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„Besser vermitteln, wie Wissenschaft funktioniert“

7 Min
Viele Menschen erwarten, dass Wissenschaft ihnen mit ihrem Leben hilft.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty

Warum die Wissenschaftskommunikation gefordert ist, erklärt Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny.


WZ | Eva Stanzl

In Österreich besteht eine “Neigung zu Kritik und Skepsis gegenüber Wissenschaft und Demokratie“ und diese Ablehnung zieht sich durch alle Altersstufen. Was sind die Gründe?

Helga Nowotny

Für mich ist das wichtigste Ergebnis der neuen Studie, die Sie ansprechen, dass ein starker Zusammenhang zwischen Demokratie und Wissenschaft herausgekommen ist. 1942 hat der Wissenschaftssoziologe Robert K. Merton (1910-2003) einen Artikel geschrieben zu der Frage, ob Wissenschaft unter einem totalitären Regime florieren kann. Seine Antwort war nein, es braucht Demokratie, damit Wissenschaft gedeihen kann.

WZ | Eva Stanzl

Was meinen Sie damit genau?

Helga Nowotny

Totalitäre Regime sind zwar fähig, Technik zu benützen – im Zweiten Weltkrieg ging es darum, aufzurüsten und Waffen zu produzieren -, aber die Wissenschaft braucht die Freiheit. Es ist freilich keine unbegrenzte Freiheit, die die Wissenschaft in freien Demokratien genießt, sondern eine Freiheit mit Normen, die das Ethos der Wissenschaft umrahmt. Eine dieser Normen ist organisierter Skeptizismus: Keine wissenschaftliche Behauptung wird als bare Münze akzeptiert. Sondern von denjenigen, die eine wissenschaftliche Behauptung aufstellen, wird gefordert, sie nach bestimmten Regeln nachzuweisen und zu begründen. Die Begründung wiederum muss der kollektiven Einschätzung der Scientific Community standhalten.

WZ | Eva Stanzl

Was ist mit Wissenschaftsskepsis gemeint und warum ist das Thema überhaupt wichtig?

Helga Nowotny

So, wie wir das Wort „Wissenschaftsskepsis“ gebrauchen, heißt es ja nichts anderes, als ohne weitere Begründung und ohne weiteres Verständnis wissenschaftliche Tatsachen abzulehnen. An sich ist das eine Pervertierung des Wortes Skeptizismus, der für eine produktive, konstruktive Haltung in der Wissenschaft steht, wie wir sie auch von Staatsbürger:innen verlangen sollten. Skeptizismus ist eine Einstellung, eine Haltung, um nicht alles zu glauben, was jemand sagt, sondern im Sinne der Aufklärung zu argumentieren und zu verlangen, dass es so etwas wie eine Beweisführung gibt und der Diskurs nach bestimmten, akzeptierten Regeln abläuft. Eigentlich müssten wir diese Praxis fördern, indem wir sagen: Ich verlange von dir, dass du ernsthaft mit mir argumentierst, mir Beweise bringst. “Science is what we have learned about how to keep from fooling ourselves“”, sagte der US-Physiker Richard Feynman (1918-1988): Wissenschaft ist, was wir gelernt haben zu tun, um zu vermeiden, dass wir uns selbst belügen. Um also einen wissenschaftlichen Skeptizismus zu ermutigen, kann man fragen: Willst du es wirklich wissen und wissenschaftlich vorgehen oder dich selbst täuschen?

Ein Foto von Helga Nowotny
Nowotny sieht Bedarf nach einer besseren Vermittlung dessen, wie relevant Forschung ist.
© Bildquelle: apa
WZ | Eva Stanzl

Wissenschaft schafft neue Fakten. Wie funktioniert diese Suche nach neuen Fakten und was müssen wir tun, damit die Menschen ihre Bedeutung besser verstehen?

Helga Nowotny

Wir müssen besser vermitteln, wie Wissenschaft funktioniert. In der Forschung kommt es nicht nur auf das Produkt, sondern auch auf das Verfahren und die Arbeitsweise an. Sie ist ein Prozess, in dem in der Regel immer wieder neue Erkenntnisse den alten Wissensstand ablösen. Diese Eigenschaft muss man vermitteln, damit die Menschen der Wissenschaft das Vertrauen schenken, das sie verdient.

WZ | Eva Stanzl

Wie funktioniert das?

Helga Nowotny

Die Wissenschaftskommunikation in der heutigen Situation ist gefordert, über Kommunikation an sich nachzudenken. In dem Begriff steckt ja das lateinische Wort communis für gemeinsam. Was ist also die Gemeinsamkeit zwischen einer Wissenschaft, die sich vermitteln will, und den Personen, der Gesellschaft, der Öffentlichkeit, die etwas vermittelt bekommt? Wir sehen zumeist in der Vermittlung nur die eine und nicht die andere Seite. Die andere Seite heißt für mich, dass wir uns ernsthaft damit beschäftigen müssen, welche Erwartungen die Gesellschaft an die Wissenschaft und an die Demokratie hat.

WZ | Eva Stanzl

Wie darf man sich das vorstellen?

Helga Nowotny

Wir sehen Veränderungen im Bereich dessen, was die Menschen meinen, zu brauchen und von der Wissenschaft erwarten. Vor 20 Jahren waren das bessere Medikamente, ein besseres Auto, mehr Wohlstand und alles, was man unter Fortschritt subsumieren kann. Das ist heute so nicht mehr der Fall. Was die Leute heute beschäftigt, wird nicht wirklich ausgesprochen. Es geht um diffuse Ängste, um Verunsicherungen. Die meisten Menschen haben, so sehe ich es zumindest, die Erwartung an Wissenschaft und Demokratie, dass ihnen geholfen wird, in der jetzigen Situation mit ihrem Leben und der Beschleunigung in allen Bereichen fertig zu werden. Sie wollen vor den Krisen geschützt werden, die sie in verschiedenster Weise durchleben. Das sind die unausgesprochenen Erwartungen und das ist die andere Seite der Kommunikation.

WZ | Eva Stanzl

Und lässt sich auf etwas, das nicht ausgesprochen wird, konkret eingehen?

Wissenschafts­vermittlung ist keine Ein-Weg-Kommunikation.
Helga Nowotny
Helga Nowotny

Es gibt kein Rezept, wie man darauf eingehen soll, aber wir müssen uns damit beschäftigen. Wir müssen verstehen, dass die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte und Prozesse keine Ein-Weg-Kommunikation ist, sondern die Einbeziehung dessen, was die Gesellschaft einschließt, und dass man diesen Faktoren auf den Grund gehen muss.

WZ | Eva Stanzl

63 Prozent der jungen Menschen beziehen ihre Nachrichten über Social Media. Leistet die Praxis, auf verlässliche Qualitätsmedien zu verzichten, der Wissenschaftsskepsis Vorschub?

Helga Nowotny

Social Media beeinflussen die Erwartungen ebenso. Man muss mitbedenken, in welcher Weise sie das tun. Aber im Großen und Ganzen gehen die wissenschaftlich-technischen Entwicklungen für die meisten Menschen zu schnell. Es gibt so etwas wie eine Demokratie-Müdigkeit und allgemeine Desorientierung. Verschärft durch die Pandemie, als es zu wenig menschliche und zu viele Social Media-Kontakte gab, gibt es Schwierigkeiten bei der Identitätsfindung, besonders bei der jungen Generation. Wie antwortet die Wissenschaft darauf und wie ist die Demokratie gefordert? Das ist die Frage. Daher ist eine Einweg-Wissenschaftskommunikation, wie wir sie jetzt betreiben, eine Sackgasse. Wir müssen versuchen, herauszufinden, was die Menschen von Wissenschaft und der Demokratie erwarten. Das wird schwierig, weil sie es nicht klar benennen und einmal “die Eliten”, ein andermal “die Politiker” oder „das System“ verantwortlich machen – es ist ein Gemisch, dem es gilt, auf den Grund zu gehen.

WZ | Eva Stanzl

Alternativ könnte man sich ja auch zufriedengeben: Zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung, jung wie alt, nehmen eine ablehnende Haltung gegenüber den Wissenschaften ein, aber die überwiegenden 90 Prozent tun das nicht. Reicht uns das nicht ohnehin?

Helga Nowotny

Mit den zehn Prozent müssen wir leben. Wir haben beschränkte Ressourcen und Aufmerksamkeit ist eine der wichtigsten. Wenn wir uns nur darauf konzentrieren, diese zehn Prozent an Land zu holen, ist das aus meiner Sicht eine Fehlverteilung unserer Energie. Wir sollten uns um die 90 Prozent kümmern, damit sie nicht irgendwann zu den zehn Prozent überlaufen.


Infos und Quellen

Genese

Im Zuge ihrer Berichterstattung über die Erforschung des Coronavirus in der Tageszeitung "Wiener Zeitung" erlebte WZ-Redakteurin Eva Stanzl sowohl den Fortschritt als auch die Skepsis, die diese begleitete, aus erster Hand. Anlässlich der Präsentation der Studie zu den Ursachen für Wissenschaftsskepsis, die Wissenschaftsministerium und Institut für Höhere Studien (IHS) kürzlich präsentiert haben, gab die renommierte Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny der WZ am Rande des Forum Alpbach 2023 ein Interview.

Gesprächspartnerin

Helga Nowotny, Wissenschaftsforscherin und emeritierte Professorin der ETH Zürich, Gründungsmitglied des 2007 etablierten European Research Council, ERC (Europäischer Forschungsrat) und von 2010 bis 2013 dessen Präsidentin.

Quellen

Das Thema in der Wiener Zeitung