Zum Hauptinhalt springen

30 Jahre nach Kriegsende: Hoffen auf ein bosnisches Wunder

6 Min
Drei Jahrzehnte nach dem Dayton-Abkommen ringt Bosnien noch immer mit seinen Nachkriegsstrukturen und kämpft um politische Stabilität, während Reformen weiter ausstehen.
© Bildquelle: ullstein bild via Getty Images.

Vor 30 Jahren wurde der Bosnienkrieg mit dem Dayton-Abkommen eingefroren. Die staatlichen Strukturen, die damals festgelegt wurden, tragen heute Mitschuld an den vielen Krisen im Land. Trotzdem gibt es Anzeichen für Hoffnung.


Sein großer Bruder packt ihn und versucht ihm vorzuzeigen, den Kiefer so weit wie möglich aufzureißen, damit das Trommelfell nicht platzt, wenn gleich die Bombe einschlägt. Als ein Granatsplitter über ihm aufgeprallt ist, hat er den Schutt ins Auge bekommen und sich deshalb erschrocken. Das sind die allerersten Erinnerungen, die Dejan Tatić hat. Der Bosnier kam 1993, mitten im Bosnienkrieg, in Doboj zur Welt.

Im Mai 1992 nahmen serbische Paramilitäreinheiten mit Unterstützung der Jugoslawischen Volksarmee die Stadt im Nordosten des Landes ein. Es folgten Vergewaltigungen, Vertreibungen und Ermordungen. Ein Muster, das über die nächsten dreieinhalb Jahre auf den gesamten Bosnienkrieg übertragen wurde. Mit dem Dayton-Friedensabkommen wurde der Bosnienkrieg im Dezember 1995 beendet. Über 100.000 Menschen wurden ermordet und zwei Millionen aus ihren Häusern vertrieben. 30 Jahre nach Kriegsende bleibt ein System zurück, in dem nur Ethno-Nationalisten als Gewinner hervorgehen und die staatlichen Institutionen dauerhaft blockiert werden.

Was nach dem Krieg zurückbleibt

Die ersten Jahre nach dem Krieg waren für Tatić die prägendsten. „Es gab ständig Umbrüche und sehr viel Ungewissheit. Die Leute waren gestresst, die Infrastruktur und die Wirtschaft funktionierten nicht und es gab generell viel Misstrauen“, erinnert sich der 32-Jährige heute beim Interview mit der WZ in Wien. Kulturell, sozial oder pädagogisch war kein Programm da. Eine traumatisierte Elterngeneration versuchte mit den Konsequenzen des Krieges umzugehen, die Kinder blieben sich selbst überlassen.

Vor allem das Bildungssystem war überfordert und zerrüttet. „Ein Lehrer in meiner Volksschule hat sich immer sehr auffällig benommen, auf eine Art, die ich damals nicht verstehen konnte“, sagt Tatić. „Erst später hat man mir erklärt, dass sein Sohn sich im Krieg das Leben genommen hat. Und erst dann habe ich verstanden, dass er eigentlich zutiefst traumatisiert war.“ In seiner Schulklasse habe ein Viertel der Kinder keinen Vater mehr gehabt.

Tatić ist vor 12 Jahren nach Wien gekommen und hat sich mittlerweile ein stabiles Leben aufgebaut. Über seine Erfahrungen spricht er gelassen und mit Distanz. Nächstes Jahr möchte er seine Doktorarbeit in Verhaltenspsychologie abschließen. Nach Bosnien zurückkehren steht für ihn außer Frage. „Lieber hätte ich es, wenn Bosnien zu mir kommt. Und das passiert an dem Tag, an dem es Teil der EU wird“, sagt er.

Bis dahin dürfte es noch ein weiter Weg sein. Dieselben ethnischen Ideologien, die zum Krieg führten und ihn befürworteten, blühen heutzutage wieder auf.

Das bosnische Murmeltier

Generell gelten die Nachkriegsjahre in Bosnien-Herzegowina als eine Zeit des Aufbruchs. Diese Euphorie, die daraus entstand, dass nicht mehr geschossen wurde, hielt aber nur wenige Jahre an. Irgendwann wurde klar, dass das Land feststeckt. „Es entstand eine gesellschaftliche Ermüdung. Und diese Ermüdung führt zu politischer Apathie“, sagt Politikwissenschafter Vedran Džihić. Die Menschen hätten genug vom Zustand der Dauerkrise, wandern deshalb entweder aus oder ziehen sich zurück.

Die Diskussionen über Verfassungsreformen, politische Blockaden oder Ethnopolitik drehen sich ständig im Kreis. Selten gibt es neue Politiker:innen mit frischen Perspektiven, die in den Vordergrund rücken und mitbestimmen. Es sei, so Džihić, ein wenig wie im Film ‘‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘’: „Man steht jeden Tag auf und wacht in einem vermeintlich neuen Umfeld auf. In Wirklichkeit ist es aber dasselbe, das man schon kennt“, sagt er.

Auch die Hassreden der Politiker:innen sind nichts Neues. Der ehemalige Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, sagte vor einer Woche, Sarajevo würde „nach Burek stinken“. Solche Tiraden sind Geister aus den 1990er-Jahren. Für Džihić, der selbst mit seiner Familie vor dem Krieg floh, sind sie „ein moralisches Elend, das einen anekelt“.

Gezogene Handbremse

Ausgelöst wurde diese heutige Dauerschleife ohne wirklichen Fortschritt durch das Dayton-Friedensabkommen, mit dem im Dezember 1995 der Krieg beendet wurde. Der US-Sondergesandte Richard Holbrooke selbst sagte zu jener Zeit, dass nach zehn Jahren ein neues politisches System aufgebaut werden muss. Die verschiedenen Versuche scheiterten. Das System blieb gleich.

Für Miro Lazović stellte sich schon 1995 die Frage, wie ein Staat mit so einem System funktionieren soll. Er war von 1992 bis 1996 Parlamentspräsident und in dieser Funktion bei den Verhandlungen in Dayton. „Wir sind heute ein Land mit angezogener Handbremse, die manchmal etwas gelöst und andere Male stärker angezogen wird“, sagt er im WZ-Interview. Um die Handbremse ganz zu lösen, müsse sich die Politik ändern. Er betont aber, immer Optimist gewesen zu sein – auch als Jugoslawien zerfiel und während des Krieges.

Eine Lösung sieht Lazović in der Umsetzung der Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. In Straßburg wurde nämlich mehrmals entschieden, dass die bosnische Verfassung diskriminierend ist. Sie erkennt nur die drei Ethnien an: Wer sich nicht als Bosniake, Kroate oder Serbe bekennt, darf kein politisches Amt ausüben. „Die heutigen Politiker:innen werden das nicht von selbst machen. Dafür braucht es Druck von der EU und von den USA“, sagt Lazović.

Die Struktur, die durch Dayton geschaffen wurde, gibt keiner einzelnen Person oder Institution weitgehende Verantwortung oder Befugnisse. Alle Entscheidungen im staatlichen Parlament müssen auf breitem Konsens basieren. Dieser ist fast nie gegeben. So wird ein Land jahrzehntelang zum „Gefangenen des eigenen Verfassungssystems“, wie es der ehemalige Parlamentspräsident nennt. Zudem werden die nationalistischen Forderungen einer eigenen kroatischen Entität immer lauter.

Bosnisches Wunder

Und doch: Trotz Ausbleiben politischer Reformen ist das Land bestehen geblieben. Immer mehr Menschen entscheiden sich sogar dafür, nach Bosnien zurückzukehren. Der eher laissez-faire bosnische Alltagsrhythmus mit viel Spontanität, Kaffee und Schmäh liegt ihnen mehr. Vor allem der IT-Sektor ermöglicht vielen zumindest wirtschaftlich ein angenehmes Leben. In den letzten Jahren sind außerdem viele junge Initiativen entstanden, die den Status quo kritisieren, wie etwa die „Karton Revolucija“.

Džihić sieht diese Resilienz als ein „Symbol der engagierten Hoffnung“.

Naturkatastrophen wie ein Erdrutsch in Jablanica, bei dem 19 Menschen ums Leben gekommen sind, haben auch gezeigt, dass menschliche Solidarität weiterhin existiert. „Angesichts der politischen Spaltungen und Hassproduktion der Eliten ist das fast ein Wunder. Vielleicht das größte bosnische Wunder“, so Džihić.

Auch Lazović hofft auf ein Wunder. Realisierbar wäre das vor allem durch die große Diaspora. „Die jungen Menschen, die im Ausland aufgewachsen sind, sind heute angesehene und fähige Menschen. Sie haben ihre Verbindung zu Bosnien nie aufgegeben“, sagt er. Die hat auch Tatić nicht aufgegeben.

Das Land verbindet er mit Frustration und Schmerz. In der öffentlichen Wahrnehmung existiert Bosnien fast nur im Kontext von Krieg, Krise und Trauma. US-Beamt:innen nannten Bosnien in den 1990ern ein „Problem aus der Hölle“ – und heute scheint weiterhin niemand genau zu wissen, welcher Weg aus dieser paradoxen Lage führt. Und doch hält die Menschen etwas zusammen.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • 21 Tage lang verhandelten die drei Kriegsparteien – also serbische, kroatische und bosniakische Vertreter – in der Wright-Patterson Air Force Base in Dayton, Ohio über das Ende des Krieges. Sie einigten sich am 21. November und unterzeichneten das Abkommen am 14. Dezember in Paris. Es läutete eine neue Zeit ein: Der Krieg wurde beendet. Nun ging es darum, das Land wiederaufzubauen. 60.000 NATO-Soldat:innen sicherten militärisch den Frieden im Land. Für die zivile Implementation des Abkommens wurde das Büro des Hohen Repräsentanten eingerichtet. Ein von 55 Ländern ernannter Diplomat soll Reformen vorantreiben und die Stabilität bewahren. Er kann etwa Gesetze erlassen oder Politiker:innen entlassen. Zwei Österreicher, Wolfgang Petritsch (1999-2002) und Valentin Inzko (2009-2021), waren Hohe Repräsentanten des Landes. Derzeit ist es der ehemalige deutsche Landwirtschaftsminister (CSU) Christian Schmidt.
  • Der Staat wurde aufgeteilt in zwei Entitäten – die Föderation Bosnien-Herzegowina (FBiH) und die Republika Srpska (RS) – mit dem ‚neutralen‘ Verwaltungsdistrikt Brčko. Beide Entitäten haben eine eigene Regierung, wobei die FBiH nochmal aus zehn Kantonen mit ihrer jeweils eigenen Regierung besteht. Darüber steht eine schwache Zentralregierung.

Gesprächspartner:innen

  • Dejan Tatić, Psychologie-Doktorand an der Wirtschaftsuniversität Wien, geboren in Doboj
  • Miro Lazović, Parlamentspräsident der Republik Bosnien und Herzegowina (1992-1996)
  • Vedran Džihić, Senior Researcher am Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip)

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte