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Der erste Kuss soll vor rund 20 Millionen Jahren passiert sein. Schon unsere tierischen Vorfahren tauschten Lippen- und Zungenbekenntnisse aus.
Wer küssen will, muss freundlich sein. Alles beginnt mit einem Kuss. Küssen ist die Sprache der Liebe, also komm zu mir und sprich dich aus. I kiss better than I cook. Alle nach Hause knutschen. Es keat oanfach viel mehr gschmust.
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Sprüche wie diese finden sich heute auf Social Media, Google, auf Plakaten und Straßenampeln. Denn das Schmusen beschäftigt die Menschheit und kann sogar eine Kunst sein – damit sie gelingt, geben junge Paare auf TikTok Anleitungen für die besten Zungenküsse. So what’s in a kiss? Ein Augenblick der Glücksseligkeit, ein Moment der Hingabe, oder der Träumerei, dass sich auf einmal alles erfüllen wird, was wir uns wünschen? Im Optimalfall können Liebesküsse tatsächlich derartige Empfindungen auslösen, nicht zu vergessen ein prickelndes Gefühl. Vor allem aber sind Küsse kein Phänomen der Neuzeit, sondern sie gehen in der Menschheitsgeschichte weit zurück.
Wenn wir eine Person küssen, die wir mögen, setzt das Gehirn ein Feuerwerk der Hormone frei. Der Oxytocin-Spiegel im Blut steigt. Das Liebes- und Bindungshormon senkt den Blutdruck und beruhigt den Herzschlag. Zugleich sinkt der Anteil des Stresshormons Cortisol. Der Körper entspannt sich. Ist es der perfekte Kuss, steigt außerdem der Dopaminspiegel. Dieser Botenstoff löst Glücksgefühle aus – und den Wunsch nach mehr.
Eine Girlande in der Entwicklungsgeschichte?
Grund genug, ein Abenteuer mit den Lippen zu wagen. Schon unsere Vorfahren scheinen dieser Ansicht gewesen zu sein. Ein britisches Forschungsteam berichtet, dass bereits Primaten vor rund 20 Millionen Jahren der Macht des Kusses unterlagen.
Zunächst wollten Matilda Brindle und ihre Kolleg:innen von der renommierten Universität Oxford herausfinden, warum wir auf den Kuss gekommen sind. In der Evolution birgt der Zungenkuss nämlich das Risiko, Krankheiten zu übertragen. Außerdem ist er zur Arterhaltung nicht unbedingt notwendig. Um uns fortzupflanzen, müssten wir bloß kopulieren. Warum also diese Girlande in der Entwicklungsgeschichte?
Die Forschenden gehen davon aus, dass wir bereits beim Küssen die Sinnhaftigkeit einer möglichen Verbindung prüfen. Über Geruchsstoffe, die dabei freigesetzt werden, Pheromone genannt, können wir in Sekundenschnelle jemandes Gesundheitszustand, Mikrobiom und genetische Fitness ausmachen und herausfinden, ob wir einander schmecken und riechen können, sprich zueinander passen. Sobald das klar ist, steigert die sexuelle Erregung, die die Lippenbekenntnisse auslösen, die Paarungswahrscheinlichkeit. Der Austausch von Küssen helfe der Artenerhaltung auf die Sprünge, schreiben die Forschenden im Fachjournal Evolution and Human Behaviour. In Beziehungen sei er ein Zeichen des Vertrauens und stärke die Verbindung.
Auch Gorillas, Eisbären und Albatrosse schmusen
Küsse werden jedoch nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen anderen Tieren ausgetauscht. Um die Evolutionsgeschichte dieser Form von Zärtlichkeit nachzuvollziehen, machten Brindle und ihr Team sich einen Überblick über bekannte romantische Küsser:innen. Neben Gorillas, Orang-Utans, Schimpansen, Makaken, aber auch Albatrossen und Eisbären wurden bisher Wölfe und Präriehunde beim Mund-zu-Mund-Zungenspiel beobachtet.
In der Folge rechnete das Team die evolutionären Beziehungen zwischen Arten, von denen man vermutet, dass sie gemeinsame Vorfahren besitzen, in der Entwicklungsgeschichte zurück, und kombinierte diese Modelle mit speziellen Wahrscheinlichkeitsstatistiken. „Wir gehen davon aus, dass unsere Primaten-Vorfahren schon vor 16 bis 21 Millionen Jahren einer Vielfalt von sexuellen Aktivitäten nachgingen, und dass auch die Neandertaler Küsse austauschten“, wird Brindle in einer Aussendung zur Studie zitiert.
Versteinerte Küsse gibt es nicht
Da weder Küsse noch Weichteile wie Lippen versteinern, sprich es keine fossilen Überreste von ihnen gibt, lassen sich die Berechnungen zwar nicht direkt beweisen. Analysen fossiler Zähne haben jedoch gezeigt, dass Neandertaler und moderne Menschen ähnliche Bakterien in ihren Mundhöhlen hatten, und DNA-Untersuchungen der fossilen Überreste beider Menschenarten haben nachgewiesen, dass sie sich auch genetisch vermischt haben. Somit liegt laut den Forschenden die Annahme nahe, dass sie auch die weit verbreitete Geste des Küssens ausgetauscht haben.
Einschränkend ist zu sagen, dass diese Geste nicht überall verbreitet ist. „Viele Menschen mögen das Küssen für eine übliche universelle Handlung halten. Es ist aber nur in 46 Prozent der menschlichen Kulturen dokumentiert“, hebt die US-Psychologin Catherine Talbot vom Florida Institute of Technology in einer Aussendung zur Studie hervor. „Daraus ergibt sich die Frage, ob Küssen nicht im Zuge der biologischen, sondern der kulturellen Evolution entstanden ist.“
Kulturell erlernt ist in jedem Fall der politische Kuss. Der sozialistische Bruderkuss etwa war ein Begrüßungsritual, das die Solidarität zwischen kommunistischen Staatsführern ausdrückte. Er umfasste eine Umarmung und oft das dreifache Küssen auf die Wangen, in einigen Fällen auch auf den Mund. Er ist allerdings nicht, womit wir uns hier befassen. Vielmehr begann alles mit dem Kuss schon lange, bevor wir Menschen überhaupt auf der Bildfläche auftraten.
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Infos und Quellen
Quellen
- Evolution and Human behavior: A comparative approach to the evolution of kissing
- University of Oxford: Ape ancestors and Neanderthals likely kissed, new analysis finds
- Max-Plank-Institut für Geoanthropologie: Die erstaunliche Entwicklungsgeschichte unserer Mundflora
- mdr Geschichte: Wie die DDR die Welt küsste: Der sozialistische Bruderkuss
- science.lu: Der Kuss in der wissenschaftlichen Betrachtung
Daten und Fakten
Schmusen ist gesund: 6,4 Kalorien verbrennen wir beim Küssen pro Minute. Bei einem leidenschaftlichen Kuss sind es sogar bis zu 20 Kalorien pro Minute. Das wissenschaftliche Fachgebiet der Kussforschung nennt sich Philematologie. Forscher:innen haben herausgefunden, dass zwei Drittel aller Menschen ihren Kopf beim Schmusen nach rechts neigen, und dass ein durchschnittlicher Kuss etwa 12 Sekunden dauert. Außerdem soll Küssen das Immunsystem stärken und uns langsamer altern lassen. Auch für den Straßenverkehr ist Rumknutschen gut, denn Menschen, die frisch geküsst ins Auto steigen, fahren weniger aggressiv. Beim Küssen werden über 100 Milliarden Nervenzellen angeregt und der Anteil von Glückshormonen und Adrenalin im Blut steigt. Mehr darüber im Faktencheck des Senders Deutsche Welle.
Das Thema in anderen Medien
- science.orf.at: Küssen seit 20 Millionen Jahren verbreitet
- BBC: First kiss dates back 21 million years, say scientists
- Focus: Auch Neandertaler taten es: Forscher entschlüsseln das Geheimnis des Küssens
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