„Niemand wollte die Republik“

Wenn Anton Pelinka über den Heldenplatz spaziert, stechen ihm „unzulässige zeitgeistliche Oberflächlichkeiten“ ins Auge.
Der Politologe über die Instrumentalisierung des Platzes, den Streit der Narrative und warum die Erste Republik zum Scheitern verurteilt war.


Von Matthias Winterer

Fotos: Gregor Kuntscher

Als Anton Pelinka zur Welt kommt, ist Österreich bereits seit drei Jahren ein Teil Nazideutschlands. „In meiner Geburtsurkunde ist ein Stempel des Großdeutschen Reiches. Nach dieser Dokumentenwahrheit war ich nach meiner Geburt also Bürger des Großdeutschen Reiches“, sagt er. Den beiden Republiken vor und nach den Jahren des Nationalsozialismus widmete er sich immer wieder in seiner Forschungsarbeit. Der desaströsen Entwicklung der Ersten und der Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik.

Auch heute steht er zwischen den provisorischen Containern des Parlaments und denkt über die bewegte Geschichte des Landes nach. Schwarzer Mantel, Baskenmütze, rote Hornbrille. Pelinka spaziert gemächlich an den Touristengruppen am Burgtor vorbei. „Der Heldenplatz ist der Hauptplatz des habsburgischen Österreichs und der Hauptplatz des republikanischen Österreichs. Er liegt genau dort, wo die Narrative zusammenstoßen“, sagt er. Die meisten Österreicher verbinden ihn trotzdem mit dem März 1938, als der autoritäre Staat endgültig in die faschistische Diktatur und das Zeitalter hemmungsloser Gewalt kippte.

Wiener Zeitung: Sie wurden drei Jahre nach dem „Anschluss“ in ein katholisch-konservatives Elternhaus geboren. Welche Bedeutung hatte der März 1938 für Ihre Familie?

Anton Pelinka: Meine Mutter war damals bei einer Versicherung angestellt. Am 15. März 1938 hat sie sich krank gemeldet, weil sie sonst von ihrem Arbeitgeber dazu gezwungen worden wäre, auf den Heldenplatz zu gehen. Mein Vater war dort, weil es meinen Eltern zu riskant erschien, wenn sich beide krank melden würden. Meine Eltern waren beide also ganz entschieden gegen den Nationalsozialismus. Das war in katholisch-konservativen Kreisen keinesfalls selbstverständlich.

Am 15. März 1938 verkündete Adolf Hitler auf dem Heldenplatz unter tosendem Beifall den „Eintritt“ Österreichs in das Deutsche Reich. Die Habsburger glorifizierten auf dem Platz Dynastie und Militär. Er ist Ort der politischen Repräsentation, aber auch des Protestes. Was verbinden Sie mit dem Heldenplatz?

Der Heldenplatz ist ein Platz, auf dem unterschiedliche Narrative und Teilwahrheiten aufeinanderprallen. Er macht wunderbar deutlich, dass es nicht ein einziges herrschendes Narrativ von Geschichte gibt, sondern den Streit der Narrative. Die Frage ist, was man unter welchen Umständen ablehnt. Ich habe hier in den 1950er-Jahren eine Schillerfeier der Burschenschaften miterlebt. Meine Sympathien waren aber bei den Gegendemonstranten, weil ich diese deutschnationale, latent nationalsozialistische Geschichtswahrnehmung als unzulässige Vereinfachung empfand. In den 1960er-Jahren war ich aktiver Teil der Demonstrationen gegen den nationalsozialistischen Universitätsprofessor Tara Borodajkewycz. 1983 fand hier der Katholikentag statt. 1993 protestierten Hunderttausende beim Lichtermeer gegen Fremdenfeindlichkeit. Der Heldenplatz ist vielfach besetzt. Er war immer ein Ort der Auseinandersetzung. Durch seine Widersprüche ist er für mich ein sehr wichtiger Platz.

Erzherzogs Karls Pferd bäumt sich über Pelinka auf. Der 20 Tonnen schwere Metallguss zeigt den Feldherren in der Schlacht von Aspern. Mit wehender Fahne schlägt er die Truppen Napoleons in die Flucht. 52 Jahre nach dem Kampf enthüllte man 1860 das monumentale Denkmal auf dem Heldenplatz. Auf der Südseite prangt die Inschrift „Dem beharrlichen Kämpfer für Deutschlands Ehre“ vom Sockel.

Das ist ein gutes Beispiel für die Widersprüchlichkeit des Platzes. Auf dem Denkmal eines Generals der kaiserlich-österreichischen Streitmächte steht „für Deutschlands Ehre“. Das ist eine Interpretation ex post. Hier wurde der anti-napoleonische Krieger im Sinne einer deutschnationalen Geschichtswahrnehmung vom kaiserlichen Österreich deutschnational instrumentalisiert. Dabei kämpfte Karl auch gegen deutsche Verbündete von Napoleon, etwa das Heer von Bayern. Zur Zeit Karls hat es Deutschland als Staat nicht gegeben. Deutschland war eine vage kulturelle Vorstellung. Diese Inschrift ist eine Ideologisierung der napoleonischen Kriege im Nachhinein und drückt nicht gerade österreichisches Selbstbewusstsein aus.

Der Heldenplatz wurde also deutschnational instrumentalisiert. Der Wiener Korporationsring bedauerte jahrelang bei ihrem Totengedenken die Niederlage Hitlerdeutschlands. Seit 2014 gibt es am Übergang zwischen Helden- und Ballhausplatz das Denkmal der Deserteure, der Verfolgten der nationalsozialistischen Militärjustiz. War dieses Denkmal als Gegenpol am Heldenplatz dringend notwendig?

Ich bin ein unbedingter Vertreter des Deserteurs-Denkmals. Aber auch dieses Denkmal ist geschichtsinterpretativ. So wie das Reiterdenkmal Erzherzog Karls wird auch hier die Geschichte im Nachhinein gedeutet.

Pelinka steuert den nordöstlichen Winkel des Heldenplatzes in Richtung Ballhausplatz an. Vor der schwarzen Paneele neben dem Denkmal für Deserteure bleibt er stehen und zeigt mit dem Finger auf eine Textstelle der Inschrift.

Inwiefern?

Die Inschrift des Denkmals ist typisch für die herrschende zeitgeistliche Oberflächlichkeit. Hier steht: „Nach Kriegsende begegnete die österreichische Gesellschaft den Überlebenden dieser Verfolgung mit Ablehnung und Feindschaft.“ Die österreichische Gesellschaft als einen einzigen Akteur zu bezeichnen ist unzulässig. Weiter steht hier: „In Österreich hielt sich lange der Opfer-Mythos.“ Das ist aber kein Mythos, das ist eine Tatsache. Der Staat Österreich war das erste Opfer Hitlerdeutschlands. Ein großer Staat erpresste seinen kleinen Nachbarn militärisch.

Ja, auf staatlicher Ebene. Aber entzieht sich Österreich so nicht wieder jeglicher Verantwortung?

Natürlich muss man zwischen Staat und Gesellschaft unterscheiden. Der Staat war Opfer. Die österreichische Gesellschaft war hingegen gespalten und widersprüchlich. Es hat Täter gegeben und Opfer. Und Opfer, die versucht haben Täter zu sein. Und Täter, die zu Opfer wurden. Viele wollten danach weder Täter noch Opfer sein. Da hat es starke opportunistische Neigung gegeben, die so taten, als ginge uns das alles nichts an, als wären alles die Deutschen gewesen. Aber ich verstehe nicht, warum man das Denkmal der Deserteure mit der Opfer-Debatte verknüpfen muss.

Die Deserteure haben versucht, sich der deutschen Kriegsmaschinerie zu entziehen. Sie haben aktiv und positiv zur Niederlage der deutschen Wehrmacht beigetragen und damit auch zur Wiederherstellung Österreichs. Im Grunde stützen die Deserteure die Opferthese. Die Teile der Gesellschaft, die den Deserteuren mit Ablehnung gegenüber gestanden sind, waren ja gerade nicht die Anhänger der Opfertheorie.

Sprechen Sie sich für ein Holocaust Mahnmal am Heldenplatz aus?

Es gibt Überlegungen, am Schmerlingplatz ein Mahnmal für die österreichischen Jüdinnen und Juden, die im Holocaust umgekommen sind zu errichten. Ich bin unbedingt der Meinung, dass es ein solches Denkmal braucht. Aber wo, ist eigentlich eine sekundäre Frage.

Vor dem Parlamentsgebäude neben dem Heldenplatz wurde 1918 die Republik ausgerufen. Sie hielt nicht lange. Bereits 1934 wurde sie vom autoritären Ständestaat abgelöst. Ab März 1938 existierte Österreich als Staat nicht mehr. War die Erste Republik zum Scheitern verurteilt?

Die Republik war eine Notlösung. In Österreich gab es keine wirkliche Revolution. Die Republik ist Österreich nach dem Ersten Weltkrieg in den Schoß gefallen. Die kaiserlich-königliche Armee hat kapituliert, der Kaiser von Österreich war weg. Was sollte man sonst tun, außer die Republik ausrufen? Sie war die beste Verlegenheitslösung, die politisch möglich war. Ignaz Seipel, die damalige Schlüsselfigur des katholisch konservativen Lagers, hat gesehen, dass die Republik unvermeidlich ist. Er wollte keine Räterepublik wie in Bayern oder Ungarn, deshalb hat er die Sozialdemokratie eingebunden. Der Konsens mit der Sozialdemokratie erschien ihm als das geringere Übel. Aber wirklich gewollt hat die Republik niemand.

Auch die Sozialdemokratie nicht?

Karl Renner war ein hoher Beamter der kaiserlichen Regierung und wäre fast Minister geworden. Die Sozialdemokratie war für einen Umbau des Kaiserreiches.

Es gab also von beiden Lagern keinen gemeinsamen Konsens für die Republik?

Es gab den schwammigen Konsens, dass die Republik keine Monarchie sein sollte. Aber eine Republik definiert sich nicht mit der Abwesenheit eines Monarchen. Es ist erstaunlich, dass die übriggebliebenen Kräfte, diese zufällig zusammengewürfelten Parlamentarier, eine grundvernünftige Verfassung zusammengebracht haben. Mit einem belastbaren Konsens darüber, was die Grundbegriffe Österreich, Demokratie, Republik zu bedeuten hätten, konnte man die Republik aber nicht füllen. Alle haben Visionen und Utopien gehabt, die die Existenz der jeweils anderen Seite ausgeschlossen hat. Daran scheiterte die Republik.

Die verschiedenen Vorstellungen von Demokratie haben die Lager also getrennt?

Karl Seitz, der Parteivorsitzende der Sozialdemokratie, sagte, dass die Demokratie zwar schön und gut sei, das eigentliche Ziel aber der Sozialismus sein müsse. Otto Bauer träumte von der gesamtdeutschen Revolution. Auf der anderen Seite wollte Seipel sein autoritäres Konzept der „wahren Demokratie“ verwirklichen, die keine Demokratie mehr war. Niemand betrachtete die Republik als endgültige Staatsform.

Demokratien scheiterten in den 1930er Jahren aber nicht nur in Österreich.

Natürlich war das klein gewordene Österreich Teil einer europäischen Entwicklung, die damals überall weg von der Demokratie geführt hat. Die großen antidemokratischen Nachbarn Italien und Deutschland haben Österreich als Spielball verwendet.

Sind die Feierlichkeiten „Hundert Jahre Republik“ überhaupt berechtigt, wenn es nicht hundert Jahre eine Republik war?

Ich würde den Begriff „feiern“ nicht verwenden. Aber es ist ein guter Zeitpunkt, um zu gedenken und zu differenzieren. Die Republik musste von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs zur Selbstständigkeit gezwungen werden. Sie haben den Anschluss des Landes an die demokratische Republik von Weimar verboten. Die Alliierten waren die Schöpfer der Republik. Nach dem Ersten, aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg.

Zur Person


Anton Pelinka wurde 1941 in Wien geboren. Von 1975 bis 2006 war er Professor für Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck. Seither lehrt er Politikwissenschaften und Nationalismusstudien an der Central European University in Budapest. Er hat zahlreiche Bücher zur Theorie der Demokratie und zum politischen System Österreichs geschrieben. In seiner letzten Publikation „Die gescheiterte Republik“ beschäftigt er sich mit Österreich in den Jahren 1918 bis 1934.