Den Heldenplatz größer denken

Der Heldenplatz ist heiß umkämpft. Die Regierung beansprucht ihn genauso wie ein ganzer Reigen an Museen und Institutionen. Er gehört aber der Bevölkerung. Die Wienerinnen und Wiener nutzen ihn jedoch kaum als Aufenthaltsort. Warum er nicht der gemütlichste Platz der Stadt sein muss, was er mit dem Flakturm zu tun hat und warum Stadt und Bund endlich miteinander reden sollten, erklärt die Kunsthistorikerin und Urbanistin Maria Welzig.


Von Matthias Winterer

Fotos: Matthias Winterer

Wiener Zeitung: Der Heldenplatz ist vielfach besetzt. Adolf Hitler hielt hier 1938 seine Rede zum „Anschluss“, 1993 demonstrierten hier Hunderttausende gegen Fremdenfeindlichkeit. Er ist Ort der politischen Repräsentation und Ort des Protestes dagegen. Er ist aber genauso alltäglicher Aufenthaltsort. Was verbinden Sie mit dem Heldenplatz?

Maria Welzig: Der Heldenplatz steht im Zentrum meiner Forschung. Und als Forscherin muss ich davor warnen, den Platz isoliert zu betrachten, sondern im Kontext mit dem gesamten Museumsareal. Die Achse vom Michaelerplatz über den Helden- und Maria Theresia-Platz bis hin zum Museumsquartier muss als stadtplanerische Einheit gedacht werden. Wenn man den Heldenplatz als isolierten Raum betrachtet, gehen viele Dinge verloren, die ihn bedeutungsvoll machen.

Es fällt schwer das von Ihnen beschriebene Areal als homogenen Raum zu sehen. Mit dem Ring und der Museumsstraße wird er von zwei stark frequentierten Verkehrsachsen durchschnitten.

Ja, die Verkehrsentwicklung hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Wahrnehmung dieses Stadtraums als „Forum“ verloren gegangen ist. Auf dem Areal wird aber auch eine gewisse Konkurrenz zwischen Stadt und Staat gut sichtbar. Für die Stadt Wien ist der gesamte Hofburgkomplex inklusive Helden- und Maria Theresia-Platz fast so etwas wie ein blinder Fleck. Sämtliche Institutionen hier sind Bundesinstitutionen. Die Burghauptmannschaft verwaltet diese Flächen. Sie ist eine Organisation des Bundes. Die Stadt verwaltet lediglich die querenden Verkehrswege. Es wäre dringend notwendig, dass sich Stadt und Bund zusammen setzten und das Areal gemeinsam in den Blick nehmen.

„Der Parkplatz vor der Neuen Burg ist ein Anachronismus“

Und gemeinsam den Verkehr verbannen?

Ich spreche mich dezidiert für einen autofreien Heldenplatz aus. Die gesamte Fläche vor der Neuen Burg wird als Parkplatz benutzt. Das ist schon ein Anachronismus. Es ist aber illusorisch zu glauben, dass der Autoverkehr in naher Zukunft von der Ring- oder Museumsstraße verschwinden wird. Ich denke hier eher an eine Lösung im Sinne des Shared-Space-Gedankens. Eine Verlangsamung des Individualverkehrs etwa. Oft reicht auch eine optische Verbindung der Plätze, wie ein einheitlicher Bodenbelag. Man würde nicht glauben, was ein Bodenbelag bewirken kann. Man könnte mit einfachen Mitteln die Anmutung eines homogenen urbanen Raumes schaffen.

Neben den übergeordneten Ebenen Stadt und Bund gibt es aber noch viele kleinere Institutionen, die um diesen Stadtraum rittern.

Jede Institution in diesem Ensemble schaut naturgemäß zunächst auf sich selber und die eigene Entwicklung. Jeder will seinen Vorplatz, seinen Teil des Platzes. Das arbeitet einer gemeinsamen Sichtweise entgegen. Es wäre jedoch wichtig, den Gesamtkontex zu betrachten. Als in den 1980er-Jahren die Hofstallungen zur Disposition standen, ist es selbstverständlich um das gesamte Areal gegangen – vom Michaelerplatz auf der einen Seite, bis zur Stiftskaserne mit dem Flakturm auf der anderen Seite. Diese Sichtweise ist danach wieder verloren gegangen.

Inwiefern spielt der Flakturm für das Areal eine Rolle?

Wenn man vom Heldenplatz redet, muss man den Flakturm in der Stiftskaserne selbstverständlich mitdenken.

Warum?

Weil es kein Zufall ist, dass der Flakturm genau hier gebaut wurde. Das war eine urbanistische Überlegung des NS-Regimes. Es gab Pläne den Flakturm nach dem „Endsieg“ mit schwarzen Steinen zu verkleiden. Die Modelle des Architekten Friedrich Tamms beziehen auch die Hofburg mit ein. Mit dem Flakturm hat sich das NS-Regime der Hofburg bemächtigt, weit über die Veranstaltung zum „Anschluss“ auf dem Heldenplatz hinaus. Heute tut man so, als würde es diese Manifestation des Nationalsozialismus mitten im Stadtzentrum nicht geben.

„Der Heldenplatz gehört der Bevölkerung“

Habsburger, „Anschluss“, Reiterdenkmäler, Gedenken. Der Heldenplatz ist ohne Zweifel ein Platz der Repräsentation. Aber ist er auch ein Platz im urbanen Sinn? Ein Platz, an dem man sich trifft?

Der Heldenplatz ist in erster Linie ein Ort der Repräsentation, der Versammlung und des Gedenkens. Das ist schon seine wichtigste Funktion. Er muss nicht unbedingt der gemütlichste Platz der Stadt sein. Trotzdem ist auch hier die zentrale Frage, wem der Platz schlussendlich gehört. Und da er natürlich der Bevölkerung gehört, halte ich es für wichtig, dass er auch informell genutzt wird. In den vergangenen 20 Jahren hat er sich zum Beispiel als Treffpunkt für Skater und BMX-Fahrer etabliert. Das finde ich gut, auch wenn das kein Denkmalschützer hören will. Es ist etwas befremdlich, dass das provisorische Parlament am Heldenplatz errichtet wurde, ohne die Öffentlichkeit zu fragen. Ich glaube, an jedem anderen Platz hätte es Proteste gegeben.

Warum gerade am Heldenplatz nicht?

Das ist die Frage. Vielleicht, weil er eben diese spezielle Funktion hat. Die Bevölkerung scheint hier eher zu akzeptieren, dass ihr Platz von der Regierung entzogen wird. In den angrenzenden Parks, dem Burg- und dem Volksgarten, ist das völlig anders. Ende der 1970er-Jahre war der Burggarten umkämpftes Gebiet. Was in Hamburg die Hausbesetzerszene war, war in Wien die Burggarten-Bewegung, die sich dafür einsetzte, auf dem Rasen sitzen zu dürfen. Das war ein Politikum. Im Volksgarten protestierten die Menschen gegen die Einzäunung des Theseustempels.

Im Gegensatz dazu eignet sich die Bevölkerung den Heldenplatz kaum an.

Naja. Man muss diese Parks schon als Erweiterung des Heldenplatzes denken. Was dort in der Vergangenheit alles passiert ist, hat für die demokratische Entwicklung des Landes eine große Rolle gespielt. Der „Erste Wiener Demokratische Frauenverein“ wurde etwa 1848 im Volksgarten gegründet. Im 20. Jahrhundert gab es eben die Burggarten-Bewegung. In den 1970er Jahren waren Burgtor und Theseustempel wichtige Treffpunkte der Gegenkultur.

„Nichts zu wagen, ist auch keine Möglichkeit“

Und heute?

Heute eignen sich eben Skatebord-Fahrer, Schattenboxer oder Frisbee-Spieler den Heldenplatz an. Es sind vor allem Szenesportarten, die auf dem Heldenplatz ausgeübt werden. Es ist eine Aneignung des Raums durch den individuellen Körper. Das hat hier sogar kulturelle Tradition, wenn man etwa an Valie Exports „Körperkonfigurationen“ auf dem Heldenplatz in den 1970er Jahren denkt oder an den „Wiener Spaziergang“ von Günter Brus Mitte der 1960er Jahre. Auch heute findet eine popkulturelle Aneignung des Heldenplatzes statt. Das Video zum Song „Fuß vom Gas“ des Hip-Hop-Musikers Skero wurde am Heldenplatz gedreht. Es spielt ganz bewusst mit dem imperial-dynastischen Image des Platzes.

Der Heldenplatz wurde nie fertiggestellt. Im Südosten steht die Neue Burg. Ihr geplantes Äquivalent im Nordwesten fehlt. Fluch oder Segen?

In meinen Augen ist es ein Segen. Diese Offenheit ist schon eine große Qualität. Die Sichtachsen reichen über das Wiener Rathaus bis zu den Hügeln im Umland der Stadt. Andererseits ist der Platz so riesig, dass das Areal noch etwas vertragen würde. Vielleicht würde dem Platz eine zeitgenössische, offene, landschaftliche Architektur gut tun. Ich scheue mich aber immer etwas davor, einen neuen Bau vorzuschlagen, weil viel schief gehen kann. Aber deshalb nichts zu wagen, ist auch keine Möglichkeit.

Zur Person


Die Kunsthistorikerin Maria Welzig beschäftigt sich seit Jahren mit dem Heldenplatz im Kontext seiner urbanen Umgebung. Vor allem die Entwicklung der Hofburg zu einem Museumsareal steht im Mittelpunkt ihrer Forschung. Gemeinsam mit Anna Stuhlpfarrer veröffentlichte sie den Sammelband „Kulturquartiere in ehemaligen Residenzen. Zwischen imperialer Kulisse und urbaner Neubesetzung. Das Wiener »Hofburg-Museums-Quartier« und internationale Entwicklungen.“ 2018 erscheint der von ihr herausgegebene Band „Die Wiener Hofburg seit 1918. Von der Residenz zum Museumsquartier.“