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„42 km sind so lang, dass du im Kopf wahnsinnig wirst.“

7 Min
Für den Wien-Marathon am Sonntag werden rund 49.000 Läufer:innen erwartet. Wie sieht der Alltag einer Marathon-Läuferin aus? Profi Julia Mayer im WZ-Interview.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Mathias Reding, Pexels.

Österreichs schnellste Marathonläuferin Julia Mayer trainiert zweimal täglich und läuft rund 200 Kilometer pro Woche. Im Interview mit der WZ spricht sie über Training, Geld im Spitzensport und warum der weibliche Zyklus Platz finden muss.


WZ I Nora Schäffler
Wie trainiert man für einen Marathon?
Julia Mayer
Ganz grob gesagt: Ich bin Profiläuferin, ich habe ganz viel Zeit dafür, oder eigentlich nur die Zeit dafür. Ich trainiere zweimal am Tag, Vormittag und Nachmittag, mit einer Pause dazwischen. Für den Marathon im Speziellen sind das viele Laufkilometer: lange Dauerläufe zwischen 20 bis 35 Kilometer, kurze Tempoläufe, Intervalle und auch lange Tempoläufe.
WZ I Nora Schäffler
Wie kann man sich so einen Trainingstag vorstellen?
Julia Mayer
Ich stehe auf, frühstücke, bereite mich vor fürs Training und gehe dann laufen. Das dauert dann alles in allem immer zwischen ein und zwei Stunden. Dann Nachbereiten mit Dehnen und Essen und dann wieder schlafen und fit sein fürs zweite Training. Und dann das Ganze noch einmal.

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WZ I Nora Schäffler
Und wie lange machst du das vor Wettkämpfen?
Julia Mayer
Eigentlich durchgehend. Die spezielle Marathonvorbereitung dauert bei mir drei bis vier Monate. Ich baue das strukturiert auf: Die Läufe beginnen nicht so lang und werden länger. Auch die Intervall-Sessions werden Marathon-spezifischer. Am Anfang ist das vielleicht noch kürzer und vielleicht ein bisschen schneller, aber je näher es Richtung Marathon geht, desto länger wird es und desto mehr ist es ans Marathon-Tempo angepasst. In der Woche davor oder in der Marathonwoche geht das Volumen zurück. Da laufe ich nicht mehr allzu viel und manchmal nur einmal am Tag, damit die Beine am Marathon-Tag frisch sind.
WZ I Nora Schäffler
Trainierst du eher allein oder auch in Gruppen?
Julia Mayer
Unterschiedlich. Ich trainiere sehr, sehr gerne allein. Ich trainiere irrsinnig gerne mit Musik, wenn ich allein unterwegs bin. Da kann ich einfach komplett abschalten. Ich trainiere aber auch gerne in Gruppen, zumindest zu zweit oder zu dritt. Das sind in meinem Fall aber immer Burschen. Ich bin zum Beispiel mit Mario Bauernfeind unterwegs, der auch einer der schnellsten Marathonläufer in Österreich ist. Das macht irrsinnig viel Spaß, weil man sich gegenseitig pushen kann. Er pusht mich mehr, aber es ist schön, wenn man Trainingspartner hat, die besser sind, wo man sich ranhängen kann.
WZ I Nora Schäffler
Worauf achtest du beim Essen?
Julia Mayer
Grundsätzlich ist es immer dasselbe. Meine Ernährung ist sehr kohlenhydratreich: sehr viel Reis, Pasta, Brot, Bananen. Das ist eigentlich der Hauptbaustein. Und drumherum schaue ich, dass ich mich sehr ausgewogen ernähre, also Obst, Gemüse und Proteine, in meinem Fall Eier, Fleisch und Fisch. In der Marathonwoche selber geht es dann eigentlich nur Richtung Carbs. Also nur noch Reis, Pasta, Bananen, weniger Fette, weniger Eiweiß, sodass der Magen am Marathon-Tag nicht so angestrengt ist.
WZ I Nora Schäffler
Was isst du während eines Marathons?
Julia Mayer
Ich nehme nur Gels und Kohlenhydrate in flüssiger Form, also mit Kohlenhydratpulver, zu mir. Während dem Rennen keine Banane oder so, das nimmt in meinem Fall einfach viel zu viel Zeit in Anspruch.
Extrem wichtig ist aber: Man trainiert, sodass der Magen daran gewöhnt ist. Wenn man für einen Marathon trainiert und am Marathon-Tag dann selber Gels nehmen will, muss man im Training die Gels ausprobieren. Also die gleiche Marke nehmen und zumindest zwei-, dreimal in der Woche beim langen Dauerlauf oder bei den langen Intervallen die Gels probieren. Es ist natürlich nicht angenehm, wenn man so viel Gels isst, aber es erfüllt seinen Zweck. Und in den besten Fällen bleibt das auch alles drinnen und man übergibt sich nicht. Und danach freut man sich sowieso auf irgendeine Gönnung, also Pasta, Pizza oder worauf man halt Lust hat.
WZ I Nora Schäffler
Woran denkst du, wenn du durchs Ziel läufst?
Julia Mayer
Auch während dem Rennen denke ich eigentlich an gar nichts. Ich fokussiere mich auf die Gruppe, die mit mir läuft oder vor mir läuft. Ich schaue, dass ich mich da komplett pushen kann und wirklich beabsichtigt an nichts anderes zu denken, damit ich nicht abgelenkt werde. Wenn ich dann im Ziel bin, ist es erstmal Erholung, Runterkommen und pure Freude, dass ich es geschafft habe. 42 Kilometer sind so lang, da freut man sich dann, wenn man im Ziel ist. Und dann fährt eh der Hunger irgendwann ein, wenn das Adrenalin unten ist. Dann freue ich mich auf alles, manchmal süß, manchmal salzig.
WZ I Nora Schäffler
Du hast schon Musik angesprochen: Hörst du Musik beim Laufen?
Julia Mayer
Im Wettkampf nicht, nein. Das ist auch grundsätzlich verboten und ur gefährlich. Ich sehe das immer wieder bei Läufen, wo viele Hobby-Sportler:innen mit Musik laufen. Das tut einem selber und auch den anderen nichts Gutes, weil man nicht weiß, was rundherum passiert. Manche Leute laufen schneller, wollen dann vorbei, können aber nicht, weil derjenige das nicht mitkriegt. Beim Wettkampf würde ich das nicht empfehlen. Beim Training finde ich es aber schon recht cool, vor allem wenn man auf Waldwegen läuft, wo auch kein Autoverkehr ist. Und wenn ich drinnen laufe, also wenn das Wetter schlecht ist und ich am Laufband laufe, dann kann ich nicht ohne Musik laufen. Das ist Priorität.
WZ I Nora Schäffler
Was pusht dich da musikalisch?
Julia Mayer
Unterschiedlich. Von Austro-Pop bis Taylor Swift. Derzeit viel die 80er, da gibt es ganz viel. Also das ist sehr stimmungsabhängig.
WZ I Nora Schäffler
Hast du Rituale oder etwas, das dir Glück bringt vor einem Lauf?
Julia Mayer
Nicht im Speziellen. Ich schau, dass ich positive Energie mitbringe für alles, was so kommt. Ich mach mich gern frisch und fesch, ich schmink mich und ich lass mir Braids machen. Das ist meine Wettkampf-Frisur, vor allem beim Marathon.
WZ I Nora Schäffler
Kommen wir kurz zum Thema Geld: Ist Marathonläuferin ein Job, von dem man leben kann?
Julia Mayer
Durch das Österreichische Bundesheer, bei dem ich als Soldatin freigestellt bin für den Sport, ja. Das ist die Spitzensportförderung. Ohne wäre es absolut nicht möglich, dass ich das mache.
WZ I Nora Schäffler
Wie schaut das bei Rennen aus? Muss man in einer gewissen Zeit laufen, um Geld zu bekommen?
Julia Mayer
Wenn der Veranstalter Preisgeld hat, dann ja. Das ist in Österreich sehr selten, aber man kann Läufe hervorheben, die das machen, weil es wirklich nur sehr wenige sind. Zum Beispiel der Österreichische Frauenlauf zählt da dazu.
Die fördern nicht nur die schnellsten Elite-Läuferinnen mit Preisgeld, sondern auch die Nachwuchs-Läuferinnen. Da bekommt jede Kategorie in der Nachwuchsklasse Preisgeld – das hat sonst kein einziger Lauf in Österreich. Die Veranstalter sind da sehr dahinter, was ich irrsinnig gut finde. In der Leichtathletik verdient man irrsinnig wenig Geld, vor allem in Österreich, da sind sie Vorreiter.
Das macht viel aus, weil gerade die Jungen sehen: „ Wenn ich mich anstrenge, ist was möglich. “ Die bleiben dann eher dran. Geld ist nicht das Einzige, was motiviert, aber es gehört definitiv dazu.
WZ I Nora Schäffler
Ab wann, würdest du sagen, zahlt es sich wirklich aus, Marathonläuferin zu sein?
Julia Mayer
Ich denke, das kann man so nicht sagen. Wenn ich zum Beispiel eine 2:15-Marathonläuferin wäre, sprich Richtung Weltspitze komme, dann würde es sich auszahlen. Dann würde ich bei den ganz großen Major Marathons gute Platzierungen machen und aufs Podest laufen.
Wenn du in den USA aufs Podest läufst, dann kriegst du schon ordentlich viel Preisgeld. Dann hast du pro Rennen so um die 50.000 Euro. Wenn du gezielt Rennen raussuchst, also wenn es dir ums Geldverdienen geht, dann musst du Weltspitze sein. Alles, was europäische Spitze ist, wird sich nicht ausgehen. Es ist ein harter Job.
Ich habe alles richtig gemacht und es war trotzdem die Hölle.
Julia Mayer, Marathon-Läuferin
WZ I Nora Schäffler
Bei so intensivem Training: Wie bringst du das Thema Periode und Sport unter einen Hut?
Julia Mayer
Es ist schwierig, das so zu takten, dass es einem passt. Zumindest acht bis zehn Tage passt es einem sowieso nicht. Und wo soll man die dann hinsetzen? Richtig timen kann man es nicht, man kann es halbwegs erträglich machen.
In meinem Fall ist das immer so, dass ich schaue, dass ich mich gut ernähre, das ist das Wichtigste. Und gleichzeitig gut strukturiert trainiere, also auch nie zu viel, und mich gut erhole. Wenn wir Frauen hormonell halbwegs im Gleichgewicht sind, dann ist es zyklusbedingt auch sehr im Gleichgewicht. Dann hat man im Idealfall weniger PMS-Symptome und eine weniger starke oder schmerzhafte Menstruation.
Ich habe schon Erfahrungen gemacht, wo ich zu viel trainiert habe und die PMS-Symptome waren die Hölle. Ich habe Erfahrungen gemacht, wo ich alles richtig gemacht habe und es war trotzdem die Hölle. Es ist von Monat zu Monat unterschiedlich und darauf muss man eingehen.
Bei mir ist es so: Wenn ich merke, ich bin am Ende vom Zyklus und die Periode steht an, dann gehe ich runter vom Gas und entspannter an, damit auch mein Nervensystem runterkommt.
WZ I Nora Schäffler
Hast du das Gefühl, in den letzten Jahren gibt es mehr Aufklärung zu dem Thema?
Julia Mayer
Ja, doch schon. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass das Verständnis da ist. Das kommt nur, wenn die Aufklärung da ist. Je mehr die Leute wissen, warum das so ist und wie man sich dabei fühlt, desto besser kann – ob Mann oder Frau – verstanden werden, dass manche Frauen extreme Schmerzen haben und sich nicht so gut fühlen und aufgrund dessen weniger Leistung bringen können. Das muss in die Köpfe reingehen.
WZ I Nora Schäffler
Gibt es auch weniger verständnisvolle Aussagen?
Julia Mayer
Ich denke schon, aber ich bin da so, dass ich das eher ignoriere. Ich kriege mit, dass es extrem gut ankommt, wenn man darüber spricht. Und je ehrlicher und offener man ist, desto besser ist das dann auch. In meinem Umfeld ist es bei Männern und Frauen eher positiv, wenn man darüber spricht und anerkennt, dass es hart und schwer ist für uns Frauen.
WZ I Nora Schäffler
Bist du schon mal während deiner Periode einen Marathon gelaufen?
Julia Mayer
Ja. Einmal, wo es gegen Ende der Periode war, und es ist richtig gut gegangen. Ein anderes Mal war es am Anfang, und das war sehr, sehr zäh, auch mit Bauchkrämpfen. Da habe ich natürlich dann auch mental zu kämpfen. Es ist immens hart. Aber wenn man dann trotzdem durchzieht, als Frau, und sich feiern lassen kann, muss man irrsinnig stolz auf sich und seinen Körper sein, denke ich.
WZ I Nora Schäffler
Hast du einen Tipp an Frauen, die so etwas anstreben wie du?
Julia Mayer
Ganz mutig und mit viel Selbstvertrauen reingehen, das ist das Wichtigste. Und sich ein Umfeld suchen, das einen versteht und supported. Das ist das Allerwichtigste. Dann hat man Spaß an der Sache und geht anders an die Dinge ran. Dann geht wenig schief – auch wenn es hart ist.

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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Julia Mayer ist aktuell Österreichs erfolgreichste Marathonläuferin.
    Sie läuft auf nationalem Topniveau und hält eine Marathon-Bestzeit von 2:26 Stunden.
  • Ein Marathon umfasst 42,195 Kilometer.
    Elite-Läufer:innen absolvieren das Rennen meist in etwa 2 bis 2,5 Stunden.
    Die Vorbereitung dauert mehrere Monate und umfasst hohe Wochenumfänge, Intervalltraining und lange Dauerläufe.

Quellen

Das Thema in der WZ

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