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Die Mode gilt als flüchtig – doch ihre Bewegungen folgen erstaunlich klaren Mustern. Eine neue Studie weist nach, dass Trends in wiederkehrenden Zyklen verlaufen.
Heute Schlaghosen, morgen Miniröcke: Modeexpert:innen und Beauty-Magazine verweisen seit langem auf die „20-Jahres-Regel“ – die Vorstellung, dass Modetrends alle zwei Jahrzehnte wieder auftauchen. Wissenschaftler:innen berichten nun: Diese Bobachtung ist keine bloße Annahme, sondern mathematische Realität.
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Das Team der Northwestern University in der US-Stadt Chicago fütterte ein Computermodell mit insgesamt 37.000 Bildern von Frauenkleidung aus dem Zeitraum von 1869 bis heute. Hauptautorin Emma Zajdela und ihre Kolleg:innen stellten damit nach eigenen Aussagen eine der umfassendsten quantitativen Datensätze zur Frauenbekleidung zusammen. Die Basis bilden historische Schnittmuster aus dem Archiv der University of Rhode Island, welches tausende Designs und Kollektionen enthält, die bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichen.
Mithilfe eigens entwickelter Tools haben die Forscher:innen die wichtigsten Merkmale der Kleidungsstücke abgemessen, wie die Saumlängen, Ausschnitte oder Positionierung der Taille. Danach wandelten sie die Designs in numerische Daten um. Und diese Daten konnten sie über Jahrzehnte hinweg messen und nachverfolgen. Zur Analyse der Daten erstellten sie ein mathematisches Modell, das auf einer einfachen Idee beruht: dem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch, aufzufallen, und dem Bedürfnis, sich anzupassen. Sobald ein Stil allzu alltäglich wird, wenden sich Designer:innen davon ab – aber nicht so weit, dass die Kleidung sofort untragbar wird.
Der Aufstieg und Niedergang von Stilen
„Im Laufe der Zeit führt dieses ständige Bestreben, sich von der jüngsten Vergangenheit zu unterscheiden, dazu, dass Stile hin- und herschwanken“, erklärt der and er Studie beteiligte Ingenieur Daniel Abrams vom Institut für Komplexe Systeme der Northwestern University in einer Aussendung der Universität. „Das System neigt von Natur aus dazu, zu oszillieren, und wir sehen diese Zyklen in den Daten.“
Die Ergebnisse zeigen ein auffälliges Muster. Während sich die Mode im Laufe der Zeit allmählich weiterentwickelt, folgen Aufstieg und Niedergang von Stilen einer sich wiederholenden Welle, die etwa alle zwei Jahrzehnte ihren Höhepunkt erreicht. Eines der deutlichsten Muster betrifft die Saumlänge. Im Laufe des letzten Jahrhunderts haben sich Rocklängen wiederholt verkürzt und verlängert – von den kürzeren Flapper-Kleidern in den 1920er-Jahren über längere, konservativere Stile in den 1950er-Jahren bis hin zu Miniröcken der späten 1960er-Jahre.
Mit den Stilen kehren offenbar auch Körperbilder zurück. Während die Body-Positivity-Bewegung, die sich für die Abschaffung unrealistischer Schönheitsideale einsetzt, bis vor Kurzem auch Plus-Size-Models in die Werbung brachte, dominiert mit der jetzigen Rückkehr des Heroin-Chic der 2000er wieder Skinny die Modeseiten.
Nischen spiegeln Vielfalt in der Mode
Außerdem verlieren die 20-Jahr-Zyklen an Deutlichkeit. Die Daten der Forscher:innen zeigen, dass ab den 1980er-Jahren eine größere Bandbreite an Rocklängen auftaucht, die zur gleichen Zeit getragen werden. Anstelle eines einzigen dominanten Trends entstehen Nischen, die eine größere Vielfalt in der Mode und ihre Demokratisierung widerspiegeln.
„Früher gab es zwei Möglichkeiten – kurze und lange Kleider“, wird Zajdela in der Aussendung zitiert. „In den letzten Jahren gibt es immer mehr Optionen: sehr kurze Kleider, bodenlange Kleider, Midi-Kleider. Mit der Zeit nimmt die Vielfalt zu und die Konformität ab.“
Nonkonformismus zeigt sich auch in immer neuen Zusammensetzungen. Outfits, die vor 20 Jahren getragen wurden, dienen heute zwar als Vorlage, werden aber anders kombiniert als damals. Während Low-Waist-Hosen in den 2000ern durchaus auch schmal getragen wurden, sind sie heute gerne baggy. Augenbrauen sind nicht mehr extra dünn, sondern eher hochgebürstet, dafür wird der Kajal wieder unter dem Auge aufgetragen. Bauchfreie Tops sind zurück, werden aber mit einer Adidas-Jacke kombiniert, was vor 20 Jahren nicht gemacht wurde.
Dass die Jogginghose außer Haus geht, ist neu. Noch bis vor Corona hielt man es eher mit Karl Lagerfeld, der der Ansicht war, dass Jogginghosen-Träger:innen die Kontrolle über ihr Leben verloren hätten. Heute wird das nicht so empfunden.
Laut den Forscher:innen können die Ergebnisse nicht nur Vorstellungen über die Lebenszyklen von Modetrends untermauern, sondern auch dazu beitragen, zu erklären, wie sich neue Ideen in der Gesellschaft verbreiten. Oder Namen. Laut Statistik Austria ist der beliebteste Vorname der im Jahr 2024 Geborenen Emilia, Emma und Marie, und Elias, Paul und Noah. Genau diese Namen begannen schon vor 20 Jahren, populär zu werden, damals reihten einige von ihnen um Platz 10 herum.
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Infos und Quellen
Quellen
- Northwestern University: Bell-bottoms today, miniskirts tomorrow: Math reveals fashion’s 20-year cycle
- Website von Emma Zajdela
- Studienpräsentation beim APS Global Physics Summit: Back in Fashion: Modeling the Cyclical Dynamics of Trends https://summit.aps.org/events/MAR-J62/6
- Commercial Pattern Archive (CoPA) der University of Rhose Island
- Statistik Austria: Emilia und Elias beliebteste Babynamen 2024
- Vorname.com: Die 50 beliebtesten Vornamen der 2000er Jahre
Das Thema in anderen Medien
- Zeit Magazin: In welchen Zyklen kehren Trends wieder?
- Scientific Reports: Modeling fashion as an emergent collective behavior of bored individuals
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