Wiener Wutschäumen

Die Republik stand Kopf, als vor 30 Jahren Thomas Bernhards Stück um einen jüdischen Intellektuellen, der Selbstmord begeht, am Burgtheater uraufgeführt wurde: „Heldenplatz“ geriet 1988 zum größten Theaterskandal der Zweiten Republik. Die amtierende Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann erinnert an Ereignisse, die einer „Schlacht“ glichen, und an den Triumph der Kunst über die Krakeeler.


Von Petra Paterno

Fotos: Luiza Puiu & Harry Weber

„6,5 Millionen Debile“

Österreich ist eine „geist- und kulturlose Kloake“, mit mehr „Nazis als 1938“. Im Land leben „6,5 Millionen Debile und Tobsüchtige“. In ihrer Ausgabe vom 7. Oktober 1988 veröffentlichte die „Kronen Zeitung“ aus dem Zusammenhang gerissene Satzfragmente, wie aus dem Lehrbuch des Kampagnen-Journalismus. Die Uraufführung von Thomas Bernhards Stück „Heldenplatz“ stand zwar erst für den 4. November, knapp einen Monat später, auf dem Burgtheater-Spielplan, das hielt die „Krone“ jedoch keineswegs ab, bereits Anfang Oktober die Trommel zu schlagen, mit durchschlagendem Erfolg: Die Zitate lösten einen Sturm der Empörung aus und bildeten den Auftakt für einen bis heute beispielslosen Theaterskandal.

Vom Bundespräsidenten abwärts zeigte man sich entrüstet, jemand lud vor dem Theater gleich eine Fuhre Mist ab. „Niemand von uns hätte es für möglich gehalten, dass die Uraufführung eines renommierten Autors zu einem solchen Skandal mutieren könnte“, erinnert sich Karin Bergmann im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“. Die amtierende Burg-Direktorin kam damals mit Claus Peymann nach Wien; Peymann stand der Nationalbühne von 1986 bis 1999 vor und verantwortete auch die „Heldenplatz“-Uraufführung. Bergmann war vor 30 Jahren die Pressesprecherin der Bühne: „Es war wie eine Schlacht – und ich im Auge des Taifuns.“

Im Verdrängungszentrum der Republik

Um zu begreifen, weshalb ein zeitgenössisches Theaterstück einen derartigen Sturm auszulösen vermochte, muss man sich zuerst die gesellschaftspolitische Stimmung der 1980er-Jahre vor Augen führen: 1986, im Jahr der Zäsur der Zweiten Republik, wurde Kurt Waldheim Bundespräsident, Jörg Haider FPÖ-Obmann – und Claus Peymann für Österreichs Konsenspolitik allzu streitbarer Burg-Chef. Kunst und Kultur gerieten zu bevorzugten Austragungsorten für gesellschaftspolitische Debatten, die wertkonservative Elite lief gegen jedwede progressive Kunst-Fraktion Sturm – und konnte sich dabei auf breite mediale Unterstützung verlassen.

Thomas Bernhard während der Generalprobe zu „Heldenplatz“. Foto: Harry Weber

Bereits vor „Heldenplatz“ hatte es Entrüstung gehagelt, Thomas Bernhard hatte solche Kunst-Kultur-Gefechte mehr als einmal erlebt. Nichts aber reichte an „Heldenplatz“ heran. Das Stück drang tiefer, gleichsam ins Verschwiegen- und Verdrängungszentrum der Republik. Eine Aufarbeitung der NS-Zeit, die diesen Namen verdiente, war damals nicht in Sicht; erst 1991 hielt der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky jene Rede, in der die bis dahin von offizieller Seite hochgehaltene „Opferthese“ endlich richtiggestellt wurde: Österreich trug Mitschuld an Nationalsozialismus und Kriegsgräuel. 1988 genügte das Wort „Heldenplatz“ in Verbindung mit dem Namen Thomas Bernhard, um diffuse Ängste und Bedenken zu schüren.

Kopfstand der Politik

„Das war ein medial gesteuertes Spiel, das hochgekocht wurde“, sagt Karin Bergmann. „Politiker aller Couleur sprangen auf und befeuerten die Erregung zusätzlich.“ In den Wochen vor der Premiere standen die Telefonleitungen des Burgtheaters nicht mehr still, das Wutschäumen im virtuellen Raum der Gegenwart war noch weit weg. „Jeder gab seine Meinung zum Besten, wollte einen zu einer bestimmten Position verleiten. Dabei ist alles überhaupt nicht vom Theater ausgegangen. “ Kurz vor der Premiere reagierte die Burg mit einer Stellungnahme: „Wenn Thomas Bernhard, dieser große Dichter, aber als Österreicher eines seiner Stücke hier in Wien zur Uraufführung bringt, steht hier die ahnungslose Provinzpolitik Kopf und macht in beschämender Weise Front dagegen. Und gibt sich ungeniert der Lächerlichkeit preis.“

Vizekanzler Alois Mock (ÖVP), Bundespräsident Kurt Waldheim (ÖVP) und FPÖ-Bundesparteiobmann Jörg Haider wollten das Stück absetzen lassen. Unterrichtsministerin Hilde Hawlicek (SPÖ) konterte, dass es keinesfalls eine „Zensur“ geben werde – und ermutigte Peymann: „Sie müssen durchhalten!“ Bergmann sagt: „Wir waren jeden Tag 20 Stunden im Theater. Es gab lange Probenzeiten, davor und danach haben sprachen wir bis in die Nacht hinein über nichts anderes. Die Nerven lagen blank. Claus Peymann war und ist ein Spieler, der jeder Situation dramatische Qualität abgewinnen kann. Die damalige Situation belastete ihn jedoch enorm.“

Unter Druck

Am Tag der Premiere steigerte die „Krone“ den Takt ins Hetzerische, indem sie auf der Titelseite eine Fotomontage mit einem brennenden Burgtheater brachte. „Ich erschrak und war besorgt, ob all jene, die am Theater an der Unternehmung involviert gewesen waren, auch die Nerven behielten. Man kann sich nicht vorstellen, welcher Druck auf den Schauspielern lastete. Das war eine Riesenanspannung für uns alle“, resümiert Bergmann die Stimmungslage jener Tage. „Am Tage Demonstrationen, denn Gegen-Demonstrationen, schließlich Gegen-Gegen-Demonstrationen“, notierte Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld, Bernhards Verleger, in seiner „Chronik“. Am Premierenabend war die Burg ausverkauft. Die Aufführung fand unter Polizeischutz statt.

Bergmann zeigt, wo bei der Uraufführung 1988 eine Fuhr Mist abgeladen wurde. Foto: Luiza Puiu

„Heldenplatz“ war das Stück der Stunde, in einem Land, das zwischen Erinnern-Können und Nicht-Erinnern-Wollen zerrissen schien. Der jüdische Intellektuelle und Mathematikprofessor Josef Schuster begeht in „Heldenplatz“ Selbstmord. Die Familie versammelt sich zum Begräbnis, lässt sein Leben in monologartigen Reflexionen Revue passieren: Vertreibung durch die Nazis, Emigration nach Oxford, Rückkehr nach Wien. In ein Land, das Schuster unerträglich bleibt.

Triumph der Kunst

Dokumentiert sind erboste Zwischenrufe, Buhs und demonstrativer Szenenapplaus, welche die Aufführungsdauer insgesamt von drei ein Viertel Stunden um eine weitere Stunde streckten. Schließlich der Schluss: Gezählte 32 Minuten lang wurde applaudiert, der bereits von Krankheit gezeichnete Thomas Bernhard nahm den Beifallssturm, in den sich grölend Unmutsbekundungen mischten, entgegen. Der damals noch unbekannte Heinz-Christian Strache, heute Vizekanzler der Republik, stand am 4. November inmitten rechter Störtrupps auf der Empore, reckte die Faust und brüllte zornig Richtung Bühne. „Es war ein Triumph der Kunst über die Krakeeler. Dafür hat es sich gelohnt“, sagt Karin Bergmann.

Übermaß und Heftigkeit der Erregung, von „lauter Übertreibungskünstlern“ (Bergmann) veranstaltet, wirken von heute aus betrachtet selbst wie einem Bernhard-Stück entnommen. „Die Zeit damals gehört mithin zum Eindrücklichsten, was ich in über 20 Jahren am Burgtheater erlebt habe. Wer inzwischen von Thomas Bernhard spricht, landet unweigerlich bei Radau um ,Heldenplatz‘“. Der Skandal, der heute Schulstoff ist, hat Österreich mitverändert.

Zur Person


Karin Bergmann ist seit 2014 Direktorin des Wiener Burgtheaters. Sie begann ihre Laufbahn am Theater als Direktionsassistentin am Schauspielhaus Bochum. 1986 kam sie mit dem damaligen Direktor des Burgtheaters Claus Peymann nach Wien und wurde Pressesprecherin des Theaters. Nach Zwischenstationen an den Vereinigten Bühnen Wien und an der Wiener Volksoper übernahm sie 1999 die stellvertretende Direktion des Burgtheaters unter Klaus Bachler. Nach Matthias Hartmanns Entlassung im Jahr 2014 übernahm sie die künstlerische Direktion des Hauses.