, die wollten, dass wir möglichst viele sind und die Schwelle nicht zu hoch wird. Da sind durchaus heftige Diskussionen gelaufen. Am Schluss musste ein klarer Text stehen – ein Manifest, so haben wir es genannt. Zudem musste das Praktische gelöst werden. Horst Horvath, ein Event-Manager, ist regelmäßig ausgezuckt, wenn die ideologischen Diskussionen zu lange gedauert haben. Er hat gesagt, „Leute, wir müssen langsam entscheiden, wie groß die Bühne sein muss“.

Huemer: Wir haben so viele Menschen auf den Weg gebracht, wir haben so eine Macht demonstriert. Und die politischen Parteien haben die Zeichen der Zeit absichtlich nicht wahrgenommen. Das war schon ein großer Katzenjammer.

Das heißt, es hat sich realpolitisch nichts geändert?

Schüller: Die Schubkraft der Realpolitik ist natürlich viel stärker. Wir haben im Juni desselben Jahres ein Menschenrechtsfest auf der Donauinsel veranstaltet. Damals fand in Wien eine von der UNO organisierte internationale Menschenrechtskonferenz statt. Und da haben wir uns schon nicht mehr viel zugetraut.

„Es hat an der Tür geklingelt. Plötzlich stürmt Viktor Klima herein“ (Friedrun Huemer)

Damals gab es kein Facebook oder Twitter. Wie hat man so viele Menschen mobilisiert?

Schüller: Wir haben das heute völlig undenkbare Mittel des Plakats genommen. Das war ein ganz bescheidenes Plakat, das wurde überall angebracht. Alle Gruppen, die beteiligt waren, von der Gewerkschaft über die katholische Aktion bis hin zur Hochschülerschaft, haben ihr verfügbares Netzwerk eingesetzt.

Huemer: Ich kann mich noch erinnern, dass wir im Büro unglaublich viele Pakete geschnürt haben für die Bundesländer.

Im Nachhinein betrachtet: Die größte Demonstration der Republik ist bei ihnen im Wohnzimmer geplant worden. Wie fühlt sich das an?

Huemer: Es war schon witzig – und auch merkwürdig. Auf einmal kommen die alle zu uns nach Hause. Eines Abends hat es plötzlich an der Tür geklingelt. Ich mache auf und Viktor Klima (damals Verkehrsminister, Anmerk.) stürmt an mir vorbei.

Schüller: Mir ist damals aufgefallen, dass die Wirkung der Frauen in der Gruppe sehr wichtig war. Während die Männer dazu neigten, sich endlose Schaukämpfe zu liefern, haben die Frauen sehr lange geschwiegen. Aber im entscheidenden Augenblick haben sie wieder das Zusammenfinden ermöglicht. Es ist bemerkenswert, dass das Lichtermeer seinen Ursprung in einem Wohnzimmer hatte. Es war die Wucht der Idee, ein gemeinsames Zeichen zu setzen. Je mehr wir sind, desto stärker wird das Zeichen.

Was wollte Viktor Klima bei Ihnen?

Huemer: Er wollte dabeisitzen und wissen, was wir besprechen.

Schüller: Er wollte wissen, ob es sich eh nichts gegen die Regierung richtet, weil das war ihre größte Sorge. Sie wollten uns ja sagen, dass ihre Politik ja eh noch Gold ist, gegenüber dem, was Haider will.

„Zivilgesellschaft hat für mich auch Bürgergesellschaft im besten Sinn des Wortes geheißen“ (Helmut Schüller)

Damals waren es schätzungsweise 300.000 Menschen. Mitte Jänner demonstrierten rund 20.000 gegen die schwarz-blaue Regierung. Wie stark ist die Zivilgesellschaft heute noch?

Huemer: Ich glaube, sie kommt gerade wieder in Fahrt. Also wenn man sich überlegt, wie viele Menschen in der Unterstützung und Betreuung von Flüchtlingen involviert sind, ohne Dank zu erhalten. Da geht es ja nicht nur ums Helfen allein, sondern um das Aufbauen von Beziehungen. Die wirkliche Integrationsarbeit besteht ja darin, dass man mit den Menschen spricht, sich anfreundet, gemeinsam einen Tee trinkt. Da sind dermaßen viele Österreicher involviert – von den von den Grünen, von der SPÖ, aber auch von den Konservativen.

Schüller: Zivilgesellschaft hat für mich auch Bürgergesellschaft im besten Sinn des Wortes geheißen. Denn das sind Leute, die sich kundig gemacht haben mit den Fremdenrechtsgesetzen. Es hat damals sehr viel Informationsarbeit gegeben. Die Leute haben sich gefragt „Was macht denn unser Staat eigentlich? Welche Gesetze erlässt er?“ Der Bürger wird auch zum Kundigen, er traut sich eine Meinung zu haben und Kritik an der Fachpolitik zu üben.

Huemer: Das hat auch dazu geführt, dass langsam eine Infrastruktur aufgebaut worden ist, wie etwa eine Rechtsberatung.

Was ist übrig geblieben vom Gedanken des Lichtermeers?

Schüller: Ganz buchstäblich übrig geblieben ist der Verein SOS Mitmensch, den es heute immer noch gibt. Übrig geblieben ist auf jeden Fall, dass wir das Erlebte nicht mehr vergessen. Das bleibt wie ein Stachel in einem. Es war wichtig, sich nicht einfach mit dem Ist-Zustand zufrieden zu geben. Die Frage ist, ob die, die dabei waren, es an andere weitergeben können.

Huemer: Natürlich wollen wir, dass etwas bleibt. Nämlich, dass das Bewusstsein dafür geschärft wird, das man Dinge ändern kann.

Schüller: Das Lichtermeer war ein Zeichen dafür, dass das Österreich-Bild vollständiger wird. Manche haben vom „anderen Österreich“ gesprochen. Oft ist es ja so, dass die Politiker das Bild eines Landes prägen.

„Bei Politikerreden hat man manchmal den Eindruck, alle Flüchtlinge der Welt wollen nach Österreich“ (Helmut Schüller)

Das Lichtermeer richtete sich ja auch gegen das Ausländervolksbegehren von Jörg Haider. Kann man die FPÖ von damals mit der von heute vergleichen?

Huemer: Die FPÖ ist stärker und professioneller geworden. Bei der Rauchverbotsgeschichte wundert man sich. Dass sie nun das Rauchergesetz in einer Notvariante durchdrücken wollen, ist schon sehr seltsam.

Schüller: Die FPÖ hat sicher zustande gebracht, dass die anderen beiden Großparteien sich in vielerlei Hinsicht angeglichen haben. Bei Politikerreden hat man manchmal den Eindruck, alle Flüchtlinge der Welt wollen nach Österreich.

Ströme, Welle, Krise: Diese Rhetorik gab es unter Haider ja schon.

Huemer: Die Politik verknüpft das Wort Flüchtling immer mit negativen Attributen. Schüller: Die Flüchtlingskrise ist eigentlich eine Krise der Staaten gewesen, darauf angemessen zu reagieren. Die Menschen sind kein Strom und keine Welle. Wer heute respektlos über Geflüchtete spricht, fängt auch bald an, respektlos über hier Geborene zu sprechen.

Glauben Sie, dass es heute auch wieder ein Lichtermeer bräuchte?

Schüller: Es gibt überhaupt keinen Anlass zu denken, dass es nicht mehr nötig wäre. Es gibt eine neue Art von Wachsamkeit, die jetzt nötig ist.

Huemer: Die Demonstration gegen die Regierung im Jänner war schon beeindruckend. Es geht darum, dass Menschen, die mitmachen, spüren, dass sie nicht allein sind. Sehr berührend war auch der Abschied von Ute Bock. Ich befürchte, dass es neue Formen der Ausgrenzung geben wird – auch gegen Inländer.

Zu den Personen


Friedrun Huemer, 74, saß für die Grünen von 1996 bis 2001 im Wiener Stadtrat. Die promovierte Biologin und Psychologin zählt neben André Heller, Josef Haslinger, Willi Resetarits und anderen zu den Mitbegründerinnen der Hilfsorganisation SOS Mitmensch. 2004 wurde sie mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien ausgezeichnet. Huemer ist seit 2006 Obfrau des Vereins Hemayat, der Flüchtlinge betreut, die Opfer von Folter und Krieg geworden sind.

Helmut Schüller, 65, ist Priester der Pfarrgemeinde Probstdorf im Marchfeld. 1986 wurde er Caritas-Direktor von Wien, ab 1991 stand er auch an der Spitze der Caritas Österreich. Er zählt wie Huemer zu den maßgeblichen Initiatoren des „Lichtermeers“. 2011 sorgte sein „Aufruf zum Ungehorsam“ für tiefgreifende Reformen in der katholischen Kirche und für großes mediales Echo. Seit 2007 ist Schüller Vorstandsvorsitzender von Fairtrade Österreich.