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Warum Henry Kissinger wichtig war

6 Min
Ein Foto von Henry Kissinger vom 10. Oktober 2017 im Weißen Haus.
Im Alter von 100 Jahren ist Henry Kissinger am 28. November 2023 verstorben.
© Fotocredit: Evan Vucci / AP / picturedesk.com

Idealismus, Moral und Freundschaft waren für den umstrittenen Ex-US-Außenminister keine politischen Kategorien. Heilig war ihm hingegen alles, was den Interessen der USA diente.


Henry Kissinger war einer der brillantesten strategischen Köpfe des 20. Jahrhunderts, ein Mann, dessen Einfluss auf die internationale Politik nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Jetzt ist er im Alter von 100 Jahren gestorben. Von vielen bis heute bewundert, sehen Kritiker in Kissinger hingegen einen zynischen Machttaktiker, der US-Interessen ohne jede Rücksichtnahme und auf Kosten anderer durchsetzte und dabei Menschenrechte ignorierte. Hass trifft im Fall Kissinger auf Bewunderung. Grautöne gibt es kaum.

Das Polit-Talent war bis zuletzt ein Mann des Kalten Krieges; einer jener Politiker also, denen die Konfrontation zwischen den beiden Supermächten Sowjetunion und USA zum Maßstab des Denkens und Handelns wurde.

Umstrittener Nobelpreis

Der Sohn deutscher jüdischer Emigranten war zunächst Soldat im Zweiten Weltkrieg, dann studierte er und machte als Wissenschaftler in Harvard Karriere. Berühmt-berüchtigt ist seine Bachelorarbeit, die weit über 300 Seiten umfasste und dafür sorgte, dass bis heute ein strenges Limit von 150 Seiten gilt.

Kissingers brillante analytischen Fähigkeiten fielen rasch auf, der republikanische US-Präsident Richard Nixon machte ihn 1969 zu seinem Nationalen Sicherheitsberater. 1973 wurde er zusätzlich US-Außenminister. Der Mann mit der Hornbrille trieb die Entspannung der Beziehungen mit den Sowjets voran und war maßgeblich am atomaren Abrüstungsvertrag SALT I im Jahr 1972 beteiligt. Er leitete auch eine vorsichtige Annäherung an das kommunistische Riesenreich China ein. Berühmt wurde Kissinger für seine „Shuttle-Diplomatie“ im Nahostkonflikt, in dem der diplomatische Virtuose unermüdlich mit einer Vielzahl von Reisen vermittelte. Legendär ist auch sein resigniertes Verdikt, dass dieser Konflikt unlösbar sei.

Kissinger war es schließlich auch, der für die USA einen Weg aus dem verlustreichen Vietnamkrieg fand. 1973 wurde er zusammen mit dem nordvietnamesischen Chefunterhändler Le Duc Tho für ein Waffenstillstandsabkommen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Allerdings ging der Krieg danach weiter und Tho lehnte die Ehrung von vornherein ab.

Wobei Kissinger der Rolle eines Friedensstifters in der Tat nicht gerecht wurde, die Bombardierung der Nachbarländer Vietnams, Laos und Kambodscha, sprechen eine deutliche Sprache. Scharf kritisiert wurde Kissinger auch für die zahlreichen von den USA inszenierten und unterstützen Umstürzen in Südamerika – etwa den Pinochet-Putsch in Chile 1973, wo der demokratisch gewählte Präsident Salvador Allende beseitigt wurde. Kissinger ignorierte die Massaker Pakistans im Bangladesch-Krieg 1971 und billigte Indonesiens blutigen Einmarsch in Ost-Timor 1975.

„Schmerzhaft amoralisch“

Kissinger-Biograf Walter Isaacson bezeichnete ihn fallweise als „geradezu schmerzhaft amoralisch“, Kritiker sehen in ihm sogar einen Kriegsverbrecher. Kissinger, der bis zuletzt Gast bei internationalen Konferenzen, etwa der Münchener Sicherheitskonferenz, war, räumte später Fehler zumindest indirekt ein. In den 1970er-Jahren war Kissinger wegen seiner notorischen Rechthaberei berüchtigt, mit der Übernahme des Präsidentenamtes durch Jimmy Carter war es mit der Ministerkarriere vorbei.

Weiterhin gefragt war er in der Damenwelt. Kissinger verkehrte in Washington und Hollywood gern mit den Reichen und Schönen, ihm werden zahlreiche Affären mit prominenten Frauen nachgesagt. Wobei der Mann mit den dicken Brillen und dem wirren Haar nicht auf den ersten Blick wie ein Sexsymbol wirkte. Anziehend war die Macht, die er ausstrahlte.

Henry Kissinger blieb bis zu seinem Tod ein politischer Mensch, er schrieb zahlreiche Bücher und wurde von Journalist:innen und Politiker:innen bei jeder Gelegenheit als Instanz zitiert. Zuletzt äußerte er sich zum Krieg in der Ukraine, wobei seiner Ansicht nach nicht die komplette Schuld bei Putins Russland liegt. Jetzt sei es aber besser für den Westen, die Ukraine in die Nato aufzunehmen, so das Vermächtnis des nun Verstorbenen.