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Afghanistans erster und letzter Astronaut

3 Min
Abdul Ahad Momand war einer der wenigen Muslime, die jemals im Weltall waren – und der erste und bislang letzte Astronaut Afghanistans.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Soviet space program / Spacefacts.de, Wiki Commons

Abdul Ahad Momand war der einzige Afghane im All. Nun ist er gestorben.


In den vergangenen Jahrzehnten hat Afghanistan vor allem gewaltbereite Männer hervorgebracht: Warlords, Milizionäre, religiöse Extremisten und andere bewaffnete Typen, die eher weniger als Vorbild taugten. Umso überraschter war ich, als ich zum ersten Mal den Mann mit dem Schnauzbart und dem Raumanzug sah. Ja, richtig gelesen: Afghanistan hatte einen Astronauten.

Abdul Ahad Momand war einer der wenigen Muslime, die jemals im Weltall waren – und der erste und bislang letzte Astronaut Afghanistans. Ihm ist es zu verdanken, dass neben Englisch, Russisch und den wenigen anderen Sprachen, die je im All gesprochen wurden, erstmals auch Paschtu, eine der afghanischen Amtssprachen, den Kosmos erreichte. Das geschah, als Momand kurz nach seiner Ankunft im All mit seiner Mutter in Kabul telefonierte, um ihr zu sagen, dass alles in Ordnung sei und es ihm gut gehe.

Was Afghanistan hätte werden können

Momand gehörte zu jenen afghanischen Persönlichkeiten, die ich schon immer interviewen wollte. Für viele Menschen, die ich kenne, ist er eine Art Held: jemand, der zeigt, was aus Afghanistan hätte werden können. Jemand, der Fähigkeiten mitbrachte, die so vielen anderen Figuren fehlten, die das Land in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten dominiert haben. So sehen das auch viele andere Afghan:innen: In den letzten Tagen erhielt seine Familie viele Beileidsbekundungen aus aller Welt. Es meldeten sich Vertreter:innen der alten, vom Westen gestützten Regierung aber auch Mitglieder des aktuellen Taliban-Regimes. Momand scheint alle zu vereinen. Zugegeben, hier vermischt sich einiges an Nostalgie. Doch Momands Geschichte steht für sich allein und bleibt außergewöhnlich.

Ins All gebracht haben ihn allerdings die Sowjets – jene Macht, die Afghanistan in den 1980er-Jahren mit brutaler Gewalt besetzte und dort einen Krieg gegen weite Teile der Bevölkerung führte. Auch über die Frage, warum die Wahl überhaupt auf Momand fiel, kursieren verschiedene Theorien. Die offizielle Version lautet: Für die Mission wurden zwei afghanische Piloten ausgebildet, Momand und Mohammad Dawran. Dawran galt als politisch besser vernetzt und war ranghöher, doch eine Blinddarmentzündung machte ihm einen Strich durch die Rechnung, und so rückte Momand in die Hauptcrew.

Eine Nachricht für den Frieden

Momand war Pilot der kommunistisch-afghanischen Armee, die damals vom sowjetischen Regime gestützt wurde. Auch seine Biografie hatte demnach einige Flecken, die bis heute weitgehend unbeachtet bleiben. Denn der Gesamtkontext ist wichtig: Die Sowjets waren eine brutale Besatzungsmacht und töteten über zwei Millionen Menschen. Einzelne wie Momand kann man dafür allerdings nicht verantwortlich machen. Er gilt als Held – und lebte nach seinem heroischen Einsatz in Bescheidenheit.

Seine Haltung machte er Momand bereits während seines Einsatzes deutlich: Als Symbol des Friedens nahm er den Koran mit ins All. Während seines Gesprächs mit dem damaligen afghanisch-kommunistischen Präsidenten Mohammad Najibullah waren seine Worte an ihn und die Afghan:innen auf der Erde wie folgt: „Nehmt euren Nachbar bei der Hand und legt die Waffen nieder. Lasst uns unsere Probleme friedlich im Gespräch miteinander lösen.“ Momand betonte auch, dass die Erde vom Weltall aus keine Grenzen haben würde.

Interviewen wollte ich ihn auch deshalb, weil er nur wenige Kilometer von mir entfernt wohnte: im kleinen Ort Ostfildern bei Stuttgart. Andere Journalisten hatten es immer wieder versucht. Doch Momand war ein zurückgezogener, bescheidener Mann. Er wollte nichts – und erhielt von der Politik in Afghanistan ebenso wenig, egal, wer dort gerade regierte.

Nun ist Abdul Ahad Momand nach langer Krankheit an Krebs gestorben.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Die Sowjetunion in Afghanistan: Im Dezember 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein, um die kommunistische Regierung der Demokratischen Volkspartei gegen einen wachsenden Aufstand zu stützen. Aus der geplanten kurzen Intervention wurde ein fast zehnjähriger Krieg gegen die islamistischen Mudschahedin, die von den USA, Pakistan und Saudi-Arabien mit Geld und Waffen unterstützt wurden. Bis zu rund 100.000 sowjetische Soldaten waren zeitweise im Land. Der Krieg traf vor allem die Zivilbevölkerung: Schätzungen reichen von rund einer bis zu zwei Millionen getöteten Afghan:innen, hinzu kamen Millionen Vertriebene, die nach Pakistan und in den Iran flohen. Nach dem Genfer Abkommen von 1988 zog die Rote Armee bis zum 15. Februar 1989 ab. Der verlustreiche Einsatz gilt als „sowjetisches Vietnam und trug mit zum Niedergang der UdSSR bei.
  • Das sowjetische Raumfahrtprogramm in Afghanistan und Zentralasien: Abdul Ahad Momands Flug war Teil von Interkosmos, einem sowjetischen Programm, das ab Ende der 1970er-Jahre Kosmonauten aus verbündeten und befreundeten Staaten ins All brachte. Sein Flug 1988, mitten im Afghanistankrieg, war hochgradig symbolisch: Er sollte die kommunistische Regierung in Kabul als modern und handlungsfähig inszenieren, während die Sowjetunion militärisch zunehmend in der Defensive war. Bemerkenswert ist dabei ein Widerspruch, der bis heute kaum beachtet wird: Der wichtigste Weltraumbahnhof der UdSSR, Baikonur, lag mitten in Zentralasien, im heutigen Kasachstan, doch die Menschen der zentralasiatischen Sowjetrepubliken selbst blieben im Kosmonautenkorps lange unterrepräsentiert. Der erste ethnische Kasache, Toktar Aubakirow, flog erst 1991, kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion. So startete die Sowjetunion ihre Raketen jahrzehntelang von zentralasiatischem Boden, ohne die Region selbst nennenswert an der Raumfahrt teilhaben zu lassen.

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