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In Afghanistan jährt sich die Rückkehr der Taliban sowie der Abzug der NATO-Truppen zum 5. Mal. In vielen westlichen Staaten ist das wieder einmal ein Anlass, um nicht über die eigenen Fehler zu sprechen. Warum ich das satt habe.
„Sie wollten angeblich ihre Sicherheit am Hindukusch verteidigen, doch nun ist der Hindukusch auch in Deutschland. So ist das nun einmal. Pech gehabt“, meinte ein guter Freund von mir jüngst zynisch. Der Hindukusch. So heißt die bekannte Gebirgskette in Afghanistan. Nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 war es der deutsche Verteidigungsminister Peter Struck, der behauptete, die Sicherheit Deutschlands müsse von nun an auch am Hindukusch verteidigt werden. Damit rechtfertigte er den Kriegseinsatz der NATO, der im Oktober 2001 begann.
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Wie viele andere afghanische Geflüchtete kam mein besagter Freund in den 1990er-Jahren gemeinsam mit seiner Familie in Deutschland an. Heute sieht er, wie viele von „uns“, wie sehr sich das europäische Stadtbild tatsächlich „afghanisiert“ hat: Es gibt Handyläden, Restaurants und zahlreiche andere Unternehmen, die von Afghan:innen geführt werden. Die Landessprachen Farsi und Paschto sind präsenter denn je. Man hört verschiedene Akzente und Dialekte, auch auf den Straßen Wiens, Salzburgs oder Innsbrucks.
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Doch während immer mehr Menschen die Meinung vertreten, dass einfach „zu viele“ Afghan:innen hierhergekommen seien, vor allem seit 2015, wird viel zu gerne verdrängt, dass dies nicht aus heiterem Himmel geschah.
Während im besagten Schicksalssommer 2015 viele Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien und anderswo gen Europa reisten, um Krieg, Terror und Zerstörung zu entgehen, befand ich mich als Reporter vor dem Kabuler Passamt im Westen Kabuls, wo jeden Tag Hunderte von Menschen auf ihre Dokumente warteten. Wer das Land – egal, auf welche Art und Weise – verlassen wollte, brauchte sie.
Wer mit den Menschen dort sprach, verstand schnell, was am Hindukusch falsch gelaufen war – und wie die westliche Staatengemeinschaft massiv dazu beigetragen hatte. Die afghanische Hauptstadt wurde damals regelmäßig vom Bombenterror der militant-islamistischen Taliban, die heute das Land regieren, heimgesucht, während die damalige offizielle, vom Westen gestützte Regierung aus einem korrupten Haufen bestand. Viele, die nun das Sagen hatten, waren Warlords, zwielichtige Politiker:innen und Drogenbarone, die sich seit Kriegsbeginn 2001 massiv bereicherten. Sie fuhren in teuren, kugelsicheren Autokolonnen durch die Stadt und bauten sich grässlich-pompöse Villen. Gleichzeitig herrschte in den ländlichen Regionen ein brutaler Krieg. Luftschläge der NATO, US-Drohnenangriffe und die Operationen von Spezialeinheiten trafen meist Zivilist:innen.
Kriminelle als Verbündete
Unter dem Sammelsurium der westlichen Verbündeten in Kabul befanden sich etwa Ahmad Wali Karzai, Bruder des Ex-Präsidenten Hamid Karzai, CIA-Angestellter und führender Drogenboss im Süden des Landes. Dann gab es noch den erst vor Kurzem wegen mutmaßlichen Drogenhandels und Waffenschmuggels verhaftete Warlord und Ex-Parlamentsabgeordnete Zahir Qadir, der ebenfalls eng mit US-Truppen zusammenarbeitete. Es gab auch Frauen, die sich an diesem System bereicherten, etwa die ehemalige Parlamentsabgeordnete und vermeintliche Frauenrechtsaktivistin Fawzia Koofi, die von westlichen Akteuren bis heute als weibliche Ikone romantisiert wird und sogar für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, obwohl in innerafghanischen Kreisen ihre Verstrickungen mit den mafiösen Netzwerken ihrer Familie schon seit Jahren bekannt sind. Koofi wurde vor fünf Jahren im Zuge der Machtübernahme der Taliban von den westlichen Truppen evakuiert.
Mit diesen Verbündeten wollte man allen Ernstes ein demokratisches Afghanistan aufbauen. Doch dabei waren sie es, die den neuen Staat untermauerten und aushöhlten und sich an westlichen Hilfsgeldern bereicherten. Die meisten von ihnen wurden – zumindest – zu Multimillionären. So war es auch kein Zufall, dass das meiste Geld, das nach Afghanistan floss, nicht in den Wiederaufbau des Landes floss, sondern einfach wieder hinausgeleitet wurde, etwa nach Dubai, wo das „who is who“ der afghanischen Polit-Elite Luxusimmobilien, Restaurants oder private Firmen besitzt.
Verdrängtes Thema: Geisterschulen
Wie es zu alldem kommen konnte, ist bis heute für viele Menschen unverständlich. Warum? Weil vieles kaum erklärt und aufgearbeitet wurde. Es ist richtig und wichtig, dass in diesen Tagen viele Medien auf die katastrophale Situation von Mädchen und Frauen in Afghanistan aufmerksam machen. Seit der Rückkehr der Taliban bestehen mehrere Bildungsverbote für Afghaninnen. Betroffen sind weiterhin Oberstufenschulen sowie Universitäten. Der Alltag von afghanischen Frauen ist massiv eingeschränkt. Zuletzt hieß es seitens der Sitten- und Moralwächter des Regimes sogar, dass Frauen kein Parfum auf Hochzeiten tragen sollten. Derartige Verbote sind nicht nur höchst repressiv, sondern in ihrer Auslegung auch praktisch einzigartig, weshalb auch zahlreiche muslimische Staaten die Taliban regelmäßig kritisieren.
Dennoch ist es unvollständig, ja, auch heuchlerisch, die Situation der afghanischen Frau vor 2021 zu romantisieren. Der Bildungsbereich ist ein gutes Beispiel hierfür, denn viele Afghaninnen können in vielen Regionen des Landes ohnehin keine Schule besuchen, weil es diese schlichtweg nicht gibt. Ein Grund hierfür sind unter anderem sogenannte Geisterschulen: Leerstehende Gebäude, die nur zur Schau errichtet wurden – oder die nur auf dem Papier existierten. In den Jahren vor der Rückkehr der Taliban existierten sie zuhauf. Die amerikanische Investigativjournalistin und Pulitzerpreisträgerin Azmat Khan wies im Zuge einer Recherche nach, dass allein im Jahr 2011 das afghanische Bildungsministerium mindestens 1.100 Schulen als aktiv führte und mit ausländischen Geldern finanzierte, obwohl sie in der Realität gar nicht existierten oder betrieben wurden. Stattdessen floss das Geld in die Taschen korrupter Beamter. Dass die Schulen für Mädchen gedacht seien, wurde von ihnen sogar betont, weil man wusste, dass dann eher Geld fließen würde.
Die Normalisierung der Taliban
Perfide ist auch, wie manch einer in diesen Tagen auf die Taliban blickt: Eine vermeintlich isolierte Gruppe von Fanatikern, die vor fünf Jahren plötzlich wieder an die Macht zurückkehrte und nun die Bevölkerung drangsaliert und unterdrückt. Dabei wurde die Rückkehr der Taliban zuallererst auf der diplomatischen Bühne ermöglicht, allen voran durch den sogenannten Doha Deal, der 2020 im Golfemirat Katar unterzeichnet wurde – von Taliban-Vertretern und der damaligen Trump-Administration.
Es war nämlich Donald Trump, der in seiner ersten Amtszeit unbedingt den „längsten Krieg“ der US-Geschichte beenden und wiedergewählt werden wollte und deshalb die Taliban hofierte. „Ihr seid eine taffe Truppe“, soll er zu Taliban-Führer Mullah Abdul Ghani Baradar am Telefon gesagt haben, nachdem der Deal abgesegnet war. Die eigenen afghanischen Verbündeten in Kabul, sprich, die offizielle Regierung des Landes unter Präsident Ashraf Ghani, ließ Trump schnell fallen. Dies gab den Taliban ein neues Selbstwertgefühl auf dem Schlachtfeld, während die reguläre afghanische Armee zerfiel und überrannt wurde.
Und da wir bereits beim Thema Geisterschulen waren: Es gab auch viele Geistersoldaten. Männer, die abermals nur auf dem Papier existierten, weil der korrupte Apparat in Kabul, in diesem Fall das Verteidigungsministerium, überschüssige Gehälter einstrich. Zeitgleich warteten viele echte Soldaten monatelang auf ihren Lohn. Ich traf einige von ihnen noch im Frühjahr 2021 an der Front – und hoffe, dass diese jungen Männer, die zwei Jahrzehnte lang für nichts verpulvert wurden, heute noch leben.
Immerhin herrscht nun seit fünf Jahren jene Gruppierung, die man Ende 2001 nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 gestürzt hat. „Was hat dieser Krieg überhaupt gebracht?“, fragen sich viele Afghan:innen weiterhin zu Recht.
Es wird wie gewohnt weitergemacht
Es ist eine Frage, die unbeantwortet bleibt. Sie bleibt auch unbeantwortet, weil man in Washington, Berlin, London und anderswo über die eigenen Fehler nicht sprechen will. Eingeholt wird man von diesen Fehlern weiterhin, etwa anhand der zahlreichen afghanischen Geflüchteten, die weiterhin das Land verlassen, weil sie müssen: Ex-Soldaten, die vom Regime gejagt werden. Mädchen, die nirgends studieren können. Menschenrechtsaktivist:innen und Journalist:innen, die bedroht werden – und die nie von irgendeinem NATO-Staat evakuiert worden sind, weil ihre Namen sich auf keiner der Listen befanden.
Diese Schicksale geraten in den Hintergrund, weil Europa wieder einmal mit sich selbst beschäftigt ist und Geflüchtete als emotionslose Menschenmassen, die unsere Gesellschaften bedrohen, betrachtet. In den letzten Wochen und Monaten tourten Taliban-Delegationen durch die Europäische Union. Sie waren in Wien und in Brüssel, um über Abschiebungen zu verhandeln. Und sie wissen, dass sie am längeren Hebel sitzen, weil der Diskurs in Österreich, Deutschland und anderswo nun einmal so läuft, wie er läuft: empathielos, zynisch und menschenfeindlich.
Und genau deshalb ist der 15. August, jener Tag, an dem Kabul nach 20 Jahren an die Taliban fiel, ein großer Tag der Heuchelei. Er ist ein Tag, an dem man kurz nach Afghanistan blickt, mit vermeintlich großer Sorge, Reue und etwas Demut, um im Anschluss wie gewohnt weiterzumachen.
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Infos und Quellen
Daten & Fakten
- Der 11. September 2001: Am Morgen des 11. September 2001 kaperten 19 Al-Qaida-Terroristen vier zivile US-Passagierflugzeuge und steuerten sie gezielt in zentrale Symbole der wirtschaftlichen und militärischen Macht der USA. Zwei Maschinen zertrümmerten die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York City, eine weitere traf das Pentagon bei Washington, D.C., während die vierte nach Widerstand der Insassen auf einem Feld in Pennsylvania abstürzte. Die Anschläge kosteten fast 3.000 Menschen das Leben und veranlassten US-Präsident George W. Bush zur Ausrufung des globalen „Kriegs gegen den Terror“ (War on Terror). Dieser Tag markiert einen fundamentalen Einschnitt in der internationalen Sicherheitspolitik und bildete den unmittelbaren Auslöser für tiefgreifende Geopolitische Verschiebungen, verschärfte Überwachungsgesetze sowie darauffolgende großflächige Militärinterventionen im Nahen Osten und in Zentralasien.
- Der 7. Oktober 2001: Weniger als einen Monat nach den Anschlägen begannen die USA und ihre Verbündeten am 7. Oktober 2001 mit der Operation Enduring Freedom (OEF) den Kriegseinsatz in Afghanistan. Damit begann der „Krieg gegen den Terror“ der USA. Durch intensive B-52-Luftangriffe, Marschflugkörper und punktuelle Spezialeinsätze in Kombination mit Bodentruppen verschiedener afghanischer Milizen zielte die Militäroperation darauf ab, die al-Qaida-Führung um Osama bin Laden zu zerschlagen und das beherbergende Taliban-Regime zu stürzen. Dieser Tag markierte den Beginn einer zweitjahrzehntelangen US- und NATO-Militärpräsenz, die zwar das erste Taliban-Regime binnen weniger Wochen auflöste, jedoch schlussendlich im August 2021 mit dem Abzug der internationalen Truppen und dem erneuten Kollaps der afghanischen Republik endete.
- Der 15. August 2021: Am 15. August 2021 übernahmen die Taliban nahezu kampflos die Kontrolle über die afghanische Hauptstadt Kabul und besiegelten damit das Ende der fast 20-jährigen NATO-Militärmission sowie den Zusammenbruch der vom Westen gestützten Islamischen Republik. Nach einer blitzartigen Offensive durch das ganze Land und der Flucht von Präsident Ashraf Ghani drangen Taliban-Kämpfer noch am selben Tag in den Präsidentenpalast ein. Die Bilder verzweifelter Menschen am internationalen Flughafen von Kabul, die versuchten, auf US-Militärmaschinen zu gelangen, wurden weltweit zum Symbol für das chaotische Scheitern der westlichen Intervention. Mit der Machtübernahme riefen die Taliban erneut ihr „Islamisches Emirat“ aus. Sie leiteten damit eine Welle systematischer Entrechtung – insbesondere von Mädchen und Frauen – sowie die erneute Isolation des Landes ein.
- Fluchtsommer 2015: Während der Sommer 2015 in Europa vor allem mit der Ankunft von Geflüchteten über die Balkanroute assoziiert wird, vollzog sich in Afghanistan zeitgleich eine historische Ausreisewelle. Getrieben von der Verschlechterung der Sicherheitslage, unter anderem nach dem partiellen Abzug internationaler Kampftruppen sowie von perspektivloser Armut, grassierender Korruption und dem Erstarken der Taliban spitzte sich die Lage im Land zu. Das Hauptpassamt in Kabul wurde zum Epizentrum dieser Bewegung: Täglich belagerten Tausende Menschen die Behörde, um biometrische Reisedokumente für die Flucht gen Europa zu erlangen. Afghaninnen und Afghanen stellten im Jahr 2015 nach den vom Bürgerkrieg betroffenen Syrern die zweitgrößte Gruppe von Asylsuchenden in der EU.
- Korruption und Geldfluss in die Vereinigten Arabischen Emirate: Während des zwanzigjährigen NATO-Einsatzes entwickelte sich das Emirat Dubai (VAE) zum primären Zielort für abgezweigte Hilfsgelder und Korruptionsgewinne aus Afghanistan. Über inoffizielle Finanznetzwerke sowie die afghanische Kabul Bank wurden schätzungsweise Milliarden US-Dollar in Form von Bargeld und illegalen Finanztransfers aus dem Land geschleust. Mit diesem Kapital erwarben hochrangige Politik-Eliten, Warlords, Bauunternehmer und Beamte der Islamischen Republik Afghanistan luxuriöse Immobilien, Firmenanteile und Privatresidenzen auf der Palmeninsel Palm Jumeirah oder im Business-Bay-Viertel.
- Geisterschulen: Die preisgekrönte US-amerikanische Investigativjournalistin Azmat Khan enthüllte 2015 in einer wegweisenden Recherche für BuzzFeed News das gewaltige Ausmaß der Korruption im afghanischen Bildungssektor. Khan analysierte interne, nicht öffentliche Unterlagen des afghanischen Bildungsministeriums und wies nach, dass allein im Jahr 2011 über 1.100 Schulen offiziell als aktiv geführt und mit westlichen Fördergeldern finanziert wurden, obwohl sie in der Realität gar nicht existierten oder nicht betrieben wurden. Bei eigenen Recherchen vor Ort in sieben umkämpften Provinzen besuchte Khan über 50 von den USA finanzierte Schulen und stellte fest, dass mindestens jede zehnte Schule nie gebaut wurde oder völlig ungenutzt geblieben war. Internationale Geberländer hatten die angeblichen Schulbauten – insbesondere für Mädchen – als Erfolgsprojekt vermarktet, während Millionen an Hilfsgeldern stattdessen in die Taschen korrupter Eliten und Beamter flossen.
Verbote der Taliban: Seit ihrer Rückkehr an die Macht im August 2021 haben die Taliban ein mächtiges System der Geschlechtertrennung und Diskriminierung etabliert, das Frauen und Mädchen schrittweise aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Afghanistan ist das weltweit einzige Land, in dem Mädchen der Schulbesuch ab der siebten Klasse sowie der Zugang zu Universitäten per Dekret untersagt ist. Neben den Bildungsverboten schränken immer neue Verbote – etwa das Verbot, Parkanlagen, Fitnessstudios oder öffentliche Bäder zu besuchen, sowie das jüngste Verbot des lauten Sprechens oder Parfümtragens in der Öffentlichkeit – den Alltag der afghanischen Frauen massiv ein. Trotz internationaler Isolation und scharfer Kritik aus der gesamten islamischen Welt hält die Führung in Kandahar an den repressiven Verordnungen fest. - Donald Trump und der Doha Deal: Am 29. Februar 2020 unterzeichneten die USA unter Präsident Donald Trump und Vertreter der Taliban im Golfemirat Katar das sogenannte „Abkommen zur Friedensbringung in Afghanistan“ (Doha Deal). Um sein Versprechen einzulösen, den „längsten Krieg“ der USA rechtzeitig vor den Präsidentschaftswahlen zu beenden, verhandelte Trumps Sonderbeauftragter Zalmay Khalilzad monatelang direkt mit den Taliban – unter vollständiger Umgehung der offiziellen afghanischen Regierung. Das Abkommen garantierte den vollständigen Abzug aller US- und NATO-Truppen innerhalb von 14 Monaten. Im Gegenzug sagten die Taliban lediglich zu, keine internationalen Terrorgruppen wie Al-Qaida auf afghanischem Boden zu dulden und innerafghanische Gespräche zu führen. Der Pakt entzog der regulären afghanischen Armee jeglichen Rückhalt, demoralisierte die Truppen und ebnete den Taliban schließlich den Weg zur unaufhaltsamen Machtübernahme im August 2021.
- Die Taliban und europäische Abschiebungsdebatten: Während die Taliban international nicht offiziell als legitime Regierung Afghanistans anerkannt sind, haben europäische Staaten in den vergangenen Jahren vermehrt pragmatische Arbeitsbeziehungen zu den Machthabern in Kabul aufgebaut. Getrieben vom innenpolitischen Druck in Ländern wie Deutschland und Österreich, ausreisepflichtige und straffällig gewordene afghanische Staatsangehörige abzuschieben, reisten inoffizielle Delegationen und Diplomaten des Taliban-Regimes zu technischen Gesprächen nach Europa oder trafen Vertretungen europäischer Staaten in Drittländern. Das Regime in Kabul nutzt das europäische Verlangen nach Rückführungen geschickt als Druckmittel und Hebel zur schrittweisen diplomatischen Aufwertung. Indem EU-Staaten direkt oder indirekt mit den Taliban über Abschiebelogistik und die Ausstellung von Passdokumenten verhandeln, untergraben sie ihre eigene Rhetorik zur Einhaltung von Menschenrechten und gewähren dem islamistischen Regime faktisch genau jene Legitimität, nach der es strebt.
Quellen
- The Guardian, über den Skandal rundum die „Kabul Bank“: The financial scandal that broke Afghanistan's Kabul Bank
- The Bureau of Investigative Journalism, über Luxusimmobilien afghanischer Politiker:innen in Dubai: The Afghan officials' families with luxury pads in Dubai
- Buzzfeed News, über Geisterschulen: Ghost Students, Ghost Teachers, Ghost Schools
Das Thema in der WZ
- Plötzlich Funkstille: Wenn die Taliban die Leitungen kappen
- Taliban in der Herrengasse
- Vier Jahre Taliban: Wie ist der Alltag in Afghanistan?
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